Interview: „Eisbären vertreiben wir mit Feuerwerkskörpern.“

Einsam in der Barentssee und etwa 100 Kilometer südöstlich von Spitzbergen liegt die kleine norwegische Insel Hopen (Hoffnungsinsel). Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt −6 °C, das umliegende Nordpolarmeer ist lediglich von Juli bis Oktober eisfrei. Auf dem 47 Quadratkilometer großen, recht unwirtlichen Eiland leben und arbeiten nur vier Menschen.Der Mechaniker Helge Haugland (42), die Meteorologin Britt Johansen (60), der Koch Kjell Frode Hoem (45) und der Leiter der Station, Kåre Holter Solhjell (35) bilden zusammen die Mannschaft der norwegischen Wetterstation. Jeweils von Dezember bis Juni leben die Vier auf der Insel, hunderte Kilometer von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Wir hatten die Gelegenheit, mit Kåre Holter Solhjell über das Leben und den Alltag in dieser fast schon spirituellen Einsamkeit zu sprechen.
UNIQUE: Herr Solhjell, unsere erste Frage dürfte nahe liegen: Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag auf Hopen?
Solhjell: Der wichtigste Grund für unsere Präsenz auf der Insel sind die Wetterbeobachtungen, die wir im Abstand von drei Stunden durchführen. Wir messen u.a. Temperatur, Luftdruck und Wind und fertigen Beschreibungen zu Wetterlage und Bewölkung an. Außerdem führen wir Beobachtungen und Messungen zur Verbreitung und Dicke des Meereises durch und sind mit der Bedienung und Wartung wissenschaftlicher Instrumente betraut, die verschiedene Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der Insel betreiben. Die gesammelten Daten werden dann zur Erstellung von Wettervorhersagen und für die Klimaforschung genutzt. Neben diesen Arbeiten muss natürlich auch die Station in Schuss gehalten werden. Wir müssen unsere Elektrizität selbst erzeugen und im Winter gilt es, Schnee für die Wasserversorgung zu schmelzen.
Und in Ihrer Freizeit …?
Da gibt es viele Möglichkeiten! Man kann die Zeit zur körperlichen Ertüchtigung nutzen, zum Lesen, für Ski- und Wandertouren auf der Insel, oder man betätigt sich handwerklich in der Holzwerkstatt. Wenn man Hobbys hat, ist Hopen der beste Ort, um diesen nachzugehen. Britt etwa schreibt an einem Buch über die Geschichte der Robbenjagd, ich verbringe meine Freizeit mit Hubschrauber-Modellflug, schieße viele Fotos oder drehe Videofilme. Ich erstelle eine Lokalzeitung namens „Hopen Times“, verbringe einige Zeit im Holzladen und unternehme zahlreiche Skiwanderungen. Außerdem haben wir auch Internet, Satellitenfernsehen, eine Sauna, einen Whirlpool, einen Fitnessraum und ein Solarium. Es besteht also kein Mangel an den Annehmlichkeiten des modernen Lebens – eine Espressomaschine fehlt vielleicht. Wir haben hier auch vier Hunde, die auf den Touren wunderbare Begleiter sind. Um sie muss man sich natürlich ebenfalls kümmern. Einen Großteil seiner Freizeit verbringt man aber einfach mit einer Tasse Kaffee am Fenster sitzend, um den Blick über das vereiste Meer schweifen zu lassen.

