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Kolumne: Sprachinseln

29 Mai 2017 No Comment

Über linguistische Abschottung schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

„Niemand ist eine Insel“ – dieses Zitat aus den Devotions upon Emergent Occasions des englischen Dichters John Donne (1572-1631) gilt nicht nur für Menschen, sondern in einer globalisierten Welt auch für Sprachen. Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen leben und reden miteinander und man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich auch sprachlich alles aufzulösen und zu durchmischen beginnt. Diesem Trend widersetzen sich große und kleine Sprachinseln und andere Formen der ‚linguistischen Abschottung’. In ihrer klassischen Form sind Sprachinseln relativ kleine und in sich geschlossene Sprachgemeinschaften, die sich im Gebiet einer größeren Sprache befinden. Bekannte Beispiele für deutsche Sprachinseln sind die Siebenbürger Sachsen, welche sich im 12. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Rumäniens ansiedelten, oder die Amische in Pennsylvania, deren Dialekt auf pfälzische Mundarten zurückgeht. Das Beispiel der Amische zeigt überdies, dass sich Sprachinseln vor allem dann im Territorium einer übermächtigen Mehrheitssprache behaupten können, wenn die Sprache Teil einer kulturell-religiösen Sonderidentität ist. Denn nebst dem Beharren auf ihrem (linguistisch nicht sehr glücklich benannten) ‚Pennsylvania Dutch’ pflegen die Amische einen so einfachen wie genügsamen Lebensstil und lehnen die meisten (sogenannten) technologisch-zivilisatorischen Errungenschaften der Neuzeit ab.
Interessanterweise spielen beim Entstehen bzw. bei der längerfristigen Existenzsicherung von Sprachinseln geographisch-topographische Faktoren nur eine untergeordnete Rolle. Die natürlichen Verkehrshindernisse (wie Flüsse, Berge, Schluchten oder Wüsten) sind selten so angelegt, dass sie eine kleinere Sprachengemeinschaft inmitten des Territoriums einer größeren sie umgebenden Sprache isolieren würden. Vielmehr fungieren diese natürlichen Hindernisse wie auch die künstlichen, von Menschen geschaffenen Barrieren als Grenzen zwischen zwei oder mehr Sprachgemeinschaften, ohne dass eine typische ‚Inselsituation’ entsteht – am ehesten vielleicht noch eine ‚Sprach-Halbinsel’, wie im Falle des Walisischen. Dieses verdankt sein Überleben nicht nur der oftmals gebirgigen Natur von Wales, sondern teilweise auch der von Menschenhand errichteten Barriere des ‚Offa’s Dyke’, einem frühmittelalterlichen Grenzwall von 210 Kilometern Länge, der die angelsächsischen und keltisch-walisischen Gebiete trennte.
Wie sehr verkehrshinderliche topographische Elemente einzelne Gruppen voneinander abschotten und somit zu einem isolierten Nebeneinander von Sprachgemeinschaften führen können, wird am eindrücklichsten durch die Situation auf Papua-Neuguinea gezeigt. Die rund sieben Millionen Einwohner des Inselstaates sprechen etwa 840 verschiedene (teilweise sehr unterschiedliche) Sprachen und Dialekte.
Aber selbst dort, wo es kaum oder keine topographischen Barrieren gibt und die benachbarten Dialekte (zumindest dem Außenstehenden) sehr ähnlich scheinen, bestehen die Sprecher auf der Eigenständigkeit ihrer Mundart und weisen Gleichsetzungen empört zurück – man denke nur an die Thüringer und Sachsen.
Diese Eigenart der ‚mentalen sprachlichen Abschottung’ findet sich auch in der kleinräumigen Schweiz, wie die abschließende Anekdote zeigt: Mein Kollege Paul M. besitzt im Osten der Schweiz ein Ferienhaus im Toggenburg, welches an das Appenzell angrenzt. Die beiden Mundarten sind sich deshalb sehr ähnlich. Als Paul mit seinem Nachbarn, einem Toggenburger Bauern und Jodler, ins Gespräch kommt, erfährt er, dass dieser zum Jodeln in das 30 Autominuten entfernte Wattwil fährt. Auf die Frage, weshalb er nicht dem Jodlerverein im viel näheren Nachbarsdorf beigetreten sei, bekommt er die Antwort: „Dort jodeln sie appenzellerisch.“

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