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Moderne Piraterie

30 Juni 2021 No Comment

Festnahme von Piraten im Golf von Aden im Jahr 2009 (U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist First Class Eric L. Beauregard/Released) © IFS 

Die moderne Piraterie ist ein weltumspannendes Risiko, das die internationale Schifffahrt, die Besatzungen und den Handel betrifft. Ein Gastbeitrag darüber, wie sich Piraterie von Terrorismus unterscheidet und welche Gebiete heute von ihr besonders betroffen sind.

von Patricia Schneider

 

Die moderne Piraterie befindet sich mit der Eindämmung der somalischen Angriffe nach ihrem Höhepunkt in 2010 mit 445 Vorfällen auf dem Rückzug, verbleibt aber auf einem problematischen Niveau. Das Internationale Maritime Büro (IMB) der Internationalen Handelskammer (ICC) verzeichnete in 2020 im Vergleich zum Vorjahr leicht steigende Zahlen mit insgesamt 195 Vorfällen. Aktuell hat sich der weltweite Hotspot der Piraterieangriffe von Ostafrika nach Westafrika verschoben. Hier zeigt sich – wie bereits in Somalia – die Verzahnung von maritimer Gewalt durch terroristische und Piratengruppen. Es gibt Ähnlichkeiten aber auch deutliche Unterschiede beim Vorgehen und den Rechtfertigungen der somalischen und nigerianischen Piraten.


Wie Piratenangriffe ablaufen

Wie ein solcher Piratenangriff typischerweise ablaufen kann, zeigt der Überfall auf die Taipan, die 2010 im Indischen Ozean gekapert wurde. Er führte zum ersten Seeräuber-Prozess seit dem Mittelalter und wurde vor dem Internationalen Seegerichtshof in Hamburg aufgeklärt. Nachdem die Annährung mehrerer kleiner Schiffe bemerkt wurde, versuchte die Taipan zunächst, einen Zickzackkurs einzuschlagen und die Geschwindigkeit zu erhöhen. Dies gehört zu den Selbstschutzmaßnahmen der Schiffe. Meist sind sie dann schon unter Beschuss von Maschinengewehren, Raketenwerfern und Mörsern. Können die Piraten das Schiff dennoch einholen, entern und über den von der Besatzung ausgebrachten Stacheldraht an der Reling klettern, gehen sie meist mit brutaler Gewalt gegen die Crew vor, sofern diese sich nicht in einem Schutzraum verschanzen kann.

Das Motiv der Piraten ist dabei häufig die Entführung gegen Lösegeld. Das Martyrium der Seeleute, die samt ihren Schiffen an die Küsten des zerfallenen Staates entführt und gefangen gehalten wurden, dauert häufig Wochen und Monate. Die Piraten setzen die Unterhändler unter Druck, indem sie zum Beispiel Scheinhinrichtungen an den Gefangenen verüben.

Heute haben wir am Horn von Afrika eine ständige Präsenz der EU und internationaler Marinekräfte, ein Regelwerk für Selbstschutzmaßnahmen der maritimen Wirtschaft sowie den Einsatz privater Sicherheitsdienste. Durch diese Maßnahmen gibt es am Horn von Afrika nur noch sporadische Angriffe. Die Piratengruppen am Golf von Guinea gehen daher anders vor als somalische Piraten.


Brennpunkt Somalia

Somalia gehört zu den Ländern die, wie auch Nigeria, Heimat sowohl von Piraten als auch von Terrorgruppen sind. Die islamistische Miliz Al-Shabaab zielte auf maritime Hafenanlagen und führte zerstörerische Angriffe auf Schiffe aus. Sie befeuerten einen Hafen mit Mörsern oder richteten gezielte Terroranschläge gegen Hafenbeamte. Zu ihrem Vorgehen gehört auch die Entführung von Besatzungsmitgliedern. Bei einem Angriff im Jahr 2016, bei dem ein mit Explosivstoffen beladenes Fahrzeug in einem Seehafen detonierte, gab es viele Opfer.

