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Mit dem Nachtzug durch die Ukraine

5 November 2019 No Comment

Street Art in Lwiw © Armin Szauer

Die meisten Menschen empfinden die Ukraine nicht als sonderlich spannendes Reiseziel. Dabei hat das Land eine sehr bewegte jüngere Vergangenheit hinter sich und ist äußerst kontrastreis. Eine Reise mit dem Nachtzug durch eine Nation im Umbruch.

von Ladyna

Reisen ist zu einem derart selbstverständlichen Teil unseres Lebensstils geworden, dass man kaum begründen muss, warum man es tut: ob zur Erholung, für die kulturelle Inspiration oder das Abenteuer. Mit den meisten Ländern verbinden Menschen zumindest so viel, dass sie es nachvollziehen können, warum es einen beispielsweise nach Neuseeland, Thailand oder Schweden ziehen könnte. Ganz anders ist das aber bei der Ukraine, die es vor allem durch Krieg, Korruption und Telefongespräche mit Trump in die Schlagzeilen geschafft hat und eher Wenige mit schöner Architektur, kulinarischen Spezialitäten, Landschaften oder einer einmaligen Kultur verbinden. Dabei bietet das ostslawische Land, in dem die geopolitischen Einflusssphären von EU und Russland aufeinander prallen, gerade durch seine Zerrissenheit und seine Instabilität einen spannenden Einblick in eine wichtige Facette der europäischen Gegenwart: das Ringen um neue Identität nach dem Zerfall der Großmacht UdSSR.

Um die Ausmaße des größten Landes, dass sich vollkommen in Europa befindet, erfahren zu können, bieten sich die zugegebenermaßen etwas holprigen und behäbigen Züge an. Mit dem Nachtzug kann man das Land in der dritten Klasse für etwa 8 Euro durchqueren und so ein Stück der alltäglichen, Ukraine erleben. Hier gibt es keine getrennten Abteile, die Liegen machen dem alten Begriff „Holzklasse“ alle Ehre, der Toiletteninhalt wird direkt auf die Gleise gespült. Statt eines Speisewagens besteht die Möglichkeit, während eines Halts auszusteigen und direkt auf dem Bahnsteig Snacks zu kaufen. So rattert man durch nur spärlich besiedelte Gegenden und hält in kleinen, verschlafenen Dörfern. Abseits der großen Städte zwischen modernen kosmopolitischen Co-Working Cafés und den Überbleibseln des sowjetischen Betonklotzbaustils mit zielstrebigen Straßenhunden und prunkvollen, aber bröckelnden Kirchen erstrecken sich riesige Felder, soweit der Blick reicht. Auffällig ist die vielfach sehr fruchtbare, dunkle Erde, und die in der Weite fast verschwindenden und oft zerfaserten Dörfer mit Holzhäusern. Wer nur die großen Städte besucht, verpasst die Lebensrealität der Landbevölkerung, die sich stark von den urbanen Zentren unterscheidet. 2013 hatten laut der Ukrainian Week 62% der ländlichen Haushalte in der Ukraine keine Sanitäranlagen in Innenräumen und fast 30% verfügten über keine Gesundheitseinrichtungen in der Nähe. Subsistenzwirtschaft machte hingegen 2016 noch 46% des Einkommens der Landbevölkerung aus. Die Bevölkerung der Ukraine sinkt seit dem Ende der Sowjetzeit insgesamt aufgrund der niedrigen Lebenserwartung, Auswanderung und einer kollabierenden Geburtenziffer. Auf dem Land ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt. Die Löhne im Agrarsektor gehören zu den schlechtesten aller Wirtschaftsbereiche. Armut und Entvölkerung führen zu einem Rückgang der lokalen Infrastruktur, die zurückbleibende Bevölkerung ist tendenziell älter, schlechter ausgebildet und ärmer als die städtische: ein Teufelskreis. Die Diskussion, um die sich im Niedergang befindlichen ländlichen Gebiete der Ukraine ist zentral im politischen und gesellschaftlichen Diskurs und war ein essentieller Bestandteil der letzten Präsidentschaftswahlen. Die Wiederbelebung des ländlichen Raumes ist vielfach aber nichts weiter als Populismus, realistische Rettungsprogramme fehlen. Diese Probleme sind Teil eines größeren Phänomens, Länder wie Bulgarien oder die baltischen Staaten leiden unter ähnlichen Landfluchtbewegungen. Damit zeigen sich an ihr allgemeinere Probleme, auch wenn die Ukraine aufgrund ihrer turbulenten jüngeren Vergangenheit einen Sonderfall unter den Nachfolgestaaten der UdSSR darstellt.

