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Kolumne: Brillante Inflation

19 Dezember 2014 No Comment

Der maßlosen Lobhudelei im angelsächsischen Bildungssystem widmet sich Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

Normalerweise wird Inflation als ein volkswirtschaftliches Phänomen gesehen – als Erhöhung der Güterpreise bzw. Minderung der Kaufkraft des Geldes. Die meisten von uns kennen das Phänomen in seiner ausgeprägten Form nur noch aus den Geschichtsbüchern oder von den ‚Fünf Milliarden Mark’-Reichsbanknoten, die man auf dem Trödelmarkt für nicht mehr ganz so viel Geld kaufen kann. Eine andere Art der Inflation findet jedoch im Bildungsbereich und dem damit verbundenen Sprachgebrauch statt. Während Deutschland eine numerische Benotungsskala hat (über deren Struktur ich mich anfänglich sehr wunderte), so geben die angelsächsischen Länder traditionell relative Bewertungen in Form von Buchstaben. Bis 2010 galt in England, dass (grob vereinfacht dargestellt) die besten 10 Prozent ein A, die nachfolgenden 15 Prozent ein B, die weiteren 10 Prozent ein C etc. erhielten. Seit Beginn der 1990er Jahre war jedoch in England bei den sogenannten A-Levels (Abitur) eine starke Zunahme der Bestnote A zu verzeichnen. Die einen verteidigten dies als logische Konsequenz der verbesserten Unterrichtsmethoden, die anderen brandmarkten die Entwicklung als ‚Noten-Inflation’. Die offizielle Reaktion war, dass auf Wunsch der Universitäten ab 2010 eine neue ‚Supernote’ A* eingeführt wurde, um die ‚wirklich besten’ von den immer zahlreicheren mit A benoteten Abiturienten abzugrenzen.
Parallel dazu, und zumeist von offizieller Seite unbemerkt, fand und findet auch eine ‚sprachliche Inflation’ im Bildungsbereich statt. Aus eigener Erfahrung kannte und erlebte ich den Unterschied zwischen dem britischen, tiefstapelnden Sprachgebrauch (‚not bad, really’ war lange Zeit Ausdruck höchsten Lobes) und dem amerikanischen Superlativismus (‚awesome’ und ‚mindblowing’ für Dinge, die bei mir meist nur ein Schulterzucken auslösten). Gerade im Schulunterricht erforderte dieser kulturelle Unterschied eine gewisse Anpassungsleistung: Anfänglich kam ich mir ziemlich lächerlich vor, meine amerikanischen Schüler bei jeder halbwegs richtig ausgesprochenen deutschen Vokabel über den grünen Klee zu loben. Genau dieser Prozess scheint nun aber auch in England auf gewissen Gebieten vor sich zu gehen. Gute Leistungen werden nicht mehr mit ‚quite good’ oder dem berüchtigten ‚not bad’ kommentiert. Nein, der Schüler wird nun mit ‚brilliant’, ‚terrific’, ‚awesome’ und Stickern mit ‚You’re a star’ und ‚fantastic’ belohnt – Ausdrücke, die sich auch immer mehr in die Alltagssprache der Menschen einschleichen, so dass der Superlativ bzw. Ausdrücke höchster Wertschätzung nun auch in Kontexten verwendet werden, die dies nicht eigentlich erwarten lassen. Ich zumindest reagiere immer noch leicht erstaunt, wenn die Kellnerin meine Speisewahl mit ‚brilliant’ kommentiert und die Bestellung eines Mineralwassers mit Sprudel als ‚excellent’ eingestuft wird.

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