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Klassiquer: katharina-packt-aus.tk

26 November 2009 5 Comments

Oder: Warum man Bölls Klassiker nur immer wieder viele Leser wünschen kann. Eine Buchrezension aus ganz aktuellem Anlass.

von Kalilan

Klassiker sind Bücher, von denen man zumindest behaupten sollte, sie gelesen zu haben, um in gehobener Gesellschaft Anerkennung zu finden. Einige Klassiker sollte man jedoch auch wirklich gelesen haben – zumindest wenn man sich in menschlicher Gesellschaft angemessen verhalten möchte. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll gehört zu diesen Büchern. Worum geht es?
Katharina Blum, ein einfaches Dienstmädchen, verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Mann, von dem sie später erfährt, dass er von der Polizei gesucht wird, und noch später, dass er des Mordes verdächtigt wird. Katharina gerät so ins Visier der Polizei und – weitaus schlimmer – in das der ZEITUNG. Diese macht sich sogleich daran, „den Charakter der Blum und ihre undurchsichtige Vergangenheit zu durchleuchten“ und stilisiert Katharina zur „Mörderbraut“. Als Grundlagen dienen das völlig fehlinterpretierte Schweigen Katharinas zu einem unangenehmen Verehrer, verdreht wiedergegebene Interviews mit „Freunden der Blum“ und die Aussagen von Bekannten, welche die Gelegenheit nutzen, um zu sagen, was sie angeblich „immer schon gewusst“ hatten.
Die ZEITUNG fördert zutage, was eigentlich schon allen klar ist: Katharina ist eine „Nazibraut“, und jeder, der sich auf ihre Seite stellt (ein paar Freunde hat Katharina noch), ist wohl auch „einer von denen“. Es ist nur recht, dass sich da der Volkszorn entlädt und man ihr anonyme Schmähpostkarten schreibt. Auch Telefonanrufe und Einträge auf ihrem Weblog, die vor Schamlosigkeit und Schadenfreude nur so strotzen, lassen der „braunen Wühlmaus“ und „Kreml-Tante“ keine Ruhe. Doch dank einiger angezapfter Telefonverbindungen vonseiten der Polizei und einem illegal gehackten E-Mail-Account vonseiten der ZEITUNG (man tauscht sich natürlich gegenseitig aus) wird schließlich Katharinas Liebhaber gefasst – doch weigert er sich, sie zu belasten. Hat der STURA da etwa überreagiert? Nein, denn dass die Wahrheit noch nicht ans Tageslicht gekommen ist, liegt nach Meinung der ZEITUNG nur daran, dass die polizeilichen Verhörmethoden zu milde sind. So fragt sie ihre Leser: „Muss man gegenüber Unmenschen menschlich bleiben?“
Das alles spielt vor 25 Jahren. Heute würde man vielleicht einen Preis aussetzen, um die rhetorische Frage der ZEITUNG zu beantworten. Fest steht jedenfalls, dass dieses „als Erzählung verkleidete Pamphlet“ (Böll) nichts an Aktualität verloren hat. Der Roman ist nicht nur Zeugnis einer historischen Abrechnung mit der Bild-Zeitung, in der ein sozial engagierter Schriftsteller unserer tief empfundenen Abscheu gegenüber diesem Revolverblatt Ausdruck verleiht, sondern er ist v.a. ein Pamphlet gegen ein kollektives Verhalten, dass es auch heute noch zu hinterfragen gilt, und das mit dem Wort der „Hexenjagd“ vielleicht ganz treffend beschrieben ist.
Anmerkung: Aufgrund bekannter Umstände muss die neue Ausgabe der UNIQUE unter enormen (Zeit-)Druck entstehen. Wenn ich in all der Hektik Werk und Realität ein wenig durcheinandergewirbelt haben sollte, möchte ich hierfür um Entschuldigung bitten sowie in Anlehnung an das Motto, das Heinrich Böll der „Katharina Blum“ vorangestellt hatte und welches zu den unkorrektesten, großartigsten und wahrhaftigsten Mottos der Literaturgeschichte zählt, erklären: Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ANTIFA ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Heinrich Böll – Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann, dtv, 5,90 €

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Bisher 5 Meinungen zum Thema: Klassiquer: katharina-packt-aus.tk

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  • Mike meint:

    Auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, was hier im Gesamten passiert ist, sagt mehr über die Verfolger als über die Verfolgten, danke ich der Unique für diese ungewohnte Standhaftigkeit.

    Mir ist eine gehörige Portion Naivität abhanden gekommen. Hätte mir nicht vorstellen können, daß so etwas in unserer Demokratie möglich ist. Auch erschreckte mich die Gleichgültigkeit vieler Menschen. Es war doch ganz offensichtlich, daß eine Kampagne gefahren wurde, die sehr viel Unrecht über wenige Menschen brachte, zu dem Preis, daß bestimmte zwielichtige Gruppen sich weiter in der Öffentlichkeit profilieren konnten. Ja sogar die Presse ist auf den Karren aufgesprungen und hat erschreckend bereitwillig “mitgemacht”. Und viele haben sich aus Angst in etwas hineingezogen zu werden abgeduckt. “Bist Du nicht dagegen, mußt Du dafür sein” scheint erneut zur Doktrin geworden zu sein.

    Würde ich einem derartigen Druck stand halten können? Würde ich einknicken und mit den Wölfen heulen, wenn mein Name plötzlich in vielen Zeitungen in einem Zusammenhang genannt wird, der mir wahrscheinlich keine Chance mehr auf ein normales Leben läßt?