Immense Unterschiede zwischen Land- und Stadtleben

Unterführung in Kiew in der Nähe des Maidans © Armin Szauer

Der Kontrast zwischen den großen Städten des Landes und der Provinz ist an vielen Punkten enorm: Lwiw ganz im Westen des Landes, nahe an der Grenze zu Polen, ist das selbstbetitelte Prag der Ukraine und wohl die einzige Stadt des Landes mit zahlreichen Plätzen in der Altstadt, von denen aus man keine sowjetischen Bauten erblicken kann. Dafür hat Lwiw eine lange multikulturelle und multireligiöse Vergangenheit und ist heute immer noch eine der diversesten und kulturell spannendsten Städte des Landes. Fährt man mit dem Nachtzug weiter in den Südwestend des Landes, überrascht Odessa am strahlend-schönen Schwarzen Meer mit mondän-protzigen, aber bröckelnden Fassaden, die nur teilweise den darunterliegenden Betonklotzbau kaschieren. Sie verleihen der Stadt das geheimnisvolle Flair, der bereits in ihrem Namen mitschwingt. Viele Wohnungen sind von innen prächtig mit Stuck und Chrom eingerichtet, was die heruntergekommene Fassade niemals hätte vermuten lassen. Die Stadt ist im Spätsommer der absolute Hotspot für heiratswillige Ukrainer, und so lassen sich Frauen in überladenen Kleidern und einer dicken Make-Up Schicht im Gesicht nebst Bräutigam vor Industrie- und Marinehafenkulisse ablichten. Nachts kann man nicht nur die Partyschwärmer und betrunkenen Horden antreffen, sondern auch unerwarteterweise Reiterinnen, die einen nächtlichen Ausritt über die Prachtstraßen genießen. Odessa und die Hauptstad trennen nicht nur 450 km Land, sondern auch eine sehr ruckelige Bahnstrecke voneinander. Auch wenn die Ukraine kaum westlichen Tourismus hat, hat sich dank der gleichnamigen Netflix Mini-Serie ausgerechnet das tragische Tschernobyl, welches lediglich eine Autostunde von Kiew entfernt ist, zum Geheimtipp entwickelt. Menschen aus aller Welt suchen diesen Tourismus der Apokalypse.

Kiews Zentrum ist voller gepflegter Parks mit toller Aussicht auf den majestätischen Fluss und einen großen Wald mit Strand mitten in der Stadt. Außerdem befindet sich hier das Symbol der letzten drei ereignisreichen Jahrzehnte: der Maidan Platz, der seit 1990 dreimal zum Schauplatz von Revolutionen wurde und somit zentral ist für das Verständnis der aktuellen Situation des Landes. Seine Rolle sieht man dem Platz auch an, denn neben dem herausgeputzten Unabhängigkeitsdenkmal und zahlreichen leicht kitschigen Springbrunnen fallen die zersplitterten Bodenplatten ins Auge. Bilder von getöteten Protestierenden und gefallene Soldaten neben Fähnchen, Plastikblumen und Kerzen erinnern an die Gesichter hinter den Schlagzeilen und an das Leid der Angehörigen. Dazwischen werden Armbändchen in den Nationalfarben verkauft und zahlreiche politische Graffitis in den Unterführungen rund um den Maidan spiegeln aktuelle Konfliktthemen wider.

Der Maidan und seine Revolutionen

Der Maidan in Kiew

Bei Studentenprotesten im Jahr 1990, der sogenannten Revolution auf Granit, die den Rücktritt des Vorsitzenden des Ministerrates erzwangen, dem höchsten Exekutivamt der ukrainischen Sowjetrepublik, wurde der Grundstein der ukrainischen Protestkultur gelegt. Viele Akteure wurden später Schlüsselfiguren bei der Orangenen Revolution, den zweiten großen politischen Protesten im Land. Unmittelbar nach der Stichwahl um das Amt des Präsidenten 2004, die angeblich durch massive Korruption, Einschüchterung der Wähler und Wahlbetrug beeinträchtigt wurde, protestierten Anhänger des unterlegenen Kandidaten auf dem Maidan. Da der gewählte Kandidat Janukowytsch offen von Russland unterstützt wurde, war die Unabhängigkeit des Landes ein zentrales Thema der Proteste, die ein enormes Mobilisierungspotential aufwiesen. Bereits acht Jahre später, als die Regierung unter Janukowytsch kein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen wollte, kam es erneut zu Protesten. Die Situation eskalierte, als friedliche Kundgebungen mit Polizeigewalt aufgelöst wurden. Insgesamt kam es bei dieser Revolution zu über 100 Todesopfern, die im Land als die „Himmlischen Hundert“ glorifiziert werden. Nach der Flucht von Janukowytsch wurde eine Übergangsregierung gebildet. In dieser politisch instabilen Situation begann die russische Annexion der Krim und der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine, ein tiefer Einschnitt für das Land, der Gesellschaft und Politik bis heute bestimmt.

