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Kolumne: Bandersnatch vs. Hobbit

2 September 2011 No Comment

Vor 38 Jahren, am 2. September 1973, starb John Ronald Reuel Tolkien. Im Andenken an ihn heute unsere Kolume von Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, über die Gründe von Tolkiens Erfolg im sprachlichen Bewusstsein.

von Thomas Honegger

„Niemand hat es jemals geschafft, auf Tolkien Einfluss zu nehmen – man kann genauso gut versuchen, einen Bandersnatch zu beeinflussen.“ Diese Charakterisierung des literarischen Vaters der Hobbits durch seinen Freund und Kollegen C.S. Lewis stellt die meisten Leser vor ein Rätsel – denn kaum jemand weiß aus dem Stegreif, was ein Bandersnatch ist. Dieses rätselhafte Wesen hat seinen Ursprung in der Imagination des Oxford Dons Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Caroll. Der Bandersnatch taucht zum ersten Mal im Gedicht Jabberwocky auf, das als Teil von Carolls Buch Alice hinter den Spiegeln (Through the Looking Glass, 1872) veröffentlicht wurde. Die relevante zweite Strophe lautet:

Beware the Jabberwock, my son!
The jaws that bite, the claws that catch!
Beware the Jubjub bird, and shun
The frumious Bandersnatch!

Oder in Christian Enzensbergers Übertragung:

Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!

Caroll brilliert durch innovative Sprachspielereien und Wortschöpfungen, die durch Lautmalerei und Sprachassoziation den gewünschten Effekt hervorrufen. Trotz der sprachlichen Brillanz haben aber keine der Carollschen Wortschöpfungen im allgemeinen kulturellen Bewusstsein – und somit im Sprachgebrauch – der Engländer Wurzeln geschlagen. Das zeigt, dass ‚Fantasiewörter’ nur dann überleben, wenn sie in eine Geschichte eingebunden sind. Und genau darin unterscheiden sich die nicht weniger imaginären Hobbits von den Jabberwocks und Bandersnatchs. Zwar ist das Wort Hobbit bereits im 19. Jahrhundert als wenig bekannte dialektale Bezeichnung für nicht genauer definierte koboldartige Wesen belegt, doch erlangte es seine Berühmtheit erst durch Tolkien, der in einem Moment der Inspiration auf ein leeres Examensarbeitblatt schrieb: „In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit.” Der vierfache Familienvater sponn dann für seine Kinder nicht nur eine Geschichte um dieses unbekannte Wesen, sondern versah das Wort auch gleich noch mit einer zwar erfundenen, aber nichtsdestotrotz philologisch plausiblen Herkunft. Hobbit ist, laut Tolkien, eine verschliffene und zusammengezogene Form des altenglischen Wortes *holbytla. Das Wort selbst ist als solches im Altenglischen zwar nicht belegt, aber seine Elemente existieren als hol = Höhle und bytla = Bauer. Ein Hobbit ist also ein ‚Höhlenbauer’. Dass der Begriff Hobbit überlebte und heute in der Umgangssprache fest verankert ist, liegt jedoch nicht nur an der Popularität der gleichnamigen Geschichte oder an der Stimmigkeit seiner Etymologie, sondern auch an der Tatsache, dass Tolkien mit den Hobbits eine Verkörperung des (leider größten Teils verschwundenen) ländlich-pastoralen englischen Lebensstils erschaffen hat. Das Publikum kann sich mit den Halblingen identifizieren und wenn Tolkien sich selbst als ‚großgewachsenen Hobbit’ bezeichnet, so weiß jeder, was er damit meint – im Gegensatz zum Bandersnatch.

honegger_webDiesmal machte Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, einen Abstecher in die Welt von Alice und Frodo.

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