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Ohne Worte

18 März 2018 No Comment

Foto: flickr-User Ninara

In einem thailändischen Schweigekloster können sich Touristen für zehn Tage einem intensiven Meditations-Training unterziehen: Vipassana im Selbstversuch.

von Lea

Ein Leben voller Stress – immer auf dem Sprung, stets die Zukunft vorausplanen… Wie kommt man da zur Ruhe, entwickelt eine gesunde Einstellung zum Leben und findet eine Balance? Einen Schritt auf dem Weg zu mir selbst und zu innerer Ruhe habe ich in einem abgelegenen Kloster im Urwald Thailands gemacht.
Den Samen für diese Idee säte ein Backpacker-Pärchen am Flughafen in Bali, als es mir von seiner erhellenden Silent- Retreat-Erfahrung berichtet hat: Es sei eine spirituelle Reise für den Geist, Tiefenentspannung und völlige Besinnung in einer wäldlich-idyllischen Abgeschiedenheit gewesen – das musste ich auch machen!
Einige Tage vor Antritt meines persönlichen Abenteuers kamen dann dennoch Zweifel: Mir wurde bewusst, dass ich mich aufs Intensivste mit mir selbst würde konfrontieren müssen. Könnte ich zehn Tage lang ein 17-Stunden-Programm in selbstauferlegter Abschottung, allein mit meinen verborgensten Gedanken und ohne Ablenkung meistern? Was hatte ich mir damals nur gedacht?
Trotzdem trete ich voller Ehrgeiz die Reise zur buddhistischen Anlage an. Die muss jeder selbst in die Hand nehmen, vorbuchen kann man hier nichts, im Gegenteil; selbst die Kosten für das Retreat beruhen lediglich auf einer freiwilligen Spende – also kein „Pauschal-Selbstfindungstrip“. Hier läuft es nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ ab: Insgesamt gibt es 60 Plätze, sind diese vergeben, ist man zu spät. Ich bin die 57. – noch mal Glück gehabt! Am ersten Abend bilden wir dann einen bunt gemischten Haufen aus Menschen aller Kontinente, einen Mix aus Jung und Alt.
In den ersten Stunden bleibt uns noch Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen. Es stellt sich heraus, dass viele meine Bedenken teilen und ebenfalls Angst haben, nicht durchzuhalten.
Bevor das Schweigen eingeläutet wird, dürfen wir noch unser spartanisches Kämmerchen beziehen. Abgesehen von einem Besen, einem Moskitonetz und einer dünnen Matratze, die in ihren Ausmaßen eher für 1,40 Meter große Kinder gemacht scheint, ist der Raum leer. Von Ablenkung ist hier wirklich nichts mehr zu sehen. Um uns diese auch nicht anderweitig holen zu können, müssen wir noch all unsere technischen Geräte, Pässe und Geldbeutel abgeben – die erste Lektion zur Findung des persönlichen Glücks gänzlich ohne materielle Dinge. Na ja, vielleicht auch, um potentiellen „Fluchtgedanken“ besser widerstehen zu können…

