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„Gehörlose wurden lange Zeit abgeschottet“

24 März 2014 No Comment
Gebärden im Hörsaal (Foto: Universität Wien)

Gebärden im Hörsaal (Foto: Universität Wien)

Eine Gebärdensprach-Dolmetscherin im Interview über die besonderen Herausforderungen für Gehörlose im deutschen Bildungssystem.

unique: Frau Hayn, Sie dolmetschten an der Uni Jena in Gebärdensprache. Was sind Ihre Erfahrungen mit gehörlosen Studenten?
Hayn: Der Aufwand eines Studiums ist für Gehörlose oft höher als für Hörende. Die Inhalte aus der Vorlesung werden in Gebärdensprache übersetzt. Die Mitschrift ist allerdings in Deutsch, so sind Gehörlose permanent mit zwei Sprachen konfrontiert. Viele Gehörlose haben ein Problem mit deutscher Schriftsprache – für sie eine Fremdsprache. Studien belegen, dass Gehörlose, die mit Gebärdensprache als Muttersprache aufgewachsen sind, eine wesentlich bessere Schriftsprachkompetenz entwickeln können. Die meisten Lehrer an Gehörlosenschulen sind Hörende, die auch nicht zwangsläufig gebärden können. Als Gehörloser benötigt man die Gebärdensprache, um erfahren zu können, wie andere Sprachen funktionieren. Ohne sie schwindet auch die Chance, eine andere Sprache gut zu erlernen.

Wie gut kann wissenschaftliche Fachsprache in Gebärdensprache übersetzt werden?
In vielen Disziplinen ist der Fachwortschatz noch nicht in Gebärdensprache etabliert und Fachwörter fehlen oft. Das liegt auch daran, dass Gehörlose bisher noch nicht in diesem Bereich gearbeitet haben. Je mehr Gehörlose an die Universitäten gehen, desto größer wird der Gebärdensprachwortschatz – das ist ein ganz normaler Prozess.

Warum sind unter Akademikern kaum Gehörlose?
Gehörlose wurden lange Zeit in Gehörlosenschulen abgeschottet, und hatten dort nur eine begrenzte Auswahl an Ausbildungsberufen. Bis vor etwa zehn Jahren hatten Gehörlose noch kein Anrecht auf einen Gebärdensprachdolmetscher, deswegen schafften es nur sehr wenige, an der „hörenden“ Uni zu studieren. Man brauchte ein unterstützendes Umfeld, um das verwirklichen zu können. Heute können Gehörlose dank Regelungen im Sozialgesetzbuch ihr Recht einfordern, in Gebärdensprache zu kommunizieren und so zum Beispiel Gebärdensprachdolmetscher in der Hochschulausbildung nutzen.

Welche höheren Bildungsangebote bestehen heute für Gehörlose in Deutschland?
Es gibt in Essen eine Schule, in der Gehörlose das Abitur ablegen können. Eine Hochschule, an der in Gebärdensprache gelehrt wird, gibt es allerdings nicht. Bei der Menge an Studienfächern wäre das auch sehr aufwendig, für jeden einzelnen Interessenten müsste ja ein Studiengang angeboten werden. Gehörlose studieren deshalb zusammen mit Hörenden an Universitäten und nutzen Gebärdensprachdolmetscher.

Wie nehmen Sie das Selbstbild von Gehörlosen wahr?
Seit der Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als eigenständige Sprache treten Gehörlose immer öfter selbstbewusst mit ihrer Kultur und Sprache in der Öffentlichkeit auf. 2012 waren zum Beispiel die Deutschen Gehörlosenkulturtage in Erfurt. Da gab es unter den Erfurtern erstaunte Reaktionen darauf, dass viele Menschen nur gestikulierend durch die Stadt liefen. Natürlich gibt es aber auch vereinzelt noch das Missverständnis, man würde sie mit Verachtung ansehen und nicht einfach aus Interesse an Gebärdensprache. Es gibt auch unter Gehörlosen Vorurteile und Fehleinschätzungen über Hörende, genau wie umgekehrt.

Frau Hayn, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Jana Hayn (1981) hat in Zwickau Gebärdensprachdolmetscher studiert und arbeitet seit 2005 in diesem Beruf.

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