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Migration als Normalfall und Herausforderung

29 Februar 2016 No Comment

Zwei kompakte Sachbücher geben Auskunft über das Phänomen Migration und bieten wichtige, weil allgemeinverständliche Beiträge zur gesellschaftlichen Diskussion.

von Frank

Man kann den Eindruck gewinnen, dass alles, was man dieser Tage über das Thema Migration schreibt oder veröffentlicht, schon binnen weniger Wochen veraltet sein muss. Massimo Livi Bacci, Professor für Demographie an der Universität Florenz, liefert mit Kurze Geschichte der Migration darum einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte. Er fokussiert sich dabei auf die Migrationsgeschichte Europas, die er anhand zahlreicher Fallbeispiele durch die Jahrhunderte erläutert. So zeigt er unter anderem, wie Veränderungen von Technologie und Infrastruktur mit der Zeit den Austausch von Gütern und „Humanressourcen“ zwischen Regionen oder gar Kontinenten ermöglichten und wie ein enormes Bevölkerungswachstum in Europa die Massenmigration des langen 19. Jahrhunderts begünstigte. Für das 20. Jahrhundert diagnostiziert Bacci zunächst zahlreiche unfreiwillige Migrationsbewegungen innerhalb Europas, im späteren Verlauf der Nachkriegsjahrzehnte seit 1945 dann einen historischen Rollenwechsel Europas: „vom Exporteur zum Importeur von Humanressourcen“.

„Paradigma der geschlossenen Gesellschaft“
Heutzutage, so der Demographieforscher, werde Migration sogar oft wahrgenommen als „lästiges Geräusch im Hintergrund“, von dem „das regelmäßige Rauschen des sozialen Lebens gestört wird“. So trage in den meisten Ländern Europas, wenn auch in unterschiedlichem Maße, das „Paradigma der geschlossenen Gesellschaft“ in Politik und öffentlicher Meinung den Sieg davon, obwohl ohne Zuwanderung ein massiver Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu erwarten sei. Dies zeige sich – willkommen in 2016 – in restriktiven politischen Instrumenten wie „Quoten und Maximalwerte oder andere Maßnahmen mit ähnlicher Wirkung“. Auch wenn Baccis Buch nicht explizit auf das Thema Asyl zielt, zeigt sich spätestens hier sein Wert für aktuelle Debatten. Seine Kurze Geschichte der Migration ist als allgemeinverständliche Überblicksdarstellung geschrieben, bisweilen jedoch so zahlenlastig, dass einem beim Lesen schwindelig werden kann. Auch hätten dem Band einige Karten gut getan. Mit weniger als 200 Seiten muss das Buch stichwortartig bleiben, aber Bacci versteht es, Interesse zu wecken und regt zu weiterführender Lektüre an.

Alte und Neue Deutsche
„In einer breiteren Öffentlichkeit wäre schon viel gewonnen, wenn zunächst einmal der Grundbegriff ‚Migration’ bekannter und das Wissen über die Normalität der damit umfassten Wanderungsbewegungen Allgemeingut würden“, ist auch Annette Treibel, Sozialwissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, überzeugt. In ihrem Buch Integriert euch! entwirft sie einleitend zwei Szenarien für Deutschland im Jahr 2035: „altdeutsch, abgeschottet, patriarchalisch und aufgerüstet“ oder aber „alt- und neudeutsch, offen, konfliktfreudig und selbstbewusst“ – sie lässt keinen Zweifel daran, welche Variante sie befürwortet.
Dafür seien jedoch Anstrengungen von beiden Seiten nötig: „Integration in eine Gesellschaft und die Integration als Gesellschaft gehören zusammen“ und sei darum nicht nur eine Aufgabe für Zuwanderer, sondern auch für alteingesessene Deutsche. Treibel verwendet die Bezeichnungen „Alte Deutsche“ und „Neue Deutsche“, da sie nicht nur wie viele andere den schier uferlosen Geltungsbereich des Begriffs „Migrationshintergrund“, sondern auch die inkonsistente, beinahe beliebige Verwendung des Begriffs „Ausländer“ kritisiert: „Nicht alle, die juristisch Ausländer sind, gelten aus der Alltagsperspektive als Ausländer – und nicht alle, die juristisch Deutsche sind, gelten als Deutsche.“ So würden etwa Österreicher, Briten oder (zumindest weiße) US-Amerikaner zwar nicht als Deutsche, aber auch nicht als „wirkliche“ Ausländer gelten; entscheidend sei im Alltag „eben nicht die Staatsangehörigkeit, sondern das Maß der Fremdheit“.

Zu wenig und zu viel „Integration“?
Daran anknüpfend stellt sie die Frage, wie man eigentlich „deutsch werden“ kann und stellt fest: Deutschsein sei „historisch-kulturell diffus, aber gleichwohl und gerade deshalb emotional aufgeladen“ – und, wie eben gezeigt, nicht bloß (oder vielleicht am wenigsten) eine Frage der Staatsangehörigkeit. Doch auch gute Sprachkenntnissen oder eine lange Aufenthaltszeit können nicht per se als Kriterium gelten, denn Treibel arbeitet überzeugend das heraus, was sie das „Integrationsparadox“ nennt: zu wenig Eingliederung bzw. Normalisierung gilt als Defizit, aber auch besonders gute Deutschkenntnisse oder „angepasstes“ Verhalten ruft oft Irritation oder gar Abwehr hervor. Denn Erfolge werden hier gemeinhin als „Ausnahme“ gesehen, während Misserfolge bzw. Integrationsschwierigkeiten als Erwartetes gelten – allerdings nicht ohne trotzdem daran Kritik zu üben.
Zwar sind viele der von Annette Treibel besprochenen Themen keineswegs neu: Es geht um Unterschichtung und Aufstiegswillen, türkische Mittelständler, Diskriminierung und Akademiker oder Politiker mit „Migrationshintergrund“. Richtig eingesetzt kann das Buch aber ein wertvoller Beitrag zur breiten politischen Bildung sein, denn Treibel erklärt die Thematik allgemeinverständlich und leicht zugänglich – und das anhand sozialwissenschaftlicher Grundlagen. Damit richtet sich Integriert Euch! – trotz oder gerade wegen des etwas reißerischen Titels? – an die von der Autorin selbst erwähnte breitere Öffentlichkeit, unter anderem mit einem hochaktuellen Appell an die alteingesessenen Deutschen: „Integriert Euch Eurerseits in das Einwanderungsland, zu dem Deutschland geworden ist!“

Massimo Livi Bacci:
Kurze Geschichte der Migration
Verlag Klaus Wagenbach 2015
176 Seiten
10,90 €

Annette Treibel:
Integriert Euch! Plädoyer für ein selbstbewusstes Einwanderungsland
Campus Verlag 2015
208 Seiten
19,90 €

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