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„Ich fühle mich zuhause mit meiner neuen Band“

9 Dezember 2017 No Comment

(Foto: © Marco Sensche)

Judith Holofernes spricht mit unique über Glamour und Siffigkeit des Musikerlebens, gesellschaftliches Engagement und ihre ganz persönlichen Helden.

unique: Du warst schon ein paar Mal in Jena. Hast du irgendwelche Eindrücke oder Erinnerungen?
Holofernes: Ich habe nur die allerbesten Eindrücke von Jena (lacht). Tatsächlich war das hier für uns, auch mit den „Helden“, immer schon total schön. Jedes Mal kommen viele Leute – ein begeisterungsfähiges Publikum – und es ist gut vorverkauft. Ich glaube das liegt daran, dass das Campusradio meine Songs relativ viel spielt.

Das neue Album heißt Ich bin das Chaos. Inwieweit trifft das wirklich zu?
(Die Frage provoziert Lachen aus dem Hintergrund) Das ist mein Manager, der da lacht. Also, es trifft ziemlich gut zu, aber ich hab’s mühsam im Griff. Ich musste natürlich lernen, mit meinem Chaos umzugehen, weil ich so viel reise. Ich kann ja nicht immer die Hälfte meiner Sachen im Hotel vergessen, was auf den ersten Touren definitiv so war. Von der Veranlagung bin ich sehr chaotisch und verliere mich einfach in meinem Kopf und dem, was mir so einfällt, und vergesse dann das, was ich eigentlich gerade mache.

Du beziehst auch zu politisch-gesellschaftlichen Themen Position. Was würdest du Leuten antworten, die sagen, Künstler sollten sich auf Unterhaltung beschränken?
Ich würde nie sagen, Musiker sollen beim Musikmachen bleiben. Auf der anderen Seite werde ich immer gefragt, ob ich finde, dass Künstler sich engagieren müssten, und das sehe ich auch nicht so. Ich finde ehrlich gesagt: weder noch. Das ist eine Spezialbegabung und auch -berufung, wobei ich denke, nicht jedes Engagement ist gleich nützlich. Man muss seine Motivation gut überprüfen, was man wirklich will. Für Künstler ist es gerade sehr einfach, sich in Situationen zu begeben, bei denen es sehr unklar wird, wer eigentlich von wem profitiert. Es ist leider oft auch – mindestens als Nebeneffekt – eine gelungene PR-Aktion. Das heißt nicht, dass die Leute das nicht völlig ernst meinen und etwas Gutes wollen. Aber man muss schon aufpassen, dass es nicht wahllos wird und man zu allem immer seinen Senf dazu gibt. Ich finde, nicht jeder gut gemeinte Impuls, der nicht mit einem Mindestmaß an Einsicht in die Materie verbunden ist, bewirkt wirklich etwas Gutes. Deshalb würde ich nie sagen: „Jeder Künstler muss sich engagieren“, sondern nur dann, wenn man sich sicher ist, dass man dazu wirklich etwas beizutragen hat. Das kann etwas Schlichtes sein, aber es muss ein reiner Impuls sein und eine klare Absicht haben.

Jeder meint zu wissen, was man als Musiker so tut. Welche Musikerklischees treffen auf dich am wenigsten zu?
Das ist eines meiner Lieblingsthemen, weil ich viele Freunde habe, die keine Musik machen und mit denen ich dann darüber rede, wie sie sich das so vorstellen. Ich finde es lustig, wie sehr sich mein Berufsalltag von dem unterscheidet, was Leute denken. Zum Beispiel haben viele sehr luxuriöse Vorstellungen davon und stellen sich immer Privatjets und tolle Hotels vor. Dabei gibt es auch auf dem Level, auf dem Wir sind Helden teilweise unterwegs waren, ganz krasse Kontraste. Es kommt vor: Du bist bei irgendeiner Aftershowparty und dann ist es so, wie sich das deine Tante vorstellt – total glamourös. Am nächsten Tag bist du zu zwölft in einem Nightliner, kannst nicht aufs Klo gehen, weil es verstopft ist – und ihr habt gerade die Abfahrt verpasst, wo es etwas Anständiges zu essen gegeben hätte. Das ist das Interessante: Man muss sehr flexibel bleiben. Vieles davon ist nicht so glamourös, wie man denkt. Viel Warten, nicht zuhause sein, in einer fremden Umgebung sein. Inzwischen achte ich darauf, dass ich zwischendurch wenigstens kurz spazieren gehe und wirklich etwas mitkriege von der Stadt. Aber wenn man nicht drauf achtet, sieht man eigentlich nur Backstageräume oder neonbeleuchtete Umkleidekabinen, egal in welcher Stadt. Das kann ganz schön deprimierend sein.

Wie lassen sich denn dabei Band und Familie vereinbaren?
Also, es war bei uns natürlich speziell und besonders schwierig, da wir beide in der Band waren. Ich kenne unheimlich viele Leute in anderen Bands, die auch Kinder haben und das funktioniert sehr viel besser, wenn die Kinder nicht mitmüssen. Aber bei uns war das anders, sie waren immer mit unterwegs und wenn einer von uns beiden ausgefallen ist, ist das Konzert ausgefallen. Jeder, der kleine Kinder hat, kennt das Problem, wenn eines von den Kindern krank ist… und wenn beide Eltern abends auf der Bühne stehen müssen, ist das ein unglaublich prekäres Konstrukt. Sonst geht es schon, Familie und Band. Es ist sportlich. Eigentlich arbeiten beide immer und wir wechseln uns ab, wer dann eben nach der Schule am Start ist.

