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Meine schlimmste … Grenzerfahrung der Welt

15 Juli 2009 No Comment

von Luth

Im Juli 1989 verbrachten wir unseren Jahresurlaub wieder in Mövenort auf Rügen, ein Ritual. Als damals Neunjähriger wusste ich nicht, wusste niemand, dass die DDR die Hitze ihres letzten Sommers drückte. Dicht gedrängt lümmelten am Strand von Nonnevitz die nackten Leiber – durch selbst genähte Windschutze parzellierte Werktätige, wohin man auch schaute. Während ich verschämt auf dem Bauch lag, kündigten meine Eltern das Tageshighlight an: eine Nachtwanderung durchs dichte Sanddorngehölz der Steilküste. Wir wussten, was das bedeutet, uns Kinder ergriff eine Mischung aus Vorfreude, Neugierde und nackter Angst.

Mit einsetzender Dunkelheit ging es los, sogleich legte mein Vater einige Meter zwischen sich und den Rest der Familie. Die Hosen voll schlichen wir um jede Wegbiegung, das erwartungsvoll-schadenfrohe Grinsen der Mutter im Rücken. Von irgendwoher tönte der leise Ruf eines Kauzes. Wir kannten den Verursacher, es machte die Angelegenheit nur noch beunruhigender. Brüllend und mit zur Fratze verzerrtem Gesicht sprang mein Vater aus dem Dickicht, nur die entzückt-entsetzten Schreie dreier Kinderkehlen waren noch lauter. Vollgepumpt mit Adrenalin erreichten wir den Wacht­turm. Die unbewegte Ostsee vor uns war nicht nur ein Haufen Wasser, sie war zugleich eine – wenn auch unsichtbare – Grenze.

Kaum hatten wir uns mit anderen Nachtschwärmern vorm Maschendrahtzaun niedergelassen, blitzte dröhnend das taghelle Licht eines riesigen Suchscheinwerfers auf. Wie jeden Abend wurde die Ostsee nach „Grenzverletzern“ abgesucht. Endlos zog sich der Scheinwerferstrahl bis zum Horizont, meterweise tastete sich der Lichtkegel die Kimm entlang und knipste auf ameisengroßen Schiffen den Tag wieder an. Nur um die Schiffe der DDR-Marine machte er einen großen Bogen – aus „Geheimhaltungsgründen“, wie man mir erklärte. Doch war ich völlig gebannt von dieser Höllenmaschine konzentrierten Lichts.

Zurück gingen wir am Strand. Unvermittelt tauchten aus dem Dunkel die Konturen zweier NVA-Soldaten auf. Schleunigst den Strand verlassen, Grenzgebiet! Ein Arm und reale Angst packten mich, beide ließen mich bis zum Bungalow nicht mehr los. Meine zweite und letzte Grenzerfahrung machte ich nur vier Monate nach den Erlebnissen dieses 89er-Sommers: Über die Grenze bei Eisenach fuhren wir in den „Westen“, zum ersten Mal. Meine Eltern heulten die ers­ten Kilometer in Hessen, und wieder begriff ich nichts. In diesen Minuten aber verschwand: ihre Angst.

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