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Die Jugend von heute über sich selbst

16 Juni 2013 No Comment

juLi im juni, Weimars Festival für junge Literatur, fand zum elften Mal statt. Zusätzlich zum künstlerischen Programm am Abend gibt es jetzt eine Anthologie, die auf die ersten 10 Jahre zurückblickt.

von gouze

Am ersten Juni lud das Literaturfestival juLi im juni zum elften Mal ein, den Lesungen ausgewählter Nachwuchsautoren beizuwohnen. Seit 2003 findet es jährlich als Kooperation von Studenten der Bauhaus-Universität und der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar statt. Entstanden ist das Veranstaltungskonzept aus dem Verlangen „junger“ Literatur einen Ort zu geben, an dem sie sich präsentieren kann, und denjenigen, die den Weg in eine professionelle Schriftstellerkarriere noch nicht gefunden haben, eine Bühne für ihr Werk zu bieten. Mittlerweile ist juLi eine fest etablierte Größe in der Kulturszene Weimars.
Nachdem 2012 das zehnjährige Jubiläum gefeiert wurde, erschien in diesem Jahr die Anthologie Wie juLi zum juni kam. Der hochwertig verarbeitete und liebevoll gestaltete Band blickt auf die vergangene Dekade und die Anfänge von juLi zurück. Er enthält alle Texte, die 2012 vorgetragen wurden und wird durch diverse Fotografien, die ebenfalls auf der Lesung ausgestellt wurden, bereichert. Das Angenehmste an der Lektüre ist, dass sowohl Form als auch Inhalt den Leser zwingen, die Welt zwischen den Buchdeckeln in aller Ruhe zu erkunden. Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen und für das man sich Zeit nehmen muss. So, wie es die Herausgeber beabsichtigt haben.
Zu Wort kommen darin auch die Mitarbeiter der jährlich wechselnden Organisationsteams von juLi im juni. Sie berichten, wie sie selbst zum Festival kamen, welche Wünsche sie umsetzen wollten und was sie motiviert hat an diesem zeitintensiven Projekt mitzuarbeiten. „Unser Anliegen war es, einen kreativen Dialog zwischen den verschiedenen Kunstsparten, zwischen Autoren, jungen Komponisten und Videokünstlern anzuregen. Wir wollten Menschen für Literatur begeistern, für ihre vielen verschiedenen Facetten, Tonlagen, Spielarten“, fasst eines der Mitglieder zusammen. Dem Leser wird ein interessanter Blick hinter die Kulissen gewährt. So merkt man recht schnell, dass eine Veranstaltung wie juLi nicht nur mit Enthusiasmus und Liebe zur Kunst zu bewerkstelligen ist, sondern dass auch Pragmatiker und Rationalisten ihren Anteil leisten, um am Ende ein alternatives Kunstprojekt zu kreieren.
In diesem Jahr reisten fünf junge Autoren und ein Lyrik-Kollektiv aus der ganzen Republik nach Weimar, um zusammen mit dem Publikum auf „Identitätssuche“ einer Generation zu gehen, die gerne mit „Facebook“ oder „Praktikum“ überschrieben wird. Gelesen wurde auf drei Bühnen parallel, abgerundet durch kurze musikalische Intermezzi. Der Besucher war nie ganz mit der ausgewählten Lesung allein, aus den benachbarten Räumen wehte immer etwas Applaus oder Gelächter herüber. Das latente Gefühl, dass es nebenan etwas noch besseres zu hören gab, konnte man nie ganz los werden. Trotzdem ist niemand aufgesprungen und hat den Raum gewechselt. Vielleicht ist aber genau das symptomatisch für eine Generation in der man, egal wo, immer von anderen umgeben, aber doch nicht in anderer Leute Gesellschaft ist. Wenn Gleichaltrige über sich selbst reden – ob sie nun auf der Bühne stehen oder in der Mensa sitzen –, hat das durchaus einen beruhigenden Effekt auf das Gegenüber: Wir alle haben Angst vor der Zukunft, sind unzufrieden mit der Gegenwart, und träumen von der Vergangenheit. Großartig ist es dann, wenn Menschen wie die Autorin Marlen Pelny dieses Gefühl so gut in Worte fassen können. Ihre Lesung nahm fast therapeutische Züge an, als sie das Publikum mit ihrer nachdenklich-melancholischen Art in einen annähernd  andächtigen Zustand versetzte.
juLi in juni – ein wunderbares Kontrastprogramm zum sonstigen örtlichen Kulturangebot. Mit ein bisschen Wehmut wartet man darauf, dass der nächste Juni schnell kommt. Denn hier dürfen Goethe und Schiller zu Hause bleiben und der Künstlernachwuchs von heute über sich selbst reden. Und das machen wir gerne, über uns selbst reden.

Wie juLi zum juni kam
bertuch Verlag 2013
Hardcover mit Leineneinband und Fadenbindung
264 Seiten
13,80 €

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