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Kolumne: Manipulierte Sprache, sprachliche Manipulation

28 September 2017 No Comment

Über Manipulation bei Orwell und im Alltag schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Als George Orwell 1949 seinen berühmten dystopischen Roman Nineteen Eighty-Four veröffentlichte, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, dass knapp sieben Jahrzehnte später viele seiner Visionen Wirklichkeit geworden sind. Zumindest die Videoüberwachung im öffentlichen Raum in Orwells Heimatland England hat den Standard von 1984 erreicht oder übertroffen. Weniger sichtbar, aber mindestens gleich gefährlich, ist der zweite prominente Aspekt des totalitären Staates Orwellscher Prägung: die Manipulation durch die Sprache. Orwell wurde Zeuge des Sprachmissbrauchs im Dritten Reich wie auch in der Sowjetunion unter Stalin und spätestens der Zusammenbruch des Dritten Reiches führte einer globalen Öffentlichkeit vor Augen, welche Gräuel sich hinter scheinbar so harmlosen Begriffen wie ‚Endlösung’ oder ‚Sonderbehandlung’ verbargen.
Das in Orwells Ozeanien von der herrschenden Partei propagierte ‚Neusprech’ (engl. Newspeak) geht jedoch in den meisten Punkten über die normale Manipulation durch Propaganda hinaus: Neusprech begnügt sich nicht mehr damit, Verbrechen durch den Einsatz von Euphemismen zu verschleiern oder durch gezielt herabsetzende Wortwahl gewisse Gruppen von Menschen zu ‚enthumanisieren’. Neusprech will das Denken selbst bestimmen und den freien Willen des Menschen ausschalten, indem ihm die Möglichkeit genommen wird, irgendwelche von der offiziellen Sichtweise abweichende Gedanken überhaupt zu formulieren. So kann ein Sprecher von Neusprech mit ‚frei’ nur noch als ‚frei von Ungeziefer’ oder ähnliche Konzepte ausdrücken, aber das Adjektiv nicht mehr in unserem philosophisch-ethischen Sinne verwenden.
Noch radikaler als Orwell hatte bereits 1939 der britische Schriftsteller T. H. White diesen Vorgang anhand der Schilderung eines Ameisenstaates in seinem The Once and Future King (dt. Der König auf Camelot) geschildert: Im Kapitel 13 des ersten Buches wird Arthur durch den Zauberer Merlin in eine Ameise verwandelt und betritt den Ameisenhügel. Die Ameisen sind namenlose Nummern, können nur zwischen ‚getan’ und ‚nicht getan’ unterscheiden und es fehlt ihnen jegliche Begrifflichkeit, um differenziertere Denk- und Empfindungsmuster zu etablieren. Damit nehmen sowohl White wie auch Orwell den im 19. Jahrhundert von Wilhelm von Humboldt aufgestellten Gedanken der linguistischen Relativität auf, welcher die sprachliche Bedingtheit der Wahrnehmung der Wirklichkeit postuliert. Im 20. Jahrhundert erlangte die Idee eine gewisse Berühmtheit in der Form der Sapir-Whorf-Hypothese, die in ihrer extremen Ausformung jedoch als widerlegt gilt.
Auf der sprachlichen Ebene sind wir zwar (noch) nicht so weit wie bei der elektronischen Überwachung, aber es haben sich gewisse Praktiken sprachlicher Manipulation etabliert, von denen eine nicht zu unterschätzende Gefahr ausgeht. Eine dieser Praktiken ist die Aktivierung von ‚Frames’ durch die Wahl bestimmter Begriffe. Damit werden automatisch die gewünschten Assoziationen beim Hörer hervorgerufen und seine Gedanken werden in eine bestimmte Richtung gelenkt. So macht es einen Unterschied, ob der Nachrichtensprecher von der ‚Regierung in Damaskus’ oder eben vom ‚Regime in Damaskus’ spricht: Beide Begriffe sind in den Nachrichtensendungen anzutreffen, aktivieren jedoch zwei sehr unterschiedliche ‚Frames’: ‚Regierung’ assoziiert der Hörer mit Rechtsstaatlichkeit und einem legitimen Machtanspruch, während ‚Regime’ negativ konnotiert ist. Ähnlich funktionieren die Bezeichnungen für die Konfliktparteien: die ‚Aufständischen’ der einen Seite sind die ‚Terroristen’ der anderen.
Begriffe entscheiden so über Leben oder Tod und schaffen Realitäten. Es ist deshalb die Aufgabe eines jeden mündigen Bürgers, den Gebrauch der Sprache kritisch zu hinterfragen – denn allzu schnell wird sonst aus dem unbescholtenen Mitmenschen ein ‚Gefährder’, und vom ‚Gefährder’ zum ‚Tatverdächtigen’ ist es dann oftmals nur ein kleiner Schritt.

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