Home » Leitartikel, WeitBlick

Obama zum Zweiten

18 Januar 2013 No Comment
(Official White House Photo by Pete Souza)

(Official White House Photo by Pete Souza)

Wenn Obama dieser Tage zum zweiten Mal den Amtseid ablegt, bietet nicht nur seine Inaugural Address eine lohnenswerte Lektüre zum Verständnis seiner Präsidentschaft. Eine Doppelrezension.

von Frank

Als wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl der Presseclub der ARD zusammentrat, um die Wiederwahlchancen Barack Obamas zu diskutieren, wagte nur einer der anwesenden Journalisten, sich klar auf einen Wahlsieg des Amtsinhabers festzulegen: Spannend werde es bleiben, prognostizierte Christoph von Marshall vom Tagesspiegel, doch am Ende werde Obama klar über seinen Herausforderer Romney triumphieren.
Dass von Marshall recht behielt, ist Indiz für zwei Feststellungen: Erstens haben deutsche Medien gezeigt, wie wenig die meisten von ihnen von der politischen Kultur der Vereinigten Staaten verstehen; selbst nach der Wahl wurde noch von einem „äußerst knappen Ergebnis“ gesprochen. Zum zweiten aber illustriert von Marshalls Prognose auch, dass er nicht irgendein deutscher Schreiberling ist, der sich wie so viele andere mit der amerikanischen Politik beschäftigt. Der promovierte Historiker ist als „White-House-Correspondent“ des Berliner Tagesspiegels der einzige deutsche Zeitungskorrespondent, der dem Pressecorps des Weißen Hauses angehört. Bereits 2007 veröffentlichte er mit Barack Obama – Der schwarze Kennedy (erschienen bei Orell Füssli) die erste deutschsprachige Biographie Obamas; der Bestseller wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Von Marshalls aktuelles Buch liest sich – zumal im gleichen Verlag erschienen – wie eine aktualisierte Neuauflage des „schwarzen Kennedy“, trägt es doch den Titel Der neue Obama. Der Autor lässt darin die Vergangenheit wieder aufleben: Er schildert kurzweilig und lebendig den Parteikonvent der Demokraten und den Wahlkampf 2008 in detailierten Panoramen und kurzen Portraits. Er beschreibt die Kraft jener unglaublichen Novembernacht, aber auch das „expectation management“, das Obama nach seiner Wahl betreiben musste – und das nur wenig erfolgreich darin war, die überhöhten Erwartungen zu drosseln.

Der Ami-Versteher
Von Marshalls Analysen machen deutlich: Amerikaner lieben Erfolgsstorys wie vom Sohn eines kenianischen Gaststudenten, der es bis ins höchste Amt des Landes geschafft hat. Diese „Wunder“ brauchen sie, gerade in Zeiten der Verunsicherung, für ihr Selbstverständnis, dass der Weg zu einem „besseren“ Amerika noch immer möglich ist.
Solche Meilen- und Prüfsteine sind es aber auch, mit denen sich der Amtsinhaber auseinandersetzen muss: Wenige Monate nach Amtsantritt ist Obama nicht mehr der gefeierte Messias, und von Marshall versteht es, diese „Umstellung“ nachvollziehbar zu machen: Nicht Obama verändert das Land, sondern die Krise der USA (und das Präsidentenamt) verändern ihn. Der Journalist schafft es dabei wunderbar, die Charakteristika des Präsidenten herauszuarbeiten, Stärken und Schwächen, Erfolge und Niederlagen zu beleuchten. Doch er ist eben auch studierter Historiker – er kontextualisiert, zieht historische Parallelen, und er macht die amerikanische Kultur für den deutschen Leser verständlich, wie er es schon mit Was ist mit dem Amis los? Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben (2012) versucht hatte.

Bitterer Beigeschmack
Erfrischend an von Marshalls Schriften ist dabei vor allem, dass er ohne den trockenen Zynismus agiert, mit dem die meisten deutschen Journalisten Phänomenen wie emphatischem Flaggenschwenken und „U-S-A, U-S-A“-Chören begegnen. Zudem schafft er es, die Besonderheiten und Unterschiede der politischen Lager verständlich zu machen, ohne in Wissenschaftssprech abzudriften. Das alles macht sein Buch für Neulinge in der Materie und Informierte gleichermaßen lesenswert. Dank der kurzen Kapitel werden die Ausführungen auch niemals zu langwierig.
Für den deutschen Leser emotional nachvollziehbar, aber trotzdem mit bitterem Beigeschmack blitzt jedoch an manchen Stellen eine unterschwellige Parteinahme für Obamas Demokraten auf – die vor allem dann deutlich wird, wenn der Autor über die Republikaner spricht und sich dabei ein vorwurfsvoller Duktus in seine Sätze einschleicht.
Das eigentliche Ärgernis – und um nicht zu sagen: die Dreistigkeit – dieses Buches liegt allerdings darin, dass der Untertitel „Was von der zweiten Amtszeit zu erwarten ist“ einen Ausblick in Buchform ankündigt, der dann auf gnadenlosen 14 Seiten (bei einer Gesamtseitenzahl von 238) dargelegt wird. Der Leser kann sich zur Recht hinters Licht geführt fühlen, denn der Verlag wollte hier – der Maxime folgend: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ – dem Buch ein größeres Vorhersage-Vermögen anheften, als es tatsächlich enthält (und seriöserweise enthalten kann).
Trotz dieser Dreistigkeit ist Der neue Obama eine empfehlenswerte Lektüre, wenn man verstehen möchte, woher der alte und neue Präsident kommt, welchen Weg er bis ins höchste Staatsamt genommen hat und wie ihn dieser Weg und seine erste Amtszeit geprägt haben.

