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Low Budgets and Quick Entertainments

6 Oktober 2020 No Comment

Das Buch Stories from the Trenches erzählt in Interviews, Anekdoten und vielen Drehfotos von den Filmen des Regisseurs Sam Firstenberg – und von der vergangenen Welt des unabhängig produzierten US-Actionkinos in den 1980er und 1990er Jahren.

von David

„We always thought ‘We’re making low-budget movies for quick entertainment. All these movies will disappear in five years. ‘“ So spricht Sam Firstenberg rückblickend über seine Arbeit als Regisseur von Actionfilmen. Heute, fast vier Jahrzehnte nach seinem ersten großen Kinohit Revenge of the Ninja, trägt das Buch Stories from the Trenches dazu bei, dieses Verschwinden zu verhindern. Mehr noch: die Lektüre des Bands soll dazu anregen, mit ganz neuen Perspektiven Firstenbergs Filme – sie tragen Titel wie American Ninja, Cyborg Cop, Avenging Force oder American Samurai – neu zu sehen, zu wertschätzen und sie als Zeugnisse einer besonderen Form des Filmemachens zu begreifen: des außerhalb Hollywoods, mit mittleren bis kleinen Budgets produzierten US-Genrekinos.

Sam Firstenberg wuchs in Jerusalem auf und lernte in den Lichtspielhäusern seiner Heimatstadt das US-amerikanische Kino kennen und lieben. Da die noch junge und überschaubare Kinoindustrie Israels nur wenig Potential für angehende Filmemacher bot, wanderte Firstenberg Anfang der 1970er Jahre in die USA aus, um Film zu studieren . In Los Angeles lernte er den legendären Menahem Golan kennen: einer der Gründerväter der israelischen Kinoindustrie. Ein Regisseur, Autor und Produzent, den ebenfalls die Liebe zum amerikanischen Kino in die USA gelockt hatte. Nach einigen Jahren als Assistent bei Golan stieg Firstenberg zum Regisseur für dessen unabhängige Produktionsfirma Cannon Films auf. Cannon wurde in den 1980er Jahren mit einem breiten Portfolio von mittelbudgetierten Genrefilmen zur größten unabhängigen US-amerikanischen Filmproduktionsfirma. Dank national und international vertriebener Produktionen, eigener Kinoketten mit weltweiten Filialen und einem erfolgreichen zusätzlichen Vertrieb der Filme über Videokassetten machte Golan den etablierten Hollywood-Studios  für kurze Zeit ernsthaft Konkurrenz. Firstenberg gewann innerhalb Cannons rasch den Ruf als zuverlässiger Actionregisseur und als Spezialist für Ninja-Sujets. Seine Filme Revenge of the Ninja und Ninja III: The Domination trugen maßgeblich zum popkulturellen Revival des Phänomens Ninja in den 1980er Jahren bei. Mit American Ninja und American Ninja 2 um den zwangsrekrutierten Soldaten Joe Armstrong, der mit ostasiatischer Kampfkunst korrupte Armeeoffiziere, Waffenhändler und verrückte Wissenschaftler bekämpft, inszenierte Firstenberg zwei der erfolgreichsten Filme Cannons.. In den 1990er Jahren, nach dem Niedergang Cannons, blieb Firstenberg trotz Ausflügen in den Abenteuerfilm, Erotikthriller oder Tierhorrorfilm dem Actiongenre weiterhin treu – und arbeitete noch immer ausschließlich für unabhängige Produktionsfirmen. 2003 zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück.

Der Band Stories from the Trenches erzählt mit großer Leidenschaft, Liebe, Akribie und Ernsthaftigkeit von Sam Firstenbergs vielseitiger Filmkarriere in Form ausführlicher Interviews. Herausgeber Marco Siedelmann hat für sein crowdfunding-finanziertes Buch nicht nur den Regisseur selbst zu sämtlichen seiner Filme befragt, sondern auch Einzelinterviews mit zahlreichen von Firstenbergs Weggefährten im Kinogeschäft geführt. Schauspielerinnen und Schauspieler, Drehbuchautoren, Kameramänner, Cutter, Produzenten und Stunt-Choreografen geben Eindrücke in die Entstehung mittel- und niedrigbudgetierter Actionfilme. Nachgedruckte zeitgenössische Interviews (etwa mit dem 1993 verstorbenen Schauspieler Steve James) ergänzen die rückblickenden Gespräche ebenso wie unzählige Drehfotos, Kinoplakate, Auszüge aus Drehbüchern und Storyboards. Weitere Einblicke hinter die Kulissen des Filmemachens gewähren kurze Erzählungen Firstenbergs, seine „anecdotes from the trenches“.

