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Meine schlimmste … Tortur de France

1 Dezember 2009 One Comment

Wie dumm es ist, gleich eine komplette Nation pauschal zu verurteilen, das bekam zuletzt Thilo Sarrazin nach seinem durchgeknallten Türken-Bashing unangenehm zu spüren. Und doch muss ich jetzt mal den Sarrazin geben, denn über viele Jahre hatte ich ein echtes Problem mit … Franzosen. Ein einziger Besuch im Département Nord-Pas-de-Calais hatte einst ausgereicht, um französisches Territorium danach 14 Jahre lang nicht mehr betreten zu wollen. Es ging mir etwa so wie Salman Rushdie mit dem Iran. Was war geschehen?

von Luth

Als Elfjähriger nahm ich 1991 am ersten Schüleraustausch mit Solesmes teil, der Partnerstadt meiner mittelthüringischen Heimatstadt. In Solesmes hatte man den Fall der Mauer offensichtlich um zwei Jahre verschlafen, denn bei unserer Ankunft gab man sich nicht nur außerordentlich überrascht, man hatte für unseren Besuch auch kaum Vorkehrungen getroffen. So nächtigten wir die ersten zwei Tage in einem leer stehenden Bankgebäude ohne Strom und Sanitäranlagen. Von den zwei verbliebenen Waschbecken nutzten wir eines zum Zähneputzen, das andere als Toilette. Das sonntägliche Unterhaltungsprogramm bestand aus Luftgewehrschießen mit dem lokalen Schützen- und Knittelwerfen mit dem örtlichen Feuerwehrverein. Der anschließende Kurzbesuch bei einer Gastfamilie gestaltete sich folgendermaßen: zwei Stunden Anschweigen, ab und zu aufs Plumpsklo gehen und Video gucken („Robocop 2“ auf Französisch). Schon da hätten wir eigentlich stutzig werden sollen …

Runter vom heiligen Boden!

Die erste Woche verfrachtete man uns schließlich nach Gravelines am Ärmelkanal, dessen Campingplatz idyllisch zwischen dem örtlichen Friedhof und dem zweitgrößten französischen Atomkraftwerk liegt. Die Drei-Mann-Zelte, in denen wir jeweils zu sechst mit dem Gepäck von zwei Wochen nächtigten, mussten wir kurz nach dem Aufbau gleich wieder abbrechen. Eine Horde hemdsärmeliger Baskenmützenrenter vertrieb uns vom heiligen Boden ihrer Boccia-Bahn, auf dem wir sie nichtsahnend errichtet hatten. Genauso wenig Glück hatten wir im Billardraum, noch vor dem Eröffnungsstoß warf uns dort eine Gruppe englischer Hooligans raus.

Dass Gott überall isst, nur scheinbar nicht in diesem Teil Frankreichs, merkte man der stets gleichen Instant-Mittagsverpflegung an, die in kleinen Plastikschälchen gereicht wurde. Aufgrund ihrer farblichen und der Kaueigenschaften tauften wir sie bald „Cadavre d’eau“ („Wasserleiche“). Angeblich waren es Hühnerschenkel, unter denen sich stets eine angegraute Scheibe Mortadella wellte. Das Ganze war dann noch mit reichlich Mayonnaise bedeckt. Und sonst? Auf einer Postkarte mit einer Luftaufnahme von Gravelines erkannten wir erst im Nachhinein, dass wir unser Erfrischungsbad im Ärmelkanal genau dort genommen hatten, wo die Meeresbrandung das Reaktorkühlwasser hintrieb. Damit erklärten wir uns dann die zahlreichen toten Krabben und zerlöchterten Wasserschneckenhäuser am Strand. Paranoid?

Das Atomkraftwerk Gravelines – Baden im Reaktorkühlwasser

Wie auch immer, den ersten Tag zurück in unserer „Partnerstadt“ Solesmes verbrachte die ganze Reisegruppe hemmungslos heulend, völlig verdreckt und verzweifelt (zudem nahezu pleite) auf dem Flur des örtlichen Rathauses, während unsere einzige des Französischen halbwegs mächtige Betreuerin vorm versammelten Stadtrat die sofortige Heimreise zu erwirken suchte. Daraus wurde nichts, da man sich außer Stande sah, so rasch einen Bus zu organisieren, wie wir nach Hause wollten.