    Was mit Euch passiert ist, provoziert viele Gedanken und man beginnt sich zu vergegenwärtigen, daß jeder der nächste sein kann. Es gibt so ein Gedicht, das endet mit den Worten: “…als sie mich holten war niemand mehr da, der hätte protestieren können.”

  • Zustimmer meint:

    ja, daran hat es mich auch erinnert… das Gedicht das Mike meinte ist von Martin Niemöller, nachzulesen hier:

    http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_martin_niemoeller_thema_gemeinschaft_zitat_9331.html

  • rost meint:

    liebe leute,
    langsam wird es lächerlich. jetzt müssen schon böll und niemöller herhalten… man kann von der ganzen nazi-geschichte halten, was man möchte. aber irgendwie zelebriert ihr das ganze hier inzwischen richtig. es gab ja vorher schon allerlei eklige selbstdarstellerische sachen, jetzt scheint ihr kein anderes thema mehr zu kennen, als euch selber.

    dass ihr euch gegen die erhobenen “vorwürfe” wendet ist legitim, dass ihr das öffentlich tut ist es in gewissen grenzen auch. diese grenzen sind aber erreicht. mit solchen artikeln zeigt ihr, dass euch das letzte bisschen journalistischer anspruch verlorengegangen ist.

    das ganze ist keine rezension und die gezogenen vergleiche hinken gewaltig. zum ersteren: wenn ihr das geschehen weiter kommentieren wollt, dann tut es doch als kommentar und verpackt es nicht (und schon gar nicht so schlecht).
    zum zweiteren: darüber, dass ihr “die” antifa (‘auf den schützen springt der pfeil’ – ihr wendet hier genau das schubladendenken an, dass ihr bei anderen kritisiert) oder den stura mit so einem mächtigem akteur wie “der zeitung” vergleicht, werden sich die so “geadelten” sicher köstlich amüsieren. gerade die debatte um die unique zeigt, dass linksradikale gruppen und meinungen wenig verankerung in der studierendenschaft und in der jenaer “zivilgesellschaft” haben. sie blieben mit ihrer kritik nämlich weitestgehend allein.
    dass der stura euch die gelder gestrichen hat und dass sich viele studis gegen die weiterförderung ausgesprochen haben, habt ihr euch selber zuzuschreiben: lügen, hysterische reaktionen, nicht die spur von selbstreflexion und herabwürdigung sachlicher kritik (z.b. der vom uni-pressesprecher).

    aber immerhin: so gebt ihr dem uni-stura und den studierenden das entscheidende argument, warum die unique nicht mehr aus den geldern der studierenden finanziert werden sollte: ihr seid keine zeitschrift für die studierenden, ihr seid nur noch eine zweitschrift für euch selbst.

  • profum meint:

    @ rost

    entschuldige rost aber lächerlich finde ich eher deinen Kommentar. Über die Rezension lachen musste ich zwar auch, aber dies weil sie das eigentliche Dilemma der ganzen unique-diskussion ziemlich treffend und spritzig auf den punkt bringt. Worum geht es denn in Bölls Buch? Darum, dass sich jemand zum alleinigen Meinungsführer aufschwingt und seine Polemik und Propanda solange wiederholt, bis man die Leute einfach schon so an die Vorwürfe gewöhnt sind, dass keiner mehr nach den Fakten hinter den Beschuldigungen fragt.
    Und dies war für mich auch der einzige aspekt der unique-debatte, der es wirklich wert ist in Erinnerung zu bleiben, denn es ist der einzige aspekt der langfrisitig auswirkung auf unser leben haben wird.
    Lächerlich finde ich, dass du in deinem Kommentar wieder genau dasselbe tust. Du erhebst Vorwürfe ohne nur einen einzigen Beweis zu bringen: Die unique lüge, sie reflektiere nicht, sie sei hysterisch, sie würdigt berechtigte kritik herab.
    Ich weiß nicht wo du die letzten Wochen verbracht hast, aber ich habe eine andere unique erlebt: ihre redakteure gingen auf kritik ein, sie gestanden fehler ein und (was ich am wichtigsten fand) sie trat nie nach, obwohl sie nach all dem was da abging jeden grund dafür gehabt hätte.
    du schreibst die unique scheine kein thema mehr als sich selbst zu kennen. Meines wissen nach gab es nach der debatte noch gar keine neue ausgabe (was an der streichung der gelder liegen mag), deshalb kann ich überhaupt nicht beurteilen, mit welchen themen sich die unique befasst. Und dass die redakteure auf der vollversammlung nicht länderberichte vortragen sondern zur debatte stellung nehmen ist hoffentlich auch dir verständlich.
    Letztendlich spielt für mich die qualität der unique (die ich innerhalb der armen jenaer medienlandschaft noch am höchsten empfinde) überhaupt keine rolle. worum es geht, hat böll sehr treffen beschrieben. das, was Böll beschreibt allerdings kaum jemanden in jena zu stören scheint und stattdessen jeder im kollektiven wahn und sich an neuen vorwürfen gegenseitg regelmäßig übertreffend auf der unique rumtrampelt, ist für mich der eigentliche skandal.

  • David meint:

    Das es niemanden interessiert was mit der Unique passiert ist übertrieben, ihr hattet immer Mitstreiter wie Gegner – dabei haben sich, wie alle Abstimmungen zeigten, die Gruppen sich immer relativ genau die Waage gehalten. Ihr steht keinesfalls alleine gegen den Rest der Welt da, eher mit einer Hälfte gegen die andere – das unterscheidet euch noch immer wesentlich von der Böllschen Geschichte.
    Das die vorgebrachte Kritik auch meiner Meinung nach vollkommen unangebracht und die Mittelstreichung ebenso daneben ist steht auf einem anderen Blatt, und dafür ist der Vergleich passend.

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