Home » EinBlick

„Organisierte Verantwortungslosigkeit“

21 Januar 2015 No Comment

Die Räumlichkeiten des Förderzentrums mussten entkernt werden (Foto: privat)

Bosnien erlitt Anfang 2014 schwere Flutschäden ­– nicht nur materiell, sondern auch politisch. Ein Jenaer Doktorand berichtet von seinen Eindrücken und die unique sprach mit dem Thüringer Georg Schiel, der sich vor Ort für behinderte Menschen einsetzt.

unique: Herr Schiel, das Förderzentrum für Menschen mit Behinderung in Maglaj existiert seit 2006. Wie ist generell die Situation behinderter Menschen in Bosnien und Herzegowina?
Schiel: Menschen mit Behinderung werden entweder in ihren Familien untergebracht, die sie beschämt vor der Gesellschaft behüten oder gar verstecken, oder aber in große und überfüllte psychiatrische Einrichtungen eingewiesen, wo sie lediglich medikamentös ruhig gestellt werden. Deshalb sind solche Einrichtungen wie das Zentrum in Maglaj Hoffnungsinseln und umso bitterer ist es, dass es durch das Hochwasser total zerstört wurde.

Wie wurde das Zentrum von den Anwohnern in Maglaj aufgenommen?
Als wir vor zehn Jahren mit der Arbeit anfingen, haben wir auf einer ehrenamtlichen Initiative der Sozialamtsleiterin in Maglaj aufgebaut, die mit einigen behinderten Kindern einmal pro Woche eine Stunde kreative Arbeiten gemacht hat. Mit Mitteln aus dem Strukturpaket für Osteuropa und der Stiftung „Schüler helfen leben“, haben wir dann 2006 diese Einrichtung übernommen. Seit etwa Anfang 2009 finanziert sich das Zentrum ausschließlich aus bosnischen Mitteln. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben es auch wirklich geschafft, das Zentrum zu einem integralen Bestandteil der Gemeinde Maglaj zu machen.

Gab es nach der Flut auch entsprechende Solidarität von Seiten der Bevölkerung?
Da war jeder erst einmal mit sich selbst beschäftigt. Aber es gab viel Solidarität aus anderen Gemeinden, die nicht oder wenig von der Flut betroffen waren. Außerdem konnten wir Übergangsräumlichkeiten in einer Grundschule finden. Wir können sehr dankbar sein für die Unterstützung der freiwilligen Helfer und für die Spenden in Form von Unterrichtsmaterialien, Mobiliar und so weiter.

Haben Sie auch Hilfe seitens der bosnischen Behörden bekommen?
Wir als Einrichtung haben überhaupt keine Hilfe bekommen. Es wurde viel geredet, aber wirkliche Hilfe für die vielen Menschen, die ihre Häuser verloren habe, gab es kaum. Wenn etwas passiert ist, dann ist das meist auf Betreiben der Europäischen Union erfolgt.

Lag das an mangelndem Willen oder eher mangelnden Kapazitäten?
Die Behörden sind mit solch einer Katastrophensituation vollkommen überfordert. Es ist dann klar, dass die organisierte Verantwortungslosigkeit, die die Strukturen in Bosnien und Herzegowina prägt, nicht dazu funktionieren kann, um in solch einer Situation den Menschen zu helfen. Hinzu kommt die katastrophale Situation der öffentlichen Haushalte – es hatte eigentlich auch keiner vor Ort finanzielle Hilfe von den Behörden erwartet.

Denken Sie, dass durch die Flut und die Proteste etwas in der Gesellschaft in Bewegung geraten ist?
Wenn man nach der Flut etwa mit ausländischen Korrespondenten gesprochen hat, waren sie voller Bewunderung: „Diese Leute stecken den Kopf nicht in den Sand, sondern versuchen, ihre Lage zu verbessern.“ Nun, die Menschen hier sind es gewohnt, zu improvisieren – das ist ein Bestandteil ihres Alltags. Was die Proteste angeht, die sich ja unabhängig von der Flut gegen die gesellschaftlichen Zustände gerichtet haben: Ob sich an diesen in den nächsten Jahren etwas ändern wird, das wage ich, nach all meinen Erfahrungen vor Ort, zu bezweifeln.

Herr Schiel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Hochwasser und politischer Stillstand Bosnien erlitt Anfang 2014 schwere Flutschäden ­– nicht nur materiell, sondern auch politisch. Ein Jenaer Doktorand berichtet von seinen Eindrücken und die unique sprach mit dem Thüringer Georg Schiel, der sich vor Ort für behinderte Menschen einsetzt. von Sebastian Goll...
  2. Spenden für die Flutopfer in Bosnien Graduiertenkolleg „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ in Jena wirbt um Unterstützung vom Team des DFG-Graduiertenkollegs 1412 Ende September/ Anfang Oktober 2014 unternahm das DFG-Graduiertenkolleg 1412 „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine Studienreise nach...
  3. Keine organisierte Pauschalreise Begründet auf langjährigen Kontakten zu einer Hochschule in Namibia, konnte im September 2013 die erste Summer School der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena in Windhuk stattfinden. von Anne Frankfurt – Abu Dhabi – Johannisburg – Windhuk oder doch direkt von Frankfurt nach...
  4. Balancieren am Bosporus
    Deutsche Jugendpresse organisierte Projekt in Berlin und Istanbul
    von Christian Franke Am besten fängt man klein an, wenn man Balancieren lernen möchte, und nimmt sich langsam Größeres vor. So schien es eine gute Idee, eine Recherchefahrt der Deutschen Jugendpresse mit dem Titel „Balanceakt. Türkische Jugend abseits der Medien.“...
  5. Gefangen in der Kriegs-Blase Bosnien zwischen ethnonationalistischem Irrsinn, Traumata und Lethargie: Eindrücke einer Studentin über ihr Geburtsland. von Andrea Jonjic Bosnien und Herzegowina – man denkt an Krieg, an ethnische Konflikte, an etwas weit Entferntes. Gern würde ich diese Konnotationen zurückweisen, sagen, „das ist...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>