So durften wir uns auf eine zweite, ebenfalls recht ereignisreiche Woche freuen. Wir verbrachten sie auf einem Campingplatz irgendwo in der Normandie, dessen zentral gelegenes Highlight ein alter Flakbunker der Wehrmacht war (mehrere Sprengversuche waren aufgrund des soliden Stahlbetons erfolglos geblieben). Auf dem angrenzenden Ponyhof indes war man der Meinung, die völlig verwahrlosten Tiere mit brutalen Fußtritten und Besenstielhieben gefügig machen zu können. Einige von uns boykottierten daraufhin die geplante Kutschfahrt und versuchten stattdessen heimlich, wenn auch erfolglos, einem besonders erbarmungswürdigem Pony zum ersten Mal nach etlichen Jahren die eitrig-entzündeten Hufe zu schneiden.

Unsere Zelte standen diesmal auf einer eilig geräumten Kuhweide, weshalb man beim allmorgendlichen Herauskriechen aus dem Nachtpferch auch des öfteren in eine biologisch-abbaubare Tretmine griff. Unser Essen (neben trockenem Baguette nun meist Nudeln) kochten wir bevorzugt gleich in der Soße, weil die Organisatoren einen Kochtopf für 25 Personen (ebenso wie eine Campingdusche für den gesamten Zeltplatz) für völlig ausreichend erachteten. Regelrechte Gefangenenlageratmosphäre kam dann auf, als wir die französischen Betreuer nachts beim Strafexerzieren beobachteten – einige ihrer Schützlinge hatten die Nachtruhe nicht eingehalten. Sie mussten wahlweise Runden um die Zelte laufen oder kniend mit im Nacken verschränkten Händen vor dem Zelt hocken – ein gespenstischer Anblick! Niemals werde ich ihren Namen vergessen: Valerie, die gaullistische Chef-Einschleiferin mit der platten Boxernase. Ausgerechnet sie prägte mein frühpubertäres Bild von französischen Frauen …

Hungrig, dreckig aber am Leben!

Es war wirklich bizarr, so was kannte ich nur aus amerikanischen Drill-Camp-Dokus im Nachtprogramm von RTL2. Wir fühlten uns wie ein paar gutgläubige DDR-Rentner, die voll heißer Erwartung bei irgendeinem dubiosen, lediglich auf dem Briefkastenprospekt existierenden Reisebusunternehmen für „Nur 19 DM pro Person!“ gleich nach der Wende ihre erste Pauschalreise ins westliche Ausland gebucht hatten, die dann aber, ausgesetzt auf irgendeiner Autobahnrastsstelle bei Paderborn, feststellen müssen, dass man sie  total verarscht hat, weil man ihnen doch nur drittklassige Staubsauger andrehen möchte. Doch wäre uns selbst das lieber gewesen, als nur ein einziger Tag länger in diesem gottverdammten Land der Hühnerschenkelfresser!

Irgendwie überlebten wir diese zwei Wochen in der düsteren französischen Provinz (verwiesen sei an dieser Stelle auf die Simpsons-Episode „Tauschgeschäfte und Spione“) dann aber doch. Immerhin: Aus einer eher anonymen Gruppe zu Reisebeginn war schnell eine eingeschworene Gemeinschaft entstanden, die wohl jedes Dschungelcamp siegreich verlassen hätte und sich noch heute lachend die unzähligen Survival-Anekdoten erzählt – nur war es damals halt weit weniger lustig.

Erst im Sommer 2005 besuchte ich Frankreich ein zweites Mal und schloss endlich Frieden mit unseren westlichen Nachbarn. Über ein verlängertes Wochenende ging es nach Straßburg zu einer Studienfreundin. Ich hatte vorher lange überlegt, ob ich die Kehler Europabrücke über den Rhein wirklich überqueren soll. Das Killerargument meiner Kommilitonin war schließlich: „Du, die deutsche Grenze ist hier nur einen Steinwurf entfernt. In 20 Minuten wärst Du wieder drüben!“

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Bisher Eine Meinung zum Thema: Meine schlimmste … Tortur de France

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  • Martin meint:

    Ich war dabei :)

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