Gibt es angesichts des engen Zusammenlebens in der Forschungsstation überhaupt so etwas wie eine Privatsphäre?
Ja, die gibt es. Wenn man allein sein möchte, ist der einfachste Weg, sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Oder man verbringt etwas Zeit allein in der Holz- oder Metallwerkstatt. Aber auch ein Spaziergang am Strand oder zu einem der Berge ist eine gute Gelegenheit, etwas Abstand von der Station zu gewinnen – mental wie auch physisch.
Wie oft sehen Sie ihre Familien bzw. ist es möglich, auf der Insel Besuch zu empfangen?
Normalerweise sehen wir unsere Familien nicht, solange wir auf Hopen sind. Im Winter ist es schwer, auf die Insel zu gelangen, das geht nur per Helikopter. Die Flugzeit beträgt etwa eineinhalb Stunden vom nächsten Flughafen in Longyearbyen auf Spitzbergen aus. Zudem machen Wetterumschwünge es schwer, Flüge auf die Insel zu planen. Im Sommer werden wir per Schiff versorgt, was es Familienmitgliedern gelegentlich ermöglicht, uns auf Hopen einen kurzen Besuch abzustatten. Allerdings müssen selbst diese Versorgungsschiffe von Zeit zu Zeit unverrichteter Dinge umkehren, wenn Eis und Wetter es nicht zulassen, bis zur Insel zu gelangen – unter Umständen bedeutet das dann eine ein- bis zweiwöchige Schiffstour auf einem der rauesten Weltmeere! Wie auch immer … sechs Monate gehen schnell vorbei. Es ist also nicht das Problem, keinen Besuch zu erhalten.
Damit haben Sie die Versorgungsproblematik ja bereits kurz angesprochen. Der Arktische Ozean um Hopen ist nur von Juli bis Oktober eisfrei. Muss man da nicht einige kleine und auch größere Entbehrungen hinnehmen?
Es gibt jährlich zwei umfangreiche Belieferungen per Schiff, mit denen wir unsere Vorrats- und Kühlkammern befüllen – einmal im August und einmal Ende September. Außerdem bekommen wir alle sieben oder acht Wochen frische Lebensmittel, wenn die Küstenwache in unserer Gegend patrouilliert. Die verfügt über eisbrechende Schiffe mit Helikoptern an Bord, die uns notfalls auch aus der Luft versorgen können.

Haben Sie und Ihre Mitstreiter sich freiwillig für die Arbeit auf Hopen gemeldet und wenn ja, mit welcher Motivation?
Wir haben uns alle freiwillig für Hopen entschieden und müssen uns für einen Aufenthalt hier oben jedes Mal aufs Neue bewerben. Die einzelnen Motive sind sicher von Person zu Person unterschiedlich, aber einige sind, denke ich, bei den meisten zu finden. Das Abenteuer, auf einer „einsamen Insel“ mitten im Eismeer zu leben, mit Eisbären an jeder Ecke, dazu zappenduster von Dezember bis Februar … das ist schon ziemlich reizvoll! Ich persönlich mag die arktische Natur sehr, die Eisbären, den Schnee und die wunderschönen Lichtverhältnisse, wenn die Sonne sich wieder zeigt. Andere im Team schätzen es einfach, gelegentlich Abstand vom Alltagsleben daheim zu bekommen und das Tempo mal etwas runterzuschrauben.
In den Medien wird viel über den Klimawandel und die globale Erwärmung berichtet. Wie erleben Sie diese Phänomene auf Hopen?
Normalerweise sollte das Nordpolarmeer um diese Jahreszeit komplett mit Eis bedeckt sein – tatsächlich liegt der Rand des Meereises derzeit aber weit nördlich der Insel. Es gibt auch viel weniger Schnee als üblich. Die Dicke des Meereises wird hier seit 40 Jahren gemessen und die gesammelten Daten zeigen uns, dass sich etwas ändert: Es ist in dieser Gegend durchschnittlich 50 Zentimeter dünner als damals – ein Rückgang von über 30 Prozent!
Gibt es auf oder um Hopen auch Probleme mit Umweltverschmutzung?
Ja, sie zeigt sich am deutlichsten am Strand, in Form von verschiedenen Schiffsabfällen, die als Treibgut angeschwemmt werden: Fischernetze und andere Ausrüstung, Plastikflaschen und ähnliches. Für uns ist das zunächst kein Problem, aber es tut der Umwelt auf Dauer natürlich nicht gut.