Essayistische Bilanzen
Wer journalistischen Analysen oder Ausblicken eher skeptisch gegenübersteht, für den bietet der Essayband der Bundeszentrale für politische Bildung eine Alternative: Die Ära Obama – Erste Amtszeit (bpb-Schriftenreihe Band 1290). Denn erstens wird hier schwerpunktmäßig bilanziert statt prophezeit (und das auch genauso angekündigt). Und zweitens versammelt sich auf den gut 220 Seiten ein kleines „Who-is-who“ renommierter deutscher Forscher mit USA-Schwerpunkt, u.a. Stephan Bierling, Josef Braml und Peter Lösche, einer der beiden Herausgeber des Bandes, der auch den voluminösen Länderbericht USA der bpb verantwortet.
Die Ära Obama
bietet in der Tat die im Vorwort versprochene „facettenreiche Zusammenstellung“, eine „Vielfalt der Interpretationen, Perspektiven und analytischen Herangehensweisen“. Der Band setzt u.a. Schlaglichter auf die Auswirkungen der Finanzkrise, die Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik und die innere Spaltung der US-Gesellschaft, die sich in einer zunehmenden ideologischen und sozio-ökonimischen Polarisierung ausdrückt.
Die einzelnen Beiträge stehen dabei (hinsichtlich Aufbau und Inhalt) leider recht unverbunden nebeneinander; die angekündigte „Vielfalt analytischer Herangehensweisen“ wird so zum Malus, ist aber vor allem dem bewusst gewählten Essaycharakter der Aufsätze geschuldet. Hinzu kommt allerdings, dass sich einige davon – wie bei solchen Sammelbänden leider oft üblich – nur am Rande mit Obama befassen, sondern sich eher auf das jeweilige Leib- und Magenthema des Autoren stützen. Diese „Beliebigkeit“ mancher Beiträge ist umso bedauerlicher, da andere wichtige Aspekte der Obama-Präsidentschaft nicht mit einem eigenen Essay bedacht wurden; etwa die transatlantischen Beziehungen, die Umwelt- und Klimapolitik, Obamas Verhältnis zum Supreme Court oder zu den Vereinten Nationen. Vergebens sucht man außerdem einen Aufsatz zur wichtigen Thematik der ethnischen Minderheiten (und der damit verbundenen immigration reform), deren Einfluss auf Wahlen in den kommenden Jahren bekanntermaßen enorm zunehmen wird, nicht zuletzt aufgrund der hohen Geburtenraten unter dem Amerikanern lateinamerikanischer Herkunft.
Einige dieser Aspekte, wie die Strukturveränderungen der amerikanischen Bevölkerung oder das Amerikabild der Deutschen, behandelt zumindest Peter Lösche in der facettenreichen Einleitung des Buches – freilich in Kurzform. Was dem Sammelband dennoch fehlt, ist ein themenübergreifendes Fazit der ersten Obama-Amtszeit, das eine Klammer um die lose nebeneinander stehenden Essays zu bilden vermag. Die Einleitung Lösches kann dies nicht leisten. Es ist daher auf eine baldige Neuauflage des Länderberichts USA zu hoffen; bis dahin bietet Die Ära Obama jedoch einen facettenreichen, wenn auch lückenhaften Überblick zu den ersten vier Jahren der Veränderten Staaten von Amerika.

Christoph von Marshall:
Der neue Obama. Was von der zweiten Amtszeit zu erwarten ist
Verlag Orell Füssli 2012
238 Seiten
14,95 €

Peter Lösche/ Anja Ostermann (Hrsg.):
Die Ära Obama. Erste Amtszeit
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 2012
224 Seiten
4,50 €

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Die Tragik des Barack Obama Für Roosevelt kämpfte er im Zweiten Weltkrieg, für Obama sieht er wenig Spielraum: 13 US-Präsidenten hat Kurt Shell inzwischen regieren sehen – teilweise als amerikanischer Bürger, teilweise als Politikwissenschaftler, stets als interessierter Beobachter. von Frank Mit seinen fast 93 Jahren...
  2. Warum hört man eigentlich … nur Gutes über Obama? von bergi Also ich persönlich bin froh, dass er endlich vorbei ist, der mal wieder teuerste Wahlkampf aller Zeiten und der historische Tag der Amtseinführung, der dank der Spenden seiner Unterstützer ein “Erfolg” wurde. Der positive Grundtenor, welcher den Mann...
  3. An einem deutschen Tatort – Barack Obama in Buchenwald von Martin Müller Der Besuch des amerikanischen Präsidenten regte zum Nachdenken über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit an. Als Barack Obama am 5. Juni das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besuchte, durfte eine Gruppe von Gedenkstätten-Mitarbeitern und Geschichtsstudenten der FSU Jena...
  4. „Familie kann einem viel abverlangen“ Ein deutscher Dokumentarfilm porträtiert die Familie Obama. Hauptfigur ist nicht der US-Präsident – sondern seine Schwester Auma. von Frank Die Familie, sie durfte nicht fehlen. Nicht in dieser historischen Nacht, so wie sie auch in den wichtigen Reden zuvor...
  5. Rezension: Warum Armut kein Schicksal ist Die Ökonomen Daron Acemoglu und James Robinson versuchen in ihren Buch Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut nicht weniger als eine Neubetrachtung der Armut, in der Kultur und Geografie keine Rolle mehr spielen – und...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>