Eine bis heute in der ganzen Ukraine präsente Folge dieser Auseinandersetzung ist ein neuer Militarismus, der im krassen Gegensatz zur vorherigen Verteidigungspolitik des Landes steht. Eigentlich war die Wehrpflicht 2013 abgeschafft worden, doch nach der Annexion der Krim wurde die vorherige, defensive Außenpolitik abrupt hinfällig. Die desolat ausgestattete Armee wurde eilig aufgerüstet. Für deutsche Augen ist die Sichtbarkeit von Soldaten im Stadtbild und der Respekt, der diesen entgegengebracht wird, eher befremdlich. Die Armee ist in unterschiedlichen Formen im Alltag präsent, Camouflage-Muster sind beispielweise auch in der zivilen Mode überaus beliebt. Bei einer Jugendumfrage der Vereinten Nationen 2015 ist die Unterstützung der Armee das häufigste soziale Engagement, der ukrainischen Jugend.

Der Militarismus hat in der noch immer sehr patriarchalischen Gesellschaft mit konservativer Werteordnung, in der Männer Stärke demonstrieren sollen, einen guten Nährboden gefunden. Frauen treten meist nur als jugendliche Schönheiten oder großmütterliche Figuren auf, es gibt kaum Zwischenformen. Die orthodoxen Kirchen und ihre Moralvorstellungen haben noch immer einen hohen Einfluss. Betritt man morgens oder mittags eines der prunkvollen Gebäude sieht man viele Arbeitnehmende, die vor der Arbeit oder in einer Pause einen Gottesdienstbesuch einlegen. In einer landesweiten Erhebung der Vereinten Nationen von 2015 war in der Gruppe der 20 bis 24-jährigen Kinder in die Welt zu setzen das zweitwichtigste Lebensziel (nach Arbeit), bei den 25 bis 29-jährigen sogar das wichtigste. Dies spiegelt sich auch in der Anzahl junger Mütter auf den Straßen wider. Sowjetveteranen, verscherbeln ihre Kriegsorden auf Märkten und pflegen oft innige Freundschaften zu ihrer Lieblingsstraßenkatze. Diese darf dann auch zwischen ihren Waren schlafen, während alle anderen Katzen beharrlich weggejagt werden. Auf den Märkten finden sich auch noch einige Relikte der Besetzung der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, wie Ausweise von Wehrmachtssoldaten oder Geldscheine, die die deutschen Besatzer für die Ukraine drucken ließen.

Ein Land auf der Suche nach der eigenen Identität

Näherinnen in Lwiw © Armin Szauer

Wie viele andere Staaten, die nach dem Zerfall der UDSSR auch einen neuen Staatsnarrativ brauchen, ist es den meisten Ukrainern wichtig, dass ihr Land klar Richtung Westen orientiert ist. Das zeigt sich schon durch die enorme Anzahl an EU-Flaggen, die in Kiew gehisst sind.

Wer Fettnäpfchen vermeiden möchte sollte auf keinen Fall die russische und die ukrainische Sprache gleichsetzen. Zwar haben sich die einzelnen ostslawischen Sprachen vergleichsweise spät auseinanderentwickelt und sind sich damit verhältnismäßig ähnlich, Ukrainisch unterscheidet sich dennoch in Wortschatz, Satzbau und Grammatik vom Russischen. Putin wird dämonisiert, auf den Märkten ist Toilettenpapier mit seinem Gesicht ein echter Verkaufsschlager. Doch auch der eigene Präsident Selensky ist alles andere als unumstritten – besonders im Zuge der Trump Affäre, die ihn in den Augen vieler Ukrainer schwach und erpressbar wirken lässt. Trotzdem wird seine Wahl und der damit einhergehende drastische Personalwechsel an der Spitze des Staates als Beweis für die Lebendigkeit der ukrainischen Demokratie herangezogen. Auch dies ist nichts anderes als eine Abgrenzung Russlands, aus der sich ein beachtlicher Teil der nationalen Identität speist.

Trotz Krieg, Korruption, Armut und einem politisch unerfahrenen Präsidenten und ehemaligen Comedian will die Mehrheit der jungen Ukrainer laut der Umfragen langfristig in der Ukraine bleiben. Lediglich 13% würden laut der UN-Studie gerne auswandern. Denn das Land ist auch mitten in einer spannenden Umbruchsphase, die eine Atmosphäre von Aufbruch und hohen Partizipationsmöglichkeiten mit sich bringt und ganz besonders in den großen Städten spürbar ist: An jenen Ecken, in denen Kiew auch Leipzig oder Berlin sein könnte, mit Hipster-Cafés mit arbeitenden Freelancern, kleinen Boutiquen und aufwändiger Streetart. Das Land hat ein großes Potenzial, das es aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Instabilität im Moment nicht angemessen ausschöpfen kann. Umso spannender bleibt es, das Land in den nächsten Jahren zu beobachten und zu sehen, ob aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung bald eine vierte Revolution entsteht.

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