Al-Shabaab rekrutiert seine Kämpfer aus verschiedenen somalischen Clans und bringt ausländische Kämpfer nach Somalia, um traditionelle Machtstrukturen aufzubrechen. Piratengruppen hingegen sind in der Regel nach Clanlinien organisiert. Dennoch wird oft über einen möglichen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Piraterie diskutiert. Obwohl es keinen Beweis für eine operative Zusammenarbeit zwischen Al-Shabaab und somalischen Piratengruppen gibt, wird davon ausgegangen, dass die Islamisten von Piraterie-Lösegeldern profitierten und bis zu 30 Prozent der Pirateneinnahmen forderten.
Nach Angaben des Maritimen Büros der Internationalen Handelskammer ICC nahmen die weltweiten Angriffe von somalischen Piraten bis 2011 stetig zu. Nach diesem Höhepunkt ging die Zahl vor Somalia jedoch bis 2012 deutlich zurück, während die Angriffe in Westafrika zunahmen. Insgesamt erreichten die weltweiten Piratenangriffe 2017 sogar ein 22-Jahres-Tief und erst 2018 zeigten sich wieder steigende Tendenzen. Das Potenzial für Angriffe somalischer Piraten bleibt bestehen: Die Situation an Land ist immer noch instabil, und es besteht die Gefahr, dass die Angriffe wieder zunehmen, sobald Marinemissionen und private Wachen auf Schiffen verschwinden. Sowohl Al-Shabaab als auch somalische Piratengruppen sind gute Beispiele für die Ausnutzung einer besonderen geographischen Lage und politischer Umstände.


Vermeintlich hehre Rechtfertigungsnarrative

So unterschiedlich die Ziele von Piraten und Terroristen auch sein mögen, eines eint sie: die Rechtfertigung ihrer Taten. In der Fachwelt wird diese Rechtfertigung als „Robin-Hood-Narrativ“ bezeichnet. Es kann eine emotionale Bindung und so auch eine positive oder zumindest gemischte Medienberichterstattung erzeugen.

Es gibt vier Legitimationsmuster im somalischen „Robin-Hood-Narrativ“, die alle auf den Vorwürfen der illegalen Fischerei durch internationale Fischfangflotten und der Deponierung von Giftmüll durch andere Staaten beruhen. Erstens wird behauptet, die Piraten seien eine Art Küstenwache, die die somalische Küste und deren Ressourcen schützt. Zweitens wird angeführt, Somalier würden aufgrund von Armut und unzureichenden wirtschaftlichen Alternativen zur Piraterie gezwungen. Zwei weitere populäre Rechtfertigungen sind: die illegale Fischerei als Auslöser für den Beginn der Piraterie und ein allgemeiner Zorn der Somalis über das Verhalten der internationalen Gemeinschaft, der sie dazu treibe, die Piraterie zu unterstützen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat in seinen Aufrufen an die internationale Gemeinschaft zur Bekämpfung der somalischen Piraterie dieses Narrativ über den vermeintlich legitimen Kampf ums Überleben abgelehnt. Es ist bekannt, dass schwierige Lebensumstände und finanzielle Not allein keine ausreichende Erklärung für Gewalt und Kriminalität sind, sondern der Umgang damit Teil eines jeden gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses ist. So zeigt es sich auch bei der modernen somalischen Piraterie, die sich schnell in das Geschäftsmodell organisierter Kriminalität einfügte: Sie war ein aufwändiges arbeitsteiliges Unterfangen, bei dem beteiligte Einzelpersonen (Navigatoren, Kämpfer, Übersetzer, Verhandler, Versorger etc.) nur einen kleinen Anteil des Lösegeldes erhielten, während der größte Teil des Lösegeldes an kriminelle Investoren ging, die das Geld teils reinvestierten, um weitere Piratenaktivitäten und Geiselnahmen zu finanzieren. Das Risiko eines Scheiterns ist derzeit sehr hoch, weshalb das Geld heute häufig in andere illegale Handelsaktivitäten fließt.

Die Gewalt somalischer Piraten gegen lokale Fischer haben dazu beigetragen, dass sie Sympathien in der heimischen Bevölkerung verspielt haben. Denn die Piraterie kann für den Zusammenbruch des Fischereisektors mitverantwortlich gemacht werden. So wurden Fischerboote gestohlen, um auf hoher See Angriffe durchzuführen, und auch der Fischfang wurde beschlagnahmt. Bei all dem wurden einige Fischer verletzt oder getötet – entweder von Piraten, Sicherheits­unternehmen oder Marinekräften.

Das skizzierte „Robin Hood-Narrativ“ mag zu Beginn der somalischen Piraterie eine wichtige Rolle gespielt haben. Schon bald aber wurde deutlich, dass es den Piraten weniger um positive Veränderungen in ihrem Heimatland ging als vielmehr um ihren eigenen Gewinn.


