Home » LebensArt

Wagner „light“: Der große Zyklus mit kleinen Darstellern

3 September 2013 No Comment

Weimar erlebte im Rahmen des Kunstfestes eine besondere Aufführung von Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen – mit Marionetten.

von David

26 Jahre lang, von 1848 bis 1874 arbeitete Richard Wagner an seinem Opernzyklus Der Ring des Nibelungen. Am Ende stand ein monumentales (manch einer würde sagen: monströses) Werk aus vier Opern mit einer Gesamtdauer von über 16 Stunden. So dermaßen viel Sitzfleisch war allerdings am Sonntag in Weimar nicht nötig: Das Salzburger Marionettentheater brauchte, wenn man die Pause wegrechnet, knapp unter zwei Stunden, um den Zyklus aufzuführen – in einer ganz eigenen Art und Weise, versteht sich.

Die Aufführung wurde von den zwei Schauspielern Christiani Wetter und Tim Oberließen begleitet. Sie kommentierten, oft auch sehr ironisch, die Handlung, die die Marionetten unter der Begleitung der Originalmusik (vom Band) spielten. Somit konnten sie auch mit raschen Übergängen die Handlung verkürzen und verdichten. Die beiden Schauspieler griffen aber auch in der einen oder anderen Rolle aktiv in die Handlung ein. Eine Projektion über der Bühne mit kurzen Zusammenfassungen und Kommentaren sorgte für weitere Klarheiten und Erheiterungen.

Denn ja: der Abend war quickvergnüglich, trotzdem Wagner nun nicht gerade für seinen überschwänglichen Humor berühmt geworden ist – oder vielleicht gerade auch deswegen. Ein geradezu „epischer“ Schwertkampf zwischen Tim Oberließen und einer Marionette sorgte genauso für Lacher wie die nervöse Quengeligkeit von Brünhildes Pferd Grane. Da konnte es schnell passieren, dass man aus lauter Vergnügen vergisst, welche ungeheuren und schier beeindruckenden technischen Fingerfertigkeiten im Spiel waren.

Die extreme Verdichtung zeigte unwillkürlich auf, wie viel Trash-Potential Wagners Opernwerke eigentlich haben. Die Handlung: inzest-geschädigte Prolls vögeln und hauen sich gegenseitig zu Tode auf der Suche nach einem Ring, der einigen „Synchronschwimmerinnen“ gestohlen worden ist. Das ergibt sicherlich nicht sehr viel Sinn. Diese besondere Interpretation des Rings sah dies stellenweise auch ein: Wenn Siegfried nach seinem Bad im Drachenblut (wurde nicht gezeigt: wäre ja eine „zu große Sauerei“) plötzlich die Vögel versteht, konnte man in der Projektion über der Bühne sinngemäß lesen: „Bitte nicht wundern, wenn Sie den Gesang des Vogels nicht verstehen. Sie haben ja schließlich nicht in Drachenblut gebadet, oder?“ Dogmatischen Wagner-Puristen dürften sicher die Haare zu Berge stehen. Wagner-Liebhaber jedoch dürften erkennen, wie viel Liebevolles hinter der technisch hochanspruchsvollen Aufführung steht, die doch auch immer eine Hommage ist.

Einziger Wermutstropfen des Abends war, dass im Text der beiden Erzähler dann doch manch ein kalauernder Witz lahm, manch eine Pointe völlig überzogen, manch Stützen auf Aktualität zu bemüht war (auch, wenn an diesen Stellen befremdlicherweise ein Teil des Publikums besonders laut lachte). Das Motto der Aufführung, wonach weniger mehr ist, hätte man auch da konsequenter durchsetzen können. Dennoch dominiert der positive Gesamteindruck: Auch Opernskeptiker konnten in dieser besonderen szenischen Aufführung auf ihre Kosten kommen. Sozusagen große Unterhaltung mit „kleinen“ Darstellern.

(Fotos: © Christina Canava)

Das Kunstfest Weimar läuft noch bis zum 14. September.
Weitere Informationen unter: www.pelerinages.de

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Kecker Draufgänger, Vampir-Nazi und impressionistischer Ästhet: Richard Wagner in Weimar An diesem Wochenende wurde das Kunstfest Weimar eröffnet. Dieses Jahr steht die Veranstaltung unter dem Zeichen einer der kontroversesten Figuren der deutschen Kulturgeschichte: einige Eindrücke zu drei Abenden. von David „Wie komme ich nach Weimar?“ Mit dieser scheinbar banalen Frage...
  2. Das große Jenaer Fest der kleinen internationalen Filme Ab heute startet das zum großen Teil von Studenten der FSU organisierte Jenaer Kurzfilmfest cellu l’art in die 12. Runde. Vom 12. bis zum 17. April findet das Jenaer Kurzfilmfestival Cellu l’art statt. Die Eröffnung findet heute abend durch...
  3. Erhabene Klänge zwischen Zappelphilipps und Großorchester Von Beethoven bis Zimmermann: drei Konzerte zum Abschluss des diesjährigen Weimarer Kunstfestes. von David Mit Gustav Mahlers Erster Sinfonie endete am Sonntag das Kunstfest Weimar. Wer nach diesem langen und hochkomplexen Werk für Großorchester noch nicht genug hatte, konnte sich...
  4. Authentizität ohne große Worte Bei den Thüringer Landesmeisterschaften im Poetry Slam bündelten sich die Möglichkeiten des Genres selten in einem Text, sondern verteilten sich auf mehrere Slammer. Der authentischste unter ihnen wird nun Thüringen in den deutschsprachigen Meisterschaften im Herbst vertreten. von Caro...
  5. Durch Europas „alte“ und Neue Musik in fünf Stunden Am Samstag (27. August) spielten beim Kunstfest in Weimar das Ensemble Avantgarde und das Klangforum Wien Uraufführungen europäischer Komponisten nebst älteren Werken der Neuen Musik und Franz Liszts. unique berichtet. von David Den Preis des erfolgreichsten Rausschmeißers gewann der...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>