Die Dinge klar sehen
Als ich in der ersten Nacht allein in meiner Kammer liege, komme ich kaum zur Ruhe, irgendwie bin ich nervös. Da Musikhören oder Lesen nun keine Optionen mehr sind, denke ich über das nach, was mir hier nun bevorsteht. Was genau sollen wir hier eigentlich erkennen?
Das Vipassana, auch „Clear-seeing“ genannt, soll ein Weg sein, unsere Erfahrungen frei von jeglicher persönlichen Anhaftung zu erleben, da dies als die Wurzel allen Leidens gilt. Wenn wir die Dinge „klar sehen“ – so, wie sie sind –
beginnen wir, unsere Erfahrungen weniger persönlich zu nehmen und zu verstehen, dass wir nicht die Mitte des Universums sind, um die sich alles dreht. Selbst unsere Gedanken, Überzeugungen, Sorgen und Ängste – all das, von dem wir denken, es mache unsere Identität aus – ist nur temporär.
Aus diesem Grund sollen wir in den kommenden Meditationen lernen, die Dinge, Gedanken und Gefühle in und um uns herum einfach nur wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten, um sie dann wieder ziehen zu lassen. Indem wir uns loslösen von dem immerwährenden Drang des Hinterfragens und Verstehens, erschaffen wir einen Raum des Friedens. In ihn einzutreten bedeutet, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind und so innere Zufriedenheit und Glück zu erlangen, unabhängig von äußeren Bedingungen und von dauerhaftem Bestand.
Die Regeln im Kloster sind streng und ich versuche mein Bestes zu geben.
Resultat davon ist eine ständige Mattigkeit und Erschöpfung – körperlicher, aber vor allem geistiger Natur. Beinahe jede Pause nutze ich zum Dösen. Besonders nach dem Mittag habe ich mein absolutes Tief. Mein Geist braucht jetzt definitiv eine Pause – ironisch, wo es doch beim Meditieren darum gehen soll, abzuschalten, nicht nachzudenken und den Fokus nach innen zu richten. Leichter gesagt als getan, wenn man den eigenen Gedanken immer wieder Einhalt gebieten muss. Sie lassen sich einfach nicht stoppen, schwirren meist unkontrolliert umher – wo ist nur der Knopf zum Abschalten?! Nur ab und zu halten sie für einige Sekunden inne und ich kann das Hier und Jetzt in angenehmer Stille genießen. Dennoch: Noch fühlt es sich weitaus vertrauter und weniger anstrengend an, die Außenwelt ohne selbsterrichtete mentale Schranken auf sich einströmen zu lassen.
Während alldem sollen wir so wenig Kontakt wie möglich zu den anderen Teilnehmern aufnehmen. Sprechen ist ja ohnehin verboten, aber auch Augenkontakt soll vermieden werden. Zu Beginn fühlt sich diese Selbst-Isolierung inmitten so vieler Menschen fremd und eigenartig an. Mit der Zeit wird sie jedoch vertraut, ja beinahe befreiend, denn mir wird bewusst, dass einfach jeder auf sich selbst bedacht und in sich gekehrt ist, ohne seine Umwelt zu verurteilen. In gewisser Weise ist es ein sehr beruhigender Gedanke zu wissen, dass nichts „meinetwegen“ geschieht. Und dennoch habe ich nach einigen Tagen das Gefühl, diese Menschen um mich herum langsam kennenzulernen, ihr Wesen zu spüren. Sie werden mir immer vertrauter.
Besonders intensiv ist zu Beginn die „Loving-Kindness-Meditation“: Sie beruht auf der inneren Vorstellungskraft, die Bilder generiert, aus denen man selbst Energie schöpfen, diese zum Fließen bringen und aussenden kann. Zunächst stellt man sich dabei ein Licht, ausgehend vom eigenen Herzen, vor, das dann in den gesamten Körper ausstrahlt. Dieses warme Licht ist ein Inbegriff von Liebe, Zufriedenheit, Glück und Ruhe. Wir senden Vergebung aus dem Inneren unseres Herzens in die ganze Welt hinaus, auch an diejenigen, die unsere persönlichen Antagonisten darstellen. Diese positive Intensität ist teilweise so überwältigend, dass mir die Tränen kamen.

Der „innere Großvater“
Im Laufe der Woche ergibt sich eine Routine. Ich ziehe das Programm durch, ohne den Sinn des Ganzen zu hinterfragen. Lediglich bei der „Walking-Meditation“ fällt mir das Abschalten noch schwer, da regelmäßig Besucher zur Anlage hinaufkommen und uns dabei beobachten, wie wir in Zeitlupe und mit verklärtem Blick, ohne Ziel und Zeitgefühl, über den Hof wandern.
Wir sind dort also kein absolut isoliertes System, sondern müssen während der Meditation auch noch neugierige Touristen ausblenden – eine zusätzliche Herausforderung. Anfangs habe ich noch beschämt gedacht, wie albern und verstörend wir wirken müssen – wie eine willenlose Zombie-Truppe. Doch mit der Zeit konnte ich alles andere ausblenden. Sollen die doch denken, was sie wollen.
Ab der Mitte des Retreats fällt mir auch das frühe Aufstehen nicht mehr so schwer und selbst die erste morgendliche Meditation gelingt mir, ohne dass ich in regelmäßigen Abständen benommen aus dem Sekundenschlaf hochschrecke. Generell fühle ich mich irgendwie wacher und stärker, auch die Rückenschmerzen sind weniger geworden. Stattdessen fühle ich, wie meine Rückenmuskeln immer resistenter werden und meine Haltung sich verbessert. Außerdem kann mein Geist plötzlich die kleinste Verspannung lokalisieren und „ziehen lassen“. Es scheint, als bräuchte mein Körper immer weniger Schlaf, was auch daran liegen könnte, dass meine Augen den halben Tag lang geschlossen sind und ich zwischendurch immer wieder eindöse – aber natürlich auch an der Reinigung des Geistes. Es kehrt immer mehr Ruhe ein, ich beginne innerlich abzuschalten und entwickle ein aufmerksameres Bewusstsein für meine Umgebung, Gedanken, Taten und Gefühle.
Eines meiner interessantesten Erlebnisse in diesem Zusammenhang ist, dass sich so etwas wie ein neues Bewusstsein in mir entwickelt: Es ist fast so, als sei ein noch unbekannter, reifer Geist erwacht, der die Welt im Ganzen sieht und versteht – mein „innerer Großvater“, wie ich ihn nenne. Er belächelt das Spiel namens „Leben“ nur wissend und sorgt dafür, dass mein allzeit aufgedrehtes „inneres Kind“ und mein analytisches Bewusstsein wieder Ruhe geben, wenn sie sich während der Meditation ungebeten melden.
Die wohl intensivsten Erfahrungen habe ich während der „Walking-Meditation“ – durch das rhythmische Bewegen und Atmen stellt sich der Gedankenstrom zu einem ruhigen, kontrollierbaren Hintergrundgebrabbel ein, bis irgendwann Stille herrscht und ich mich plötzlich extrem präsent fühle. In diesem Zustand kommen mir meist spontane Lebenserkenntnisse, alle Geräusche sind auf einmal extrem intensiv und meine Umgebung erstrahlt in leuchtenden Farben, als ob alle Sinne geschärft sind. Langsam beginne ich, die buddhistischen Lehren anzunehmen und die Dinge um mich herum nicht mehr persönlich zu nehmen und sie schlicht zu akzeptieren.