Golf von Guinea – ein zentraler Piraterie-Hotspot

Im Jahr 2020 war, wie schon in den Jahren zuvor, die Region Westafrika, insbesondere der Golf von Guinea der wichtigste Hotspot. 2020 fanden dort über 95 Prozent aller weltweiten Entführungen von Crewmitgliedern statt – die mit 130 Personen in 22 Vorfällen laut IMB einen neuen Höchststand erreichten. Die hochgradig organisierten Angriffe sind von brutaler Gewalt gekennzeichnet. Obwohl dies dem Verhalten somalischer Piraten sehr ähnelt, können Schiffe an der nigerianischen Küste nicht unbehelligt monatelang festgehalten werden. Im Unterschied zum Vorgehen somalischer Piraten werden statt ganzer Schiffe daher oft nur Crewmitglieder von den Schiffen entführt. Auch findet weniger Arbeitsteilung statt: Die Entführer sind dieselben Personen, die die Geiseln an Land bringen und im Nigerdelta verstecken und versorgen.

Die Piraten im Golf von Guinea haben es zudem nicht selten auf Teile der Fracht abgesehen. Ähnlich wie bei der somalischen Piraterie kapern die Piraten kleinere Schiffe, um weiter auf das Meer ausweichen und eine größere Bandbreite von Schiffen ins Visier nehmen zu können.

Piraten wie Terroristen verwenden ähnliche Geschäftsmodelle – Seeraub und Entführungen mit Lösegelderpressung. Das Beispiel des Golfs von Guinea zeigt aber, wie schwierig es ist, eine klare Unterscheidung vorzunehmen, da sich die Motive vermischen. Es scheint wahrscheinlich, dass Piratengruppen und Rebellen auf die maritimen Fähigkeiten derselben Menschen zurückgreifen und dass das Narrativ zur Rechtfertigung von Verbrechen das Gleiche ist: Sie hätten keine andere Wahl angesichts der politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Situation und beschuldigen Industrie und Regierungen. Wer aber zur Einhegung maritimer Gewalt im Golf von Guinea beitragen will, muss neben der Ergreifung von Selbstschutzmaßnahmen die Suche nach einer politischen Lösung an Land unterstützen.

 

Fazit

Die Piraterie vor Somalia hat zu einer beispiellosen internationalen Zusammenarbeit mit zahlreichen nationalen und internationalen Missionen zur See und an Land geführt. Diese Kooperation wurde durch die einzigartigen Bedingungen eines zerfallenen Staates und eines starken Mandats des UN-Sicherheitsrates ermöglicht. Die Mitwirkung der maritimen Industrie und die Nutzung privater Sicherheitsdienstleister haben zur Eindämmung der Piraterie wesentlich beigetragen. Durch die weiterhin instabile Lage an Land, nicht zuletzt durch die Kämpfe gegen die Al-Shabaab-Milizen oder das Andauern illegaler Fischerei, bleibt das Risiko für maritime Gewalt bestehen.

Die nigerianische Piraterie ist zum wichtigsten Hotspot geworden, und auch hier zeigen sich negative Auswirkungen der Globalisierung, wie die Verschmutzung bei der Ölförderung oder durch die Anschläge auf Produktionsanlagen. Lokale Friedensprozesse sowie die länderübergreifende Befassung mit einem maritimen Problem verdienen besondere Unterstützung.

 

Hinweis: Der Beitrag ist eine aktualisierte und gekürzte Fassung von „Seepiraterie und maritimer Terrorismus“. In: Bürger & Staat, Heft 4/2019 „Ozeane und Meere“, S. 254-261, hrsg. von der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg. Im Volltext abrufbar unter https://ifsh.de/news-detail/neue-publikation-seepiraterie-und-maritimer-terrorismus

 


Dr. Patricia Schneider arbeitet als Wissenschaftlerin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) und unterrichtet im Master “Peace and Security Studies“. Sie koordinierte das BMBF-Verbundprojekts „PiraT – Piraterie und Maritimer Terrorismus als Herausforderung für die Seehandelssicherheit“ und forscht zu maritimer Sicherheit/ Ocean Governance sowie Migration und deren Auswirkungen auf Sicherheit und Frieden in Deutschland und Europa.

 

 

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