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Kafkas Konflikt mit der Kreativität

23 Januar 2019 No Comment

Kafka Statue in Prag

Denkt Franz Kafka an das Schreiben in der Nacht, ist er um den Schlaf gebracht: Über die Schreibblockaden, Flow-Erlebnisse und Selbstzweifel des weltberühmten Prager Schriftstellers und die Bedeutung seiner Novelle „das Urteil“ für ihn selbst sowie für die Weltliteratur.

von Ladyna

In der Nacht auf den 23. September 1912 bringt ein 29-jähriger Tscheche in acht Stunden eine Novelle zu Papier, in der er sich schlagartig thematisch und stilistisch selbst findet. „Die Geschichte ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen“, wird er später in seinem Tagebuch vermerken. Eine Metapher für den Tätigkeitsrausch bei der Entstehung der Erzählung „das Urteil“, der auf Franz Kafka nach einer Periode, in der ihm das Schreiben überaus schwerfiel, wie eine Befreiung wirkt, obwohl er mit großer Kraftanstrengung verbunden war.  Wiederholtes Vorlesen – vor Publikum oder alleine – bestärkte seinen Vorsatz, Schriftsteller zu werden und leitete eine erste längere kreative Phase ein. In seinen Tagebüchern stilisierte er dies als Aufopferung für die Kunst und inszeniert sich damit selbst – vor sich selbst. „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“, schrieb er euphorisiert durch das Erlebnis. Um diese Öffnung dauerhaft zu ermöglichen, begann Kafka, dem gewöhnlichen Leben asketisch immer mehr zu entsagen und sich zunehmend aufs Schreiben zu konzentrieren. Kafka stellte sein Schaffen zeitweise über alles andere, er pflegte einen strikt durchgetakteten Tagesablauf. Vormittags war er im Büro, nachmittags schlief er, die Nacht widmete er der Arbeit.

Diese Kompromisslosigkeit ist sicher einer der Aspekte, die ihn auch heute noch zu einer viel diskutierten Persönlichkeit machen. Sie spiegelt sich auch in seinen Texten wieder. Diese sind durch die klare Sprache, Bildhaftigkeit und die geringe Länge oberflächlich sehr zugänglich. Gleichzeitig schafft er eine bizarre, in sich verschachtelte Parallelwelt mit Erzählern, denen kaum zu trauen ist und Machtbeziehungen, die ebenso vage und schwebend wie absolut zu sein scheinen. Das radikale Ende des „Urteils“, das einen Vater-Sohn-Konflikt ins Zentrum stellt, lässt ein breites Spektrum von Interpretationen zu. Treibt der Vater den Sohn in den Selbstmord? Geht es um tödliches Scheitern und absolute Fremdbestimmung? Oder schafft der Protagonist den Abnabelungsprozess vom einengenden Elternhaus durch eine rituelle Wiedergeburt? Die Geschichte bietet eine Fülle an Anknüpfungspunkten für Erklärungsansätze und lässt sich ebenso wie der künstlerische Prozess nur schwer fassen. Oder, wie es Adorno ausdrückte: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“. Kafka selbst scheint keine eindeutige Botschaft in seinem Werk codiert zu haben, zumindest schreibt er 1913 in einem Brief an Felice Bauer: „Findest Du im ‚Urteil‘ irgendeinen Sinn … Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären.“.

Die Überwältigung eines Künstlers durch eine Idee, deren Ursprung er sich meist nicht zu erklären weiß (und deren Sinn in Kafkas Fall auch dem Autor verborgen zu bleiben scheint), hat allgemein zu einer Mystifizierung der Kreativen beigetragen. Die Vorstellung, dass künstlerisches Schaffen nicht nur aus dem Menschen kommt, sondern vom Einfall eines höheren, nicht greifbaren Moments getriggert wird, ist schon bei den vorsokratischen Philosophen zu finden. Die mythologische Figur der Muse illustriert dies seit der Antike.  In vielen Religionen, wie auch der jüdischen Tradition, von der Kafka geprägt ist, wurde Inspiration oft mit einer „wahren Urheberschaft“ Gottes in Verbindung gebracht: Der kreative Mensch agiert als göttliches Werkzeug. Max Ernst geht sogar so weit, dem Künstler das Schöpferische abzusprechen und ihn als reinen Zuschauer zu bezeichnen, der der Entstehung seines durch unbewusste Prozesse wie Träume inspirierten Werkes nur beizuwohnen vermag. Andere verweisen auf eher materielle Quellen, wie William Faulkners: Er meint, dass „die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration […] neunundneunzig Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß” ergebe.