Wenn du jetzt solo unterwegs bist, vermisst du dann die anderen „Helden“ auf der Bühne?
Am Anfang schon. Aber dadurch, dass ich jetzt auch eine sechsköpfige Band habe, kommt natürlich keine Einsamkeit auf. Man kommt sich auch sehr nahe in so einem Tourbus und es ging schnell, dass ich mich zuhause fühle mit meiner neuen Band. Manchmal mache ich auch Auftritte ganz alleine – und das finde ich zur Abwechslung auch mal schön. Man kommt dann noch näher an das Publikum. Das hat was, aber im Prinzip bin ich ein Herdentier. Und außerdem: Wir „Helden“ sehen uns ja auch noch. Wir wohnen in verschiedenen Städten, aber das war schon immer so. Das ist dann wie bei Geschwistern, die von zuhause ausziehen. Aber wenn man sich sieht, dann ist man sofort wieder in diesem Modus.

Wie würdest du dieses aktuelle Kapitel deines Lebens denn bezeichnen?
Uh, das ist eine interessante Frage. (überlegt) Es fühlt sich ein bisschen an wie so ein „Dazwischen“, also auf eine gar nicht nur unangenehme Art und Weise „zwischen Zuständen“. Obwohl das mit der Band jetzt schon fünf Jahre her ist, weiß ich noch gar nicht so genau, wo es mit mir eigentlich hingeht. Und das hatte ich lange nicht; diese Band war mein Traum – und dann habe ich diese Band gemacht, zwölf Jahre lang. Jetzt bin ich ein bisschen in dem Vakuum nach dem Traum. Trotzdem habe ich wahnsinnig viel Spaß.

Das wird jetzt eine wahnsinnig offensichtliche Frage, die die du sicher öfter hörst: Wer sind deine Helden?
Einer meiner Helden ist Patti Smith. Die habe ich vor inzwischen vielleicht drei Jahren live gesehen in Berlin – und ich war wirklich total weggeblasen. Denn ich habe immer ein wenig gezögert, meine Helden auch live anzuschauen, weil ich so leicht enttäuscht werden kann. Aber bei dem Konzert war es so, dass ich dachte: Da brauche ich keine Ironie oder Idealisierung, das ist einfach total geil. Und Marianne Faithful finde ich auch noch wirklich beeindruckend, auch wie sie Interviews gibt – sie ist die coolste Sau auf dem Planeten. Ja, lauter alte Leute. (lacht) Neuer in mein Leben getreten ist Amanda Palmer, die ist tatsächlich so etwas wie mein „Spirit Animal“. So quasi die neueste große musikalische Liebe, die in mein Leben getreten ist.

War ihre Musik auch die Motivation, mehr Ukulele zu spielen?
Tatsächlich war das natürlich ein Teil der Liebe, dass ich gesehen habe, dass sie auch Ukulele spielt. Ich spiele gar nicht so viel Ukulele wie auf der letzten Platte; dabei ist es vielleicht mein Lieblingsinstrument von denen, die ich spiele, weil das für mich tatsächlich ein Groove-Instrument ist, das ich gar nicht so folkig einsetze, sondern mehr so groovy kleine Licks spiele.

Gibt es ein Instrument, das du gerne noch lernen würdest?
Ja, ich würde total gerne Klavierspielen lernen. Ich habe jetzt auf der aktuellen Platte tatsächlich Songs auf dem Klavier geschrieben und ich kann auch gut für Klavier schreiben. Ich habe aber keine Ahnung, was ich spiele… Ich habe Klavierparts geschrieben, aber ich kann das nicht mehr als ein Mal spielen, dann fallen mir die Hände ab. Und das würde ich voll gerne knacken.

Bei so viel Passion drängt sich die Frage auf: Wusstest du schon immer, dass du Musikerin werden möchtest?
Ich habe mich tatsächlich ganz früh wahnsinnig intensiv in Musik verliebt. Da war ich etwa acht Jahre alt und da war eigentlich, würde ich sagen, mein Schicksal besiegelt. Ich habe vorher und nachher nie irgendetwas so geliebt. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, Gitarre zu spielen und eigentlich war das dann klar. Auf der anderen Seite war ich aber auch ein totaler Bücherwurm und war irgendwie auch immer so ein bisschen ein philosophisches Kind, das darüber nachdenkt, wo alle hingehen, wenn sie sterben, sehr grüblerisch auch. Ich habe das Gefühl, dass in dem, was ich jetzt mache, unheimlich vieles zusammen kommt von diesen Dingen. Manchmal denke ich, vielleicht verschiebt es sich noch, ob da noch irgendein Aspekt stärker wird als die anderen. Im Moment ist zwischen all diesen Aspekten immer noch die Musik – quasi mit ausgefahrenen Ellenbogen – am stärksten.

Wir danken ganz herzlich für das Gespräch!

Das Interview führten Heide und Ladyna.

Judith Holofernes war bis 2012 Gitarristin und Sängerin der deutschen Pop-Rock-Band Wir sind Helden. Seit 2006 ist sie mit Pola Roy, dem Schlagzeuger von Wir sind Helden, verheiratet; das Paar hat zwei Kinder. 2014 veröffentlichte sie ihr erstes Solo-Album, Ein leichtes Schwert; in diesem Jahr folgte Ich bin das Chaos.

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