Klassiquer: Charles Bukowskis „Post Office“

Mein alter Freund Bukowski hat seinen ersten Roman geschrieben. Das war im schönen Jahre 1971. Buks Alter Ego Henry Chinaski begibt sich darin in heikle Gefahr. Als „Mann mit der Ledertasche“ – Briefträger im öffentlichen Dienst der ehrwürdigen US-Post – bekommt er es mit kafkaesken Dienstvorschriften, feindseligen Vorgesetzten, bitteren Überstunden und widrigen Witterungsverhältnissen zu tun: Bukowski, der moderne amerikanische Antiheld im steten Überlebenskampf in den Tretmühlen des Lebens.
von gonzo
Ob auch die Mittagshitze glüht, bis der Asphalt unter den schäbigen Schuhen schmilzt oder die Straßen zu reißenden Fluten werden – eines ist sicher: Hank Chinaski wird sein verkatertes Häufchen Elend durch die rauen Gassen von Los Angeles schleppen, bis auch das letzte nutzlose Werbeprospekt in seinem angestammten Briefkasten verschwindet.
Sein alle Kräfte zehrendes Dasein zwischen Pferderennbahn, Spirituosenladen und Stechuhr findet auch zu Hause keine Ruhestätte. Die ständig präsenten Frauengeschichten sind eher Fluch als Segen. Ist da doch immer eine nymphomanische Irre, die sich anschickt, ihm auch noch den letzten Tropfen Mark auszusaugen. Der konsequente Individualist und Einzelgänger frönt hemmungslos dem Suff und wird dabei langsam, aber sicher hypochondrisch. Halb wahnsinnig und immerzu behelligt von den Absurditäten der Welt, hängt er seinen Job nach knochenbrechenden Jahren an den Nagel, um als Schriftsteller groß rauszukommen.
Bukowskis kultige Lyrik und Prosa treffen immer einen Nerv. Als frauenverachtend und zynisch verschrien oder als überragend authentisch und für den Pulitzer-Preis nominiertes Genie gefeiert, bleibt er ein großer Humanist. Bukowski ist Undergroundliteratur par excellence. Generationen von Freunden der tragikomischen Satire lesen sich an seinen Büchern süchtig. Unverkennbar poetische, scharfsinnig ordinäre Kost von einem literarischen Müßiggänger, dessen Schreibmaschine in unzähligen heruntergekommenen Apartments den zeitlosen Pulsschlag der Straße aufs Papier hämmerte.
Illustration: gadscha
Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:
- Klassiquer: katharina-packt-aus.tk Oder: Warum man Bölls Klassiker nur immer wieder viele Leser wünschen kann. Eine Buchrezension aus ganz aktuellem Anlass. von Kalilan Klassiker sind Bücher, von denen man zumindest behaupten sollte, sie gelesen zu haben, um in gehobener Gesellschaft Anerkennung zu...
- Klassiquer: Für eine Handvoll Dollar Im Jahr 1964 entstand mit Sergio Leones „Per un pugno di dollari“ nicht nur der italienische „Spaghettiwestern“ als ganzes Subgenre der Lichtspielkultur, sondern auch ein stilistischer Pionierfilm mit revolutionären Einflüssen auf das moderne angloamerikanische Actionkino. von gonzo Knochentrocken flimmert der...
- I Am Airen Man – Im Westen nichts Neues Literarische Bekenntnisse aufsässiger Drogenfreunde gibt es ja reichlich. Dass nun die Aufzeichnungen des gebürtigen Münchners, Wirtschaftshochschul- absolventen und Berliner Szene-Bloggers „Airen“ (chin. „Liebes-Mensch“) in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, liegt nicht zuletzt am Plagiatsskandal um Helene Hegemann, welche ihr...
- Buch: Maus. Die Geschichte eines Überlebenden von Luth Darf man die Geschichte des Holocausts in Form eines Comics erzählen? Die Idee erschien so unverfroren, dass man davon ausgehen musste, das könne nur schiefgehen. Dem New Yorker Cartoonisten Spiegelman aber, im Jahre 1992 Pulitzer-Preisträger, gelang dieses Kunststück....
- Ein Golem aus Folklore und Furcht Wer den albanischen Nationalschriftsteller Ismail Kadare nicht bereits kennt, lässt sein neuestes Buch mit dem banalen Titel „Ein folgenschwerer Abend“ sicherlich im Regal stehen. Das ist schade, denn er verpasst ein aufregendes Stück Weltliteratur! von Kalilan Warum man aus...


Deine Meinung zählt!