„Frei” oder frei sein?
Zum Ende hin verflüchtigen sich jedoch meine neu gewonnenen Erkenntnisse und die innere Ruhe langsam wieder. Die Realität beginnt mich einzuholen. Ich kann die Gedanken, die sich mit der Planung meiner Zukunft beschäftigen, kaum noch unterdrücken. Als der letzte Tag gekommen ist, bin ich einfach nur froh, dass es endlich vorbei ist.
Beinah hätte ich gesagt: Ich bin wieder „frei“, doch das kommt der Wahrheit eigentlich nicht nahe. Denn so frei wie hier war ich in gewisser Weise wohl noch nie. Dieses Retreat war der ideale Abschluss meiner Reise, ein Crashkurs in Selbstkonfrontation und Erkenntnisgewinnung.
Doch der Drang weiterzuziehen, aktiv zu sein und meine Gedanken wieder natürlich in Worte fassen zu dürfen, hat zum Schluss die Oberhand gewonnen. Manchmal ist es auch einfach schön, sich von dem Spiel des Lebens komplett mitreißen zu lassen.

Ein Tag Vipassana

Foto: Tomas Belardi

4:00 Der Gong ertönt… schlaftrunken wanken alle hoch zur Meditationshalle. Es folgt eine „Sitting-Meditation“, bei der die meisten noch einmal wegnicken. Dank der folgenden Yoga-Session, die unsere benommenen Geister mobilisiert, fällt uns die nächste Meditationssitzung dann schon weitaus leichter.

7:00 Endlich gibt es Frühstück: anderthalb Stunden Pause mit Kaffee zum Aufwachen, frischem Obst, Porridge und Gemüsesuppe. Gestärkt erfüllen nun danach alle ihre kleine Tagespflicht. Meine ist es, den Hof mit einem Reisigbesen zu kehren. Allein das hat schon etwas Meditatives, ziemlich zufrieden begutachte ich den sauberen Kies und die Muster darin.

8:30 Vollends erwacht und hochmotiviert geht es nun zum „Dharma-Talk“, bei dem uns der Lama, unser Lehrmeister, buddhistische Grundelemente und Meditationsanweisungen nahebringt, die wir dann direkt in der nächsten „Walking-“ und „Sitting-Meditation“ umsetzen sollen.

11:00 Es fühlt sich bereits so an, als hätte ich beinahe einen ganzen Arbeitstag hinter mir… Für zwei Stunden ist es uns nun vergönnt, uns beim Mittagessen zu stärken und unsere erschöpften Glieder niederzulegen. Danach geht das Programm genauso straff weiter.

Wir wiederholen die „Sitting-“ und „Walking-Meditations“, versuchen an die vorherige Erfahrung anzuknüpfen, erhalten nochmals einen „Dharma-Input“, bei dem der Lama diesmal schon tiefer in die Lehren des „Kleinen Wegs“ – eine der vier großen buddhistischen Strömungen – eintaucht. Mit neuem Input starten wir in die nächsten zwei Meditationssitzungen – Durchhaltevermögen ist gefordert!

17:30 Es gibt noch einmal eine kurze Getränkepause, die ich jedoch meist dazu nutze, meine gewonnenen Tageserkenntnisse niederzuschreiben. Während der zehn Tage gerate ich in einen regelrechten Schreibfluss. Mit viel mehr als meinen eigenen Gedanken und philosophischen Fragen kann ich mich ja auch nicht ablenken.

Zum Abschluss des Tages gibt es dann doch noch etwas mehr Abwechslung: eine „Mantra-Meditation“ – die täglich einzige Gelegenheit, unsere Stimmbänder zu nutzen – und eine „Loving-Kindness-Meditation“, bei der wir
intensive positive Gefühle und Gedanken in uns generieren und in die Welt hinaus senden.

21:30 Es endet die letzte „Sitting-Meditation“, die ich nur selten noch aufrecht sitzend durchhalte. Am Ende jeden Tages sind das damit zwölf Stunden reine Meditationszeit, die wahre Disziplin und Geduld erfordern.

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