Die Vielzahl mystifizierender Erklärungen für Inspiration ergibt sich auch daher, dass der kreative Denkprozess weitgehend unbewusst abläuft. Biologisch betrachtet eröffnet eine ungewöhnliche Inaktivität des präfrontalen Cortex dem Gehirn die Möglichkeit, im Gedächtnis gespeicherte Informationen neu zu verbinden. Ein Tätigkeitsrausch, wie ihn auch Kafka erlebte, wird heute in der Psychologie als Flow-Erlebnis beschrieben. Darunter versteht man einen tranceartigen Zustand, der sowohl konzentriert als auch dissoziativ ist. Flow wird auch als „positive Sucht“ beschrieben: Der Reiz des Schaffens selbst überstrahlt dessen Zweck, die Gedanken bleiben bei der Sache, damit geht ein vorübergehender Verlust des Zeitbewusstseins einher. Damit erlebt der Künstler auch Selbstzweckhaftigkeit und die Übereinstimmung verschiedener Persönlichkeitsvariablen. Er stellt sich und sein Handeln nicht in Frage, was zu einer intensiven Konzentration und zur besonders hohen Leistungsfähigkeit führt.


Dem Flow gegenüber stehen Kreativitätsblockaden. Während leichte Befürchtungen die Kreativität bisweilen sogar fördern, können intensive Ängste vor der Bewertung der eigenen Person zu Phasen führen, in denen der kreative Prozess beinahe vollständig zum Erliegen kommt. Kafkas Schreibblockaden gingen  mit starken Selbstzweifeln einher. Besonders schwer fiel es ihm, Werke zu Ende zu bringen, so dass von ihm heute außer Kurzgeschichten nur Romanfragmente erhalten sind. Etwa ein Jahr vor der Entstehung des Urteils schrieb er in sein Tagebuch: „Würde ich einmal ein größeres Ganzes schreiben können, […] so aber lauft jedes Stückchen der Geschichte heimatlos herum und treibt mich in die entgegengesetzte Richtung.“. Auch wenn „das Urteil“ Kafkas erste längere kreative Phase einläutete, machte das Aufflackern der Genialität die Phasen, in denen diese nicht abrufbar war, in seiner persönlichen Wahrnehmung nur noch kläglicher. Auch diese Verzweiflung findet sich in seinen Tagebüchern wieder. „Kein Wort fast, dass ich schreibe, passt zum anderen, ich höre, wie sich die Konsonanten blechern aneinanderreihen […]. Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! Ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich.“ Kafka, der immer auf der Suche nach dem absolut richtigem Wort war und der in seinen Werken eine ganz eigene Welt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten erschuf, fasziniert viele Leser in seiner Hin-und Hergerissenheit wahrscheinlich auch deswegen, weil nicht nur sein Werk, sondern auch er selbst rätselhaft bleibt.

Viele Aspekte seines Lebens fügen sich hervorragend in das Klischee des gebeutelten Künstlers ein, während viele andere Schriftsteller eher diszipliniert Arbeitende sind. Oft wird rund um das Schreiben ein Pathos konstruiert, der von der Tatsache, dass die Werke von Mann, de Beauvoir oder Kehlmann auch Ergebnis langwieriger Recherche und eines geordneten Tagesablaufs sind, ablenkt.

Unabhängig von seiner Person gehört das Werk, dass größtenteils erst postum und entgegen seinem letzten Willen veröffentlicht wurde, heute zum Kanon der Weltliteratur. Trotzdem ist es wahrscheinlich seiner ambivalenten Persönlichkeit geschuldet, dass er im Kontrast zu vielen anderen Schriftstellern als Person fast häufiger diskutiert wird als sein Werk. Die Grundkonflikte und Atmosphäre seiner markanten Ausdrucksweise, die auch den Mythos um ihn begründet hat, sind alle bereits im Urteil angelegt.
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