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Kunstturnen aus Südamerika – Chile und Argentinien in der Weltpolitik

12 Mai 2003 524 views No Comment

Fast wäre uns in Europa verborgen geblieben, wie wichtig der Krieg für die Erhaltung des Friedens ist. Doch die USA haben aufgepasst. Amerika wollte uns Zauderer und Zögerer des neuen Europa, nicht des alten!, an die Hand nehmen. Diesmal jedoch waren wir störrisch. Die USA meinten deshalb sie müssten mal auf den Tisch hauen. Das Enforcement “Who is not with us is against us.” hat nun zwei Lager geschaffen und viele Länder rund um den Globus vor eine harte Zerreißprobe gestellt. Auch Argentinien und Chile, zwei Länder weit entfernt vom Krisengebiet, sehen sich der Notwendigkeit konfrontiert sich zu positionieren. Genauso, wie die Bedeutung von geschmiedeten politischen und militärischen Allianzen für die wirtschaftliche Entwicklung auch hier bekannt ist, ist man sich darüber bewusst, dass eine Entscheidung ‘pro’ oder ‘contra’ notgedrungen die eine oder die andere Seite verunstimmen wird.
Für Chile bringt es Francisco Martorell auf den Punkt. “Si vota ‘si’ a los disignios de Bush no sólo trasgrede el acuerdo con la UE, que además tiene un carácter politico, sino que deja a La Moneda en una mala posición ante los partidos políticos chilenos los que, en su gran mayoría, se han monstrado contrarios a la política que EEUU quiere imponer en la ONU.” Als Mitglied des UN-Sicherheitsrates ist man sich in Chile seiner Verantwortung durchaus bewusst. Der Druck und die Notwendigkeit sich zu bekennen machen Entscheidungen aber nicht leichter. Giovanni vergleicht die Lage von Chile mit einem hamletinischen Dilemma. (Giovanni. ‘Riesgo pais’. in: El Periodista. Seite 13) Sergio Aguilo sieht sogar die Unterzeichnung des ‘Tratado de Libre Comercio’ mit den USA gefährdet. (Sergio Aguiló. ‘No a la guerra; no al tratado’. in: El Periodista. Seite 12) Dennoch zeichnete sich im Vorfeld der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat in den Medien ein Tenor ab, der sich gegen ein Zusammengehen mit den USA aussprach. Vielmehr wurde gefordert, dass “nuestro gobierno tome una posicion soberana”. (Francisco Chahuan. ‘Chile ante un eventual conflicto en Irak’ El Periodista. Seite 12) Aber Kolumnisten machen Stimmung und keine Politik! Und so hat sich die chilenische Regierung an einer salomonischen Lösung des Problems versucht, indem sie zu beiden Seiten ‘Ja’ sagt. Ein wenig deutlicher hört sich das ‘Ja’ allerdings in Richtung Norden an.
Wir in Deutschland wissen spätestens wieder einmal seit September, dass Präsidentschaftswahlen durchaus kritische Phasen sein können, die empfindlichen Einfluss auf die Politik nehmen können. In einer ähnlich prekären Lage befanden sich bisher die ansonsten nicht so zimperlichen möchte-gern-Verwalter von Argentinien Menem, Duhalde, Kirchner & Co. Auch hier ist Wahlzeit. Und auch hierzulande schreibt man sich vor der Wahl das auf die Fahnen was Stimmen bringt: stabile Währung, Kampf den Drogen, Arbeitsplätze etc. Der skeptische Argentinier hält dennoch alles für Korruption. Bisher vielleicht mit recht. Sicher ist, dass es wieder einen Präsidenten geben wird. Dieses Fatum bringt den ansonsten so friedlichen und geduldigen Argentinier dann doch auf die Strasse. Nicht um diesen abzuschaffen, aber um dafür zu kämpfen, dass es vielleicht beim nächsten mal besser wird. Sicher hat er, leidgeprüft unter militärdiktatorischen und peronistischen Regierungen, eine gewisse Übung, ja sogar Gefallen am Demonstrieren gefunden. Bereitwillig wurde deshalb auch die Irakfrage in die Demonstrationsagenda aufgenommen. Aus diesem Grund wird man beim Anblick der randalierenden Menschenmassen den Eindruck nicht los, dass die Protestkundgebungen eher Unmutsäußerungen gegen soziale Missstände sind. In einer Medienlandschaft, die unverhältnismäßig in Fußball- und Boulevardmagazine geteilt ist, muss man lange suchen, bis man substanzielle Beiträge findet. So klären also weder die Medien noch die Regierungserklärungen, welche das ‘Doppel-Ja’ von Chile kopieren zu scheinen, über die wahre Stimmungslage im Land auf.
De facto bleibt bestehen, dass man sich im Süden von Südamerika in einem Balanceakt übt. Die Frage, ob nun Länder politische Verfügungsmasse, von wem auch immer, seien, kann man leicht mit der Gegenfrage beantworten: Wurde mit Idealismus schon mal Politik betrieben? So wird denn, wenn die Kluft zwischen den USA und den Widerspenstigen in Europa größer werden sollte, auch der Spagat in Südamerika wohl größer werden. Schauen wir mal, welche Akrobatik wir vorgeführt bekommen.

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