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Wachstum und Innovation: Wenn die EU auf Thüringen trifft

26 März 2014 No Comment

Moderator Bastian Stein (2. v. l.) begrüßt die Gäste im "Haus auf der Mauer"

„Europas Wirtschaft im Wandel: Ein Chance für Thüringen“ war das Thema der Debatte, zu der die Jungen Europäischen Föderalisten am Dienstagabend einluden.

von Babs

„Europa 2020“ – das Programm, das im Juni 2010 vom Europäischen Rat verabschiedet wurde, normiert das Ziel des Wirtschaftswachstums durch nachhaltige Technologien, Bildung und gesellschaftliche Integration. Dazu sollten drei geladene Gäste ihre Expertise bieten: Reinhard Bütikofer, langjähriger Vorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen, ist seit 2009 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Partei im Europäischen Parlament und Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Stephan Preuß, der in der Diskussion als direkt Betroffener seine Sicht zu den Auswirkungen europäischer Politik auf Thüringer Unternehmen schildern soll, leitet die Jenaer Antriebstechnik GmbH, ein mittelständisches Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern, das nicht nur in Jena agiert, sondern auch Zulieferer für Unternehmen mit großen Exportanteilen ist. Die Runde wurde komplettiert durch Wilfried Röpke, den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Jena mbH.
Auch im Großen Saal des Internationalen Centrums „Haus auf der Mauer“ war der Konflikt in der Ukraine allgegenwärtig. Die wichtigste Frage in Europa zurzeit sei, so Bütikofer, die Auswirkungen des Krim-Konfliktes auf die Energieversorgung auch in Europa. Gerade das Zerwürfnis mit Russland habe den europäischen Staaten erneut vor Augen geführt, wie fragil die Energieversorgung ist – und wie notwendig demzufolge eine Energiewende: Denn nur so sei eine dauerhafte Versorgung gewährleistet. Preuß hingegen ist durch die Meldung der Sanktionen, die gegen Russland verhängt werden sollen viel mehr betroffen als von möglicherweise mangelnder Energieversorgung: Für sein Unternehmen sind deutsche Exporte in den Flächenstaat entscheidender. Europas Wirtschafts- und Energiepolitik hingegen bemerke er in seinem Arbeitsalltag kaum. Diese Beobachtung kann auch Wilfried Röpke, der als Mittler zwischen der europäischen und der lokalen Ebene dienen sollte, teilen. Der Export in die EU, so der Physiker, mache bei Jenaer Unternehmen nur 30 Prozent des gesamten Exportaufkommens aus, zudem sei die Energie kein allzu hoher Kostenfaktor für die ortsansässigen Firmen, die größtenteils weniger energieintensive Produktion betreiben. Daher seien sie von Maßnahmen der EU selten direkt betroffen. Vielmehr bestehe ein Konkurrenzverhältnis zum asiatischen Raum. Um da auf Dauer nicht ins Abseits zu geraten, brauche es mehr Innovation.
Innovation ist, in Verbindung mit Industrie, sowieso das Schlagwort des Abends, denn in einem sind sich alle einig: Wirtschaftswachstum ist nur durch Neuerung, nicht durch willkürliche Kürzungen möglich. Das Wichtigste sind also kluge Köpfe, am besten verbunden mit einer Nähe von Produktionsstandort und Produktentwicklung – nur woher die Köpfe nehmen? Preuß bemängelt, dass es allgemein zu wenig Ausbildung in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen gäbe und dieses Defizit von der Politik gerne ignoriert werde. Im Moment könne dies auch durch den Zuzug ausländischer Fachkräfte überbrückt werden.
In diesem Zusammenhang unvermeidlich fällt das Stichwort einer Willkommenskultur: Haben wir diese in Thüringen? Gerade Erfurt hat zu diesem Aspekt nicht gut von sich reden gemacht. Überhaupt habe Thüringen, wirft die ebenfalls anwesende Anja Siegesmund, Vorsitzende der Grünen im Thüringer Landtag ein, mit 1,5 Prozent Ausländeranteil noch ein großes Entwicklungspotential, das bisher jedoch kaum genutzt werde.
Dieser durchaus spannende Ansatz wird jedoch kaum mehr vertief – die Zeit drängt. Schon um halb neun muss Herr Bütikofer die Veranstaltung wieder verlassen, um seinen Zug nicht zu verpassen. „Sonst muss er hier bleiben und mit uns trinken gehen“, scherzt Moderator Bastian Stein.
Doch obwohl der Abend kurz war ermöglichte er die Erkenntnis, dass ein dauerhaftes Wachstum vor allem eins braucht: Menschen, die es antreiben.

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