Home » EinBlick, Leitartikel, Thema

Lost in Translation

28 Mai 2013 No Comment
(Foto: Nathan Rupert)

(Foto: Nathan Rupert)

Dolmetscher – ein anspruchsvoller und spannender Beruf? Mag sein, solange man sich von der Politik fern hält. Erfahrungen aus dem Studium und der Praxis des Dolmetschens im russischen Perm.

von Anja

Um die Welt reisen, Kontakte zu interessanten Persönlichkeiten knüpfen und anderen bei der Verständigung helfen – die Arbeit als Dolmetscher hat anscheinend nur Vorteile, dachte ich, als ich mich für dieses Studienfach entschied. Obwohl wir kein Simultan-Dolmetschen studiert hatten und einige Professoren sich bei ihren Vorlesungen an uralten Notizzetteln orientierten, hat uns das Studium viel gebracht. Dolmetschen ist in erster Linie eine Übungssache, die wir gut trainiert haben. Eigentlich hatte ich auch Spaß dabei, nur eines hat bei mir bereits am Anfang einige Bedenken geweckt: Ich fand es zugleich frustrierend und beleidigend, dass der Papagei als Symbol der Dolmetscher gilt. Mit diesem Vogel assoziierte ich jemanden, der nicht im Stande ist, eine eigene Meinung zu bilden, sondern nur die Aussagen der anderen unreflektiert wiederholt. Naiv verdrängte ich die unangenehmen Gedanken und hoffte, dass die Realität doch ganz anders aussehen würde.
Einige Praktikumsstellen wurden direkt von der Universität angeboten, aber ich entschied mich für eine selbstständige Suche. Ich hatte Glück: Das Kulturbüro des Goethe-Instituts in Russland benötigte gerade einen Dolmetscher. Das war zweifellos der unberechenbarste Job, den ich je hatte: Ich wusste nie genau, was in der Zusammenarbeit mit ausländischen Gästen aus dem Kunst- und Kulturbereich auf mich zukommen würde. Ich konnte nie vorhersagen, ob ich die richtigen Worte finden würde, denn jedes Mal ging es um etwas anderes: gestern ein Vortrag über elektronische Musik, heute ein Workshop über Ausdruckstanz, morgen der Auftritt einer Jazz-Band. In zwei Jahren beruflicher Erfahrung lernte ich viele Musiker, Dichter und Tänzer kennen; alles wunderbare und erfolgreiche Menschen, mit denen ich sonst nie ins Gespräch gekommen wäre. Solche Erlebnisse, etwa wenn man selbst auf einer Bühne steht und ein Konzert co-moderiert, lassen den Adrenalin-Spiegel im Blut in die Höhe schießen. Jede Minute war dabei die Anstrengung wert.
Später wurde mir von meiner Universität angeboten, mich in Richtung Politik zu orientieren und Delegationen von Abgeordneten zu begleiten. Als Dolmetscher war ich überall dabei: während der Verhandlungen, bei Podiumsdiskussionen, Einzelgesprächen wie auch bei Banketts und informellen Saunabesuchen. Ich verfolgte wichtige Entscheidungsfindungen, das Aushandeln von Einzelheiten der Finanzierung oder der Zusammenarbeit. Man ist so nahe am Geschehen und die Versuchung, den Inhalt zu beeinflussen, ist enorm groß. Ich war schockiert, wie klein man sich dabei fühlt. In der Politik sind Dolmetscher graue Mäuse, deren Äußeres und Gedanken unsichtbar bleiben. Sie sind keine Persönlichkeiten, sondern Werkzeuge, die zum Übertragen von Informationen genutzt werden, und falls der technische Fortschritt es jemals erlaubt, wird man sie wohl ersetzen.
Ein Dolmetscher ist der Schatten eines bekannten Politikers, sein Ohr und seine Stimme, wenn nötig. Mein innerer Konflikt war kaum auszuhalten: Ich konnte mich nicht damit abfinden, Aussagen zu dolmetschen, die ich persönlich für falsch hielt. Mein Gewissen machte mich fertig. Und als auf die Frage nach der Rentenhöhe ein russischer Politiker mit einem Lächeln „Die Pensionäre erhalten in Perm nur ein bisschen weniger Rente als in der Ruhregion“ erwiderte, wollte ich aufstehen und den Verhandlungsraum verlassen – für mich war es eine eindeutige und unverschämte Lüge. Damals bin ich geblieben. Danach aber bin ich aus dem Politikbereich ausgestiegen und nie wieder zurückgekehrt.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Der Mann zwischen den Sprachen Vom Literaten zum Diplomaten und wieder zurück – Ivan Ivanji spricht mit der unique über seine Erfahrungen als Titos Dolmetscher und über Streifzüge durch die serbische, deutsche und ungarische Sprache. unique: Wie kommt es, dass Sie Titos Dolmetscher wurden und...
  2. Die Familienaußenminister Was manche erst studieren, müssen andere bereits im Kindesalter praktizieren: Junge Dolmetscher vermitteln zwischen ihren Eltern und dem deutschen Alltag. von Frank „Als ich das erste Mal gedolmetscht habe, war ich etwa vier oder fünf Jahre alt.“ Wer diesen...
  3. Zwischen Hörsaal und Flüchtlingshilfe Im Herbst 2015 wurden Flüchtlinge in der Sporthalle der Universität Erfurt untergebracht. Einige Eindrücke vom Alltag des studentischen Engagements. von Adriana Zweimal innerhalb kurzer Zeit musste Erfurt die Unterbringung von Flüchtlingen in provisorische Erstunterkünfte organisieren. Betreuung und Verpflegung wurden beide...
  4. „Unterwassersteine“ umschiffen Medienberichterstattung in Russland – ein heikles Thema. Wie sich dort die Arbeit von Uni-Journalisten gestaltet, durfte die Redaktion der hallischen Studierendenschaftszeitschrift hastuzeit beim Besuch einer Delegation aus Kasan erfahren. von Sophie Leins So ist das immer in Russland – kein...
  5. Venezuela verändern Nach über zehn Jahren Chávez und zwei Jahren Maduro-Regime befindet sich Venezuela am Rande des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Eine ganze Generation protestiert gegen Korruption und politische Willkür. unique sprach mit Demonstranten. von Lena Dreizehn Jahre Gefängnis lautet das Urteil...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>