Zweimal im Jahr überqueren Eisbären Hopen auf ihrer arktischen Reise. Sie teilen sich die Insel mit diesen gewaltigen Kreaturen, die als das Symbol für den Klimawandel schlechthin gelten. Wie muss man sich dieses Zusammenleben vorstellen?
Eisbären und Hopen Island – das geht Hand in Hand. In einer Wintersaison sichtet man etwa 300 Eisbären. Wenn mehrere dieser Tiere in unserer Umgebung unterwegs sind, kann es manchmal ganz schön hektisch zugehen – letzten Winter trieben sich einmal 15 Bären auf einmal rund um unsere Station herum! Es ist ein seltsames Gefühl, immer vorsichtig um jede Ecke lugen zu müssen, wenn man sich draußen aufhält. Aber es ist auch wundervoll, die Haustür zu öffnen und direkt auf eine Eisbärenmutter mit ihren beiden Jungen zu schauen, die nur etwa 15 Meter entfernt sind. Die meisten Tiere ziehen zwar einfach vorbei, aber einige können schon sehr neugierig sein. Wenn sie zu nahe kommen, vertreiben wir sie mit Feuerwerkskörpern oder anderen lauten Geräuschen. Die Hauptaufgabe unserer Hunde ist es, anzuschlagen, wenn sich Eisbären in der Nähe aufhalten. Das ist das eigentliche Problem mit den Bären: Die Hunde bellen die ganze Nacht wegen ihnen und bringen uns um den Schlaf!
Verstehen Sie ihre meteorologische Arbeit als praktischen Beitrag zum Klimaschutz? Und glauben Sie, dass internationale Konferenzen wie zuletzt die in Kopenhagen tatsächlich etwas bewirken können?
Ein Großteil unserer Arbeit hier trägt direkt zum Wissen über den Klimawandel bei. Die von uns gesammelten Daten wie auch die aller anderen Wetterstationen auf der Welt legen die Grundlagen, um überhaupt fundierte Aussagen über das Klima bzw. den Klimawandel treffen zu können. Ich denke allerdings, dass es für eine Einschätzung, ob unsere Arbeit auch für den Klimaschutz hilfreich ist, noch zu früh ist. Bezüglich solcher Konferenzen wie der in Kopenhagen bin ich skeptisch – viele Köche verderben den Brei.
Was ist das Beste am Leben und Arbeiten auf Hopen?
Das Tempo und die Hektik des Alltags werden abgemildert. Man hat Zeit sich zu entspannen und für die Dinge, die man mag – ohne die üblichen Ablenkungen.
Und was sind die Widrigkeiten des Lebens auf Hopen?
Der Mangel an guten Cafés! [lacht] Eigentlich ist das Schwerste aber die Trennung von Freunden und der Familie.

Welche Fähigkeiten und Charaktereigenschaften sollte man mitbringen, um länger als eine Woche auf der Insel bestehen zu können?
Das Wichtigste ist, mit sich selbst im Reinen zu sein, um auch unabhängig von anderen gut drauf zu sein. Außerdem ist es gut, eine positive Sicht auf die Dinge zu haben und sich lieber um Probleme zu kümmern, als sich nur darüber zu beschweren. Abgesehen davon ist handwerkliches Geschick an einem Ort wie Hopen überaus hilfreich.
Würden Sie Ihren Aufenthalt auf Hopen als besondere Erfahrung bezeichnen?
Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, absolut! Man bekommt einen ganz anderen Blick auf die Dinge des „normalen“ Lebens daheim.
Zum Schluss: Wenn Sie nur einen Gegenstand mit auf die Insel nehmen könnten, dann wäre das …?
Britt & Helge: ihre Kameras
Kåre: wollene Unterwäsche
Kjell: meine Schutzengel-Skulptur
Herr Solhjell, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Das Interview führte Frank.
Link: http://retro.met.no/english/about/organisation/met_dep/forecast_nn/hopen.html

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