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Kolumne: Heimatliteratur von A bis Z

2 März 2018 No Comment

Über die literarischen Qualitäten unseres Telefonbuchs schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

Die Kolumne dieser Ausgabe nimmt die Publikation der neusten Auflage des Telefonbuchs (Dezember 2017) zum Anlass; eine Kurzbesprechung dieses oftmals verkannten Werks zu liefern, dessen Weiterexistenz mehr und mehr durch den Vormarsch der Mobiltelefonie in Frage gestellt wird. Sein Verschwinden würde jedoch einen herben Verlust für die literarische Szene bedeuten – denn die literarische Bedeutung dieses scheinbar so prosaischen Textes ist nicht zu unterschätzen.
Bereits der auf das Wesentliche verkürzte Titel Das Örtliche verweist auf seinen Ursprung in der Sphäre der Mündlichkeit und damit auf den ursprünglichen Zweck des Telefonbuchs: die Ermöglichung der fernmündlichen Kommunikation (auch Telefongespräche genannt). Gleichzeitig gibt das anonyme Autorenkollektiv einen klaren Hinweis auf die Verortung des Textes in der Heimatdichtung im eigentlichen Sinn des Wortes: Inhalt, Thematik und intendierte Leserschaft sind geographisch klar eingegrenzt. Damit widersetzt es sich der allgemeinen Tendenz der literarischen Internationalisierung und Globalisierung und unterläuft das modernistische Paradigma der Ubiquität. Man kann Das Örtliche für Jena und Umgebung nicht einfach mal so nach Paris oder Tokyo transferieren.
Aber wenn auch der Text deshalb aufs Engste mit seiner lokalen Leserschaft verbunden ist, so ist er weder exklusivistisch noch lokal-nationalistisch. Im Gegenteil, der Fokus auf die konkrete Örtlichkeit garantiert eine unvoreingenommene, alphabetisch-demokratische Präsentation der Einträge. So finden sich alteingesessene, urdeutsche Familien wie Hundertmark, Hinz (und auch Kunz) neben eher internationalen und in Jena rezenteren Namen wie Huang und Hicerlic – womit der poetische Text sehr genau die alltägliche Realität spiegelt.
Bei der Lektüre wird dem Leser auffallen, dass die alphabetische Anordnung der einzelnen Elemente das vorherrschende Strukturprinzip darstellt. Damit erfüllt die anonyme Autorengemeinschaft eines der Hauptanliegen der Heimatdichtung: die Vermittlung von Geborgenheit in einem klar gegliederten familiären Umfeld. Nach A kommt B und dann C – ohne unerwünschte Überraschungen. Diese natürliche Hierarchie ist auch die Voraussetzung für die wahrhaft demokratische Qualität des poetischen Texts, der weder auf Macht, Reichtum oder Herkunft Rücksicht nimmt. So wird ein Falk von Keisenberg als Spross einer Adelsfamilie nicht anders als ein Rainer Kersten behandelt – nämlich alphabetisch. Es lohnt sich auch die jeweiligen ‚Kommentarzeilen’ zu den Namenseinträgen aufmerksam zu lesen. So stellt man fest, dass Falk von Keisenberg in Lobeda wohnt (oder residiert?) – jedoch nicht, wie vielleicht vermutet, am Burgweg, sondern in der Liselotte Hermann Straße, die nach der kommunistischen Widerstandskämpferin benannt wurde. Es sind gerade diese oftmals unerwarteten Kombinationen, die nicht unwesentlich zum Lesegenuss dieses Textes beitragen.
Aber auch die Namen selbst suggerieren einen oftmals vergessenen Schatz von Geschichten: Was steckt hinter der Unterteilung des Geschlechts der Kessler in einen Scharf-S-Zweig (Keßler) und einen Doppel-S-Zweig (Kessler)? Ist die unterschiedliche Schreibweise das letzte Überbleibsel eines ansonsten vergessenen Familienzwists? Liebevoller scheint es bei der Abspaltung vom Hauptzweig der Kern-Familie vonstattengegangen zu sein, während dessen Verlauf die Mitglieder des Juniorzweigs den Namen auf Kernchen (die ‚kleinen Kerns’) abänderten. Doch auch die Weltliteratur findet ihren Widerhall in diesem scheinbar so lokalen Werk: Eingezwängt zwischen Keiling und Keinert findet sich der Eintrag Keiner. Die Vermutung liegt nahe, dass das Autorenkollektiv hier eine intertextuelle Anspielung auf Jules Vernes Kapitän Nemo (lat. nemo = niemand, keiner) macht. Dieser verweist natürlich wiederum auf Odysseus, der sich bei der Blendung des Zyklopen Polyphemus als Niemand ausgab.Wie der geneigte Leser feststellen kann: Das Örtliche wie auch seine Begleitbände bergen literarische Schätze, die es mit Umsicht und Feingespür zu heben gilt.

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