Kolumne: „Singendes Geflügel“ in England
Die Tage werden wieder länger, die Winterkälte scheint gebrochen und die Vögel zwitschern von früh bis spät. Dazu passt die berühmte Zeile aus den „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer (gest. 1400): „smale foweles [that] maken melodye“.
Die Sprache Chaucers mag manchem Leser etwas ungewöhnlich erscheinen, doch ist es bereits erkennbar Englisch. Im Wortschatz finden wir viele moderne englische Wörter – wobei jedoch eine Ähnlichkeit in der Wortform nicht zwingend eine ebensolche in der Bedeutung nahelegt.
In diese Kategorie gehört unser „singendes Geflügel“. Nevill Coghill gibt in seiner Übersetzung ins moderne Englisch folgende Variante: „And the small fowl are making melody.“ Nun wird „fowl“ im modernen Englisch jedoch primär für „Geflügel“ verwendet, d.h. für Hühner, Gänse, Truthähne etc. So lautet der Eintrag im Oxford Advanced Learner’s Dictionary: „A bird that is kept for its meat and eggs, for example a chicken.“ Coghills Übersetzung ruft deshalb im ersten Augenblick das etwas komische Bild von singenden Hühnern, Gänsen oder Truthähnen hervor – bis sich dann vielleicht der eine oder andere Leser vage entsinnt, dass „fowl“ altertümlich auch für „Vogel“ allgemein stehen kann, so wie z.B. bei „guinea fowl“ (Perlhuhn) oder „waterfowl“ (Wasservogel). In der deutschen Übersetzung stellt sich das Problem insofern nicht, als dass das etymologisch mit „fowl“ direkt verwandte Wort „Vogel“ die gleiche Bedeutung beibehalten hat. Vom Mittelenglischen hin zum modernen Englischen hat „fowl“ jedoch offensichtlich eine Bedeutungsverengung erfahren. Natürlich braucht die Nation der „birdwatcher“ schlechthin nun ein neues Wort, das für „Vogel“ allgemein steht. Im modernen Englisch hat „bird“, das noch im Altenglischen (600–1100) als „brid/bird“ für „junger Vogel“ stand, diese Funktion übernommen. Im Laufe der mittelenglischen Zeit erfährt dieses spezialisierte Wort eine Bedeutungserweiterung: „bird“ ist nun nicht mehr ein junger Vogel, sondern „irgendein Vogel“. Damit löst es „fowl“ ab, welches sich in die entgegengesetzte Richtung („Spezialisierung“) bewegt.
Nicht immer lässt sich die Entwicklung von Wörtern oder Bedeutungsfeldern so befriedigend erklären. Jedes Wort ist aber Teil eines größeren Zusammenhangs, und wenn man sich die Mühe macht, etwas unter der Oberfläche der modernen Sprachen zu schürfen, so findet man manches Goldstück. Übrigens: Eine Google-Suche zu „singing turkey“ ergibt, dass wir durchaus wieder von „foweles [that] maken melodye“ bzw. „singendem Geflügel“ sprechen können …

Den kurzen Frühlingsexkurs zur englischen Sprachgeschichte verfasste Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.
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