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Zeitreise ins „Jena 1800“

18 November 2018 No Comment

Wer die dämmrigen Herbsttage zu einer gedanklichen Reise in die Vergangenheit Jenas nutzen möchte, dem bietet das neue Buch von Peter Neumann Gelegenheit dazu. Am vergangenen Freitag las er daraus in der Villa Rosenthal.

von Frank

„Weimar ist schon lange nicht mehr das Zentrum des Geistes. Die Jungen zieht es nach Jena.“ In das Jena um das Jahr 1800 zieht uns Leser das gleichnamige Buch von Peter Neumann, wobei er uns als die „Jungen“, neu denkenden Köpfe die Brüder Friedrich und Wilhelm Schlegel sowie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Novalis und Clemens Brentano vorstellt. Nicht nur in der damals gerade rund 5.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt, sondern in ganz Europa war die alte Ordnung in Bedrängnis, vor allem natürlich durch den Ausgang der Französischen Revolution. Für Neumann zieht sich die Umbruchserfahrung als roter Faden durch das Denken und Schreiben dieser Zeit – und auch durch sein Buch Jena 1800.
Die Villa Rosenthal, in der seine Lesung an diesem Freitagabend stattfindet, ist freilich auch ein Teil der Jenaer Geistesgeschichte, allerdings einer viel späteren Zeit: Erbaut ab 1890 als Domizil des Juristen und Kunstförderers Eduard Rosenthal (1853-1926), im Jahr 1924 von den Eheleuten Rosenthal testamentarisch der Stadt übertragen, bietet die geräumige Villa in der Nähe der Kahlaischen Straße heute Kulturveranstaltungen wie dieser eine Heimat. In den stilvollen Räumlichkeiten nehmen an diesem Abend rund 40 Zuhörer Platz, mancher mit einem Glas Wein in der Hand, und lauschen Neumann, der als Schriftsteller in Weimar lebt und an der Uni Jena Philosophie unterrichtet, wie er Auszüge seines Buches vorliest und kommentiert.
Dass Neumann auch Lyrik und Prosa schreibt, merkt man seinem Schreibstil (und auch seiner Vortragsweise in der Villa Rosenthal) an. Er erzählt im Präsens, oft szenisch, basierend auf reichhaltigem Material, das vor allem die vielen Briefwechsel und Tagebücher der Protagonisten bereithalten. Von den geschilderten Szenen kommt er auf Inhalte und Werke zu sprechen, schreibt allerdings bewusst keine Chronologie: „Aus der Gegenwart heraus“ wollte er schreiben, so sagt er den Zuhörern, und die Philosophie aus der Alltagswelt darstellen. Dem Autor, der freilich kein Historiker ist, geht es nicht ums „Erzählen auf ein Ziel hin“, sondern mit manchen Vor- und vielen Rückgriffen. Und das wortgewaltig, detailreich – bisweilen aber ans Kitschige grenzend.

Ohne Goethe ist es nicht zu machen
Direkte Zitate der Beteiligten, wie sie eine kluge Beobachterin der Epoche, Sigrid Damm, in ihren Texten sehr großzügig nutzt, hätten Neumanns Buch an mancher Stelle gutgetan. Der Autor erklärt jedoch bei der Lesung, er habe sich absichtlich gegen eine solche Variante entschieden. In anderer Weise ist er Damms Zugang zur Thematik dennoch ähnlich: Neumann arbeitet sich an einem überschaubaren Personenkreis und dessen (geistigen) Beziehungsgeflechten intensiv ab. Goethe und Schiller kommen dabei natürlich auch vor, aber mehr im Weggang, im „Vorüber“ als im Jetzt des Jahres 1800. „Ohne Goethe ist es irgendwie nicht zu machen“, erklärt der Autor an einer Stelle lachend den Zuhörern. Schiller, dessen Antrittsvorlesung in Jena Neumann lebhaft beschreibt, hatte der Saalestadt 1799 den Rücken gekehrt – „Adieu, Lebewohl. Nun also Weimar, Goethe, zurück in die Arme des Herzogs.“ „Wann immer das Gespräch auf Schiller kommt, verdreht man die Augen“, berichtet das Buch von den Mittagsrunden bei Schlegels, die sich im Literatur und Philosophie drehten; doch musste man Acht geben, den Spott nicht bis nach Weimar durchdringen zu lassen – zu Goethe, den sie alle sich ja wohlgesonnen halten wollten. Ohne Goethe, das war also auch für sie, um 1800, nicht zu machen.
Neumann hält sich weder an einer festen lokalen Begrenzung auf Jena auf, noch klammert er sich starr das das titelgebende Jahr: einen geistigen Rahmen bilden ihm 1798 (Schelling kommt nach Jena) und 1801 (die Auflösung des intellektuellen Freundeskreises). Ohne Vorkenntnisse zu Literatur und Philosophie der Zeit ist sein Jena 1800 nicht einfach zu verstehen. Mitunter schreibt er sehr schöngeistig – was sich bei der Thematik aber wohl schwerlich umgehen ließe, selbst wenn er es darauf angelegt hätte. Wer Jena kennt, wird manchen Ort in Neumanns szenischen Beschreibungen wiedererkennen. Doch auch für alle anderen lässt der Bilder vor den Augen entstehen.

Peter Neumann:
Jena 1800 – Die Republik der freien Geister
Siedler-Verlag 2018
256 Seiten
22,00 €

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