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Portrait: Die erklärliche Leichtigkeit des Seins

15 Juli 2009 No Comment

von rokko rehbein

Über die Notwendigkeiten eines besseren Lebens und das Geheimnis von  Zufriedenheit. Ein Portrait von Irina Kolyada aus Tscherkassy. 

Wir hatten uns zufällig kennengelernt, zu den Studieneinführungstagen vor vier Jahren, glaube ich. Ihr Freund hatte mich angesprochen, wollte irgendwas wissen, aber zum Schluss saßen wir drei zusammen und er bat mich süffisant, doch auf sie aufzupassen, wenn er nicht in der Nähe sei. Sie und ich, wir haben uns schon damals recht gut verstanden. Ich mochte ihre freundliche, offene Art, außerdem interessierte mich ihre Geschichte. Beide kamen aus der Ukraine, aus Tscherkassy, einer Universitätsstadt südlich von Kiew, beide begannen ihr Studium in Thüringen, er in Erfurt und sie an der FSU.

Alles war neu und Deutschland für Irina ein Land, dessen Sprache sie zwar in der Ukraine gelernt hatte, ihrer Meinung nach aber recht schlecht sprechen konnte. Ich wusste nicht viel vom Land, in dem sie aufgewachsen war und in dem sie studiert hatte. Ein Land, das sie verlassen hatte, weil sie mehr wollte als ein Studium, das mangelhaft auf den Lehrerberuf vorbereitet, da selbst die Lehrkräfte schlecht ausgebildet waren.

Verzweifeltes Lachen über die Missstände im eigenen Land
Heute sitzen wir zusammen in der Mensa und sie muss lachen, wenn sie sich daran erinnert, wie ihr an ihrer ukrainischen Universität der Stoff in einem Didaktikkurs von einem 60 Jahre alten Didaktiker mit sowjetischen Zeitungen vermittelt wurde. Irina verdreht die Augen und ihre Gesichtszüge verraten, dass sie fast peinlich berührt ist. Das Studium hat sie nun fast geschafft, zurück aber möchte sie nicht. Sie liebt ihr Land, ihre Familie ist dort zu Hause, doch die Möglichkeiten seien begrenzt. Als sie ein Praktikum an einer Schule ihres Heimatorts absolvierte, realisierte sie die Grenzen der alten Welt. Ihre Tutorin an der Schule wurde in einer Besprechung in die Schranken verwiesen, weil sie die Methoden an der Schule und die Ausbildung an ukrainischen Universitäten kritisierte. Das Lehrerkolleg widersprach ihr, die stellvertretende Direktorin strafte sie ab. Nein, Weiterentwicklung sei dort nicht möglich. Viele Lehrer an staatlichen Schulen müssten Nachhilfe geben, um überhaupt über die Runden zu kommen. Materialien seien oft kaum vorhanden und müssten in Eigeninitiative besorgt werden.

Am meisten aber störe sie die Korruption. Die orangefarbene Revolution sei verblasst, den Menschen gehe es nicht wesentlich besser. Man müsse nur die richtigen Leute kennen, schwach würden die bei Dingen, die uns hier fast trivial erscheinen. Bekommen könne man dafür so ziemlich alles – Prestige, Bildung, Abschlüsse. Aber, und dabei schaut sie wieder so entwaffnend offen, die Menschen in der Ukraine seien auch dankbarer.

Es geht nicht nur um Geld, Geld!
Hier in Deutschland sei sie manchmal enttäuscht von der Unzufriedenheit der Menschen. So oft höre sie, wie Freunde sich beschweren. Sie verbrächten ihre Zeit damit, sich Sorgen zu machen und wollten selbst Spontaneität planen. Sie lacht und sagt: „Wenn wir in der Ukraine in einen Club gehen wollten, dann mussten wir fast einen Monat darauf sparen. Aber wenn einer unserer Freunde ein Auto hatte, dann sind wir losgefahren, picknicken – irgendwas! Man braucht nicht nur Geld, Geld … verstehst du? Darum geht es mir nicht. Klar, materiell ist es in Deutschland wesentlich besser. Aber das allein macht langweilig. Die Lust und das Lachen, das fehlt mir hier manchmal an den Menschen.“

Allerdings – und das ist ihr selbst ein wenig unangenehm – musste auch sie sich hier umstellen und dazulernen, vor allem was das Sparen angeht. Wasser und Strom seien in der Ukraine viel preiswerter gewesen. Für einen monatlichen Fixbetrag hätte man so viel verbrauchen können wie man wollte. In Erfurt hingegen endete das erste Jahr in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund mit einer deftigen Nachzahlung. Und ganz klar ist ihr immer noch nicht, wieso man für ein Allgemeingut wie Wasser so viel Geld bezahlen muss. Aber das seien Dinge, an die man sich gewöhnen kann.

Wir essen auf und ich begleite sie noch ein kleines Stück über den Campus. Dann verabschieden wir uns, sie lacht und winkt kurz, bevor sie sich endgültig auf den Weg macht. Ich bleibe noch stehen, schaue ihr nach und freue mich darauf, dass ich mich gleich noch mit ein paar Freunden treffe. Ganz spontan.

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