Making a movie is like going to war, every day is a new battle”, so lautete eine Lebensweisheit von  Firstenbergs Mentor und Kriegsveteran Menahem Golan, die den Titel des Bands inspiriert hat. Keine großen Materialschlachten, wie bei Hollywood-Blockbusterproduktionen,  sondern Arbeiten unter hohem Druck – mit eng terminierten Drehplänen und begrenztem Budget mussten Firstenberg und Crew Filme machen. „Machen“ ist hier das richtige Wort, denn Stories from the Trenches bietet auch reiche, multiperspektivische Einblicke in das Kinohandwerk. Beim Kampfturnierfilm American Samurai wurden zum Beispiel zur Sicherheit der Darsteller für jede Kampfszene drei verschiedene Exemplare pro Schwert genutzt: einmal echt (aber unscharf) für Nahaufnahmen,  einmal gefärbte Exemplare aus Bambus für halbnahe Einstellungen und schließlich Gummi- oder Plastikschwerter für Totalen. Der später hinzugefügte Soundschnitt mit Tönen von aufeinander klirrenden Klingen sorgte dann für die Illusion. „All in all it creates the illusion – and that’s what cinema is all about. It’s magic-making.“ Einer der magischsten Momente in Firstenbergs Werk ist der „Decken-Tanz“ im Musical Breakin’ 2: Electric Boogaloo. Von Liebe beschwingt beginnt einer der Protagonisten in seiner Wohnung, die Schwerkraft scheinbar aussetzend, entlang der Wand und über die Decke zu tanzen – eine Illusion, geschaffen mit einem rotierenden Set, gefilmt von einem in Luftbildfotografie spezialisierten Kameramann, der die Orientierung nicht verliert.

Nicht immer haben Firstenberg und Crew die Schlachten in den Schützengräben des Filmemachens gewonnen. In den 1980er Jahren erlaubte Cannon Films mit seinen mittleren Budgets manchmal den Luxus eines (wegen höherem Stromverbrauchs und Nachtzuschlägen wesentlich teureren) Nachtdrehs oder gar eines nicht eingeplanten, zusätzlichen Drehtags. In den 1990er Jahren häuften sich mit der Reduzierung der Budgets auch die Probleme: von Szenen, die mangels Ressourcen einfach nicht gedreht werden konnten, über Drehbücher, die nach Drehbeginn noch schnell umgeschrieben wurden bis hin zu Drehs, die von Produktionsleitern abgebrochen wurden . Firstenbergs Filme in den 1990ern faszinieren eher in kleinen Details als in ihrem manchmal holperigen Gesamteindruck.

So erzählt Stories from the Trenches anhand von Firstenbergs Filmografie auch vom Niedergang des unabhängigen Genrekinos in den USA. In den 1980er Jahren erwies sich Cannon als Pionier in der Auswertung des jungen, florierenden Heimkinomarkts und konnte Einnahmen an den Kinokassen mit späteren Videoverkäufen und -verleihen aufstocken. Die Blase des Heimvideomarktes platzte in den 1990er Jahren, als die Major Studios diesen zu monopolisieren begannen. So verschwand das mittelbudgetierte amerikanische Genrekino, zerrieben zwischen den aufsteigenden multimillionenschweren Event-Blockbustern aus Hollywood und dem Low-Budget-Segment, dem Vergessen preisgegeben… oder eben doch nicht, denn Stories from the Trenches setzt Sam Firstenberg sowie einer ganzen Ära des Filmemachens ein echtes Denkmal.

Das Buch ist ein Liebhaberprojekt für Liebhaber: mit authentischer Begeisterung und ganz ohne ironische Nerd-Überheblichkeit lenkt der Band den Blick auf das oft belächelte US-Actionkino der 1980er und 1990er Jahre – und bietet nicht nur für Fans von American Ninja, sondern für jede ernsthaft filminteressierte Person neue Perspektiven. Stories from the Trenches findet die Essenz von Kino in Bildern kämpfender Ninjas, skrupelloser Menschenjäger und unverwüstlicher Geheimagenten. Firstenbergs erster abendfüllender Film One More Chance handelte von einem entlassenen Strafhäftling, der seinen Sohn sucht. Sozial engagierte Dramen dieser Art wollte der Regisseur ursprünglich drehen, doch die mühsame Sprachbarriere beim Verfassen glaubhafter Dialoge in einer fremden Sprache, vor allem aber der reine Zufall führten ihn zum rein visuellen Bewegungskino – eine Wendung, auf die der Cannon-Veteran heute voller Stolz zurückblickt: „ When I consider the craft of professional moviemaking, action is really pure cinema. You have to create the story with cinematic visual elements only. And with no words. I experienced a lot of joy out of this, it’s really a pleasure.“

Marco Siedelmann, Nadia Bruce-Rawlings (Herausgeber)
Stories from the Trenches: Adventures in Making High Octane Hollywood Movies with Cannon Veteran Sam Firstenberg
Éditions Moustache
756 Seiten


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