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Kreatique: Immer an der Wand entlang

26 Januar 2010 No Comment

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Auf Heroinentzug in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Man fährt mich mit Blaulicht in eine Zelle in irgendeiner blau belichteten Klinik und dort rauche ich nun an einer Zigarette, die es gar nicht gibt. Mir fällt das immer wieder auf. Wenn ich versuche, einen tiefen Lungenzug zu nehmen, ziehe ich nur Luft durch meine hohlen Hände. Doch diese kurze Einsicht hält mich ganz und gar nicht davon ab, ständig eine neue Kippe zum Mund zu führen. Und dazu der jedes Mal erneut überraschte Blick, der wie der traurige Blick meiner Mutter sein jeweiliges bizarres Ziel findet.

von gonzo

Tatsächlich hat sie einen größeren Schatten als ich – unter den Augen. Ein kleiner Raum und vier Schatten, die kein Licht hervorgeworfen hat. Und obwohl ich scheinbar nur ein harmloser Luftzug-Kettenraucher bin, kann man keinesfalls sagen, ich lebte gesund. Zu viele Indizien sprechen dagegen …

Da wäre zum Beispiel die Kruste aus getrocknetem Blut auf meinem dunkelblauen Schlafanzug. Ich habe mir wohl schon wieder die sorgsam ins graue Fleisch gewebten Kanülen herausgerissen. Nein! Ich bin das nicht gewesen! Es war mir eigentlich gar nicht aufgefallen! Genau genommen bin ich so penetrant euphorisch wie ein Musikantenstadl voll besoffener Rentner!

Die Fragen von Dr. Zomper kann ich deshalb geradezu spielend beantworten. Sie drehen sich hauptsächlich um Lady Diana und irgendein narzisstisches Kind mit einer Knarre im Keller – und ums Kartenspielen. Der Doc hört aufmerksam zu, nickt und sieht dabei äußerst wichtig aus. Schwester Rita hingegen gibt, zieht eine Karte und zeigt sie mir. Darauf ist irgendein Tier abgebildet, das schleimig ist und ganz langsam kriecht. Es hat sein spiralförmiges Haus auf dem Rücken – immer dabei! Leider komme ich beim besten Willen nicht darauf, wie dieses Tier heißt. Aber Schwester Rita nimmt es mir nicht übel. Ich bedanke mich bei ihr, indem ich ihr die Hälfte von meinem Joghurt im Becher lasse. In betont liebenswürdigem Schneckentempo rücke ich ihn hinüber.

Außer Joghurt esse ich auch sehr gern Zigaretten. Die Art von Zigaretten, die im Mund tatsächlich nach Tabak schmecken. Schwester Rita revanchiert sich dadurch, dass Sie mir im allnächtlichen Kampf gegen Horden von Spinnen und violetten Ratten beisteht. Das Ungeziefer kommt dazu extra aus der Wand! Ich wasche meine heiligen Hände in einer Tasse Tee und werde wieder einmal keine Ruhe finden, bevor nicht alle Insekten und Nager systematisch kategorisiert und erlegt sind! Wir schauen in allen Ecken und Schränken nach! Schubladen öffnen sich und werden wieder geschlossen. In manchen finde ich große Tütchen voller Heroin, auch mein Bett ist damit übersät. Ich versuche ihren flüchtigen Inhalt mit einem verschweißten Stück gusseisernem Bettpfosten zu sniefen, scheitere aber kläglich, da die Päckchen immer wieder kreischend davonhüpfen, wenn ich (ziemlich schnell) danach schnappe.

Gestern hat mir das Mädchen aus dem Nachbarzimmer erzählt, sie würde über die Holzverkleidung ihrer Wand mit Jesus ficken. Ich scheine dagegen von Gott verlassen zu sein – wahrscheinlich seitdem ich mich selbst zu einem erhoben habe. Dabei herrschte und pfuschte ich nur in einem eher kleinen Reich herum: dem Globus zwischen meinen Ohren. Nur ein bischen schöneres Wetter – keine große Sache eigentlich. Aber na ja, ich bin ein Blasphemiker. Teil einer Subkultur, die sich am wohligen Feuer ihres verbrennenden Lebens wärmt, dabei Gitarre spielt, Lieder singt und mit dampfendem Jungfrauenblut aus Espressotassen anstößt.

Aus dem Aufenthaltsraum dringt das empörte Geräusch von zerspringendem Porzellan zu mir herüber. Martha schreit und bewirft die Pfleger mit schwerem Geschütz aus dem Teetassen- und Suppentellerarsenal. Ich hätte ihr wohl kein Kokain geben sollen. Die Uhr zeigt fünf vor zwölf – keine gute Zeit, in der ich lebe.

Ich habe eine Verehrerin. Ihr Name ist möglicherweise Susi und Miriau und Steffi und Jennifer, und sie ist schizophren. Eigentlich ganz ansehnlich – aber leider erst 13. Dr. Zomper hat mir ein „Jugend-Gericht“ angedroht, sollte ich mit ihr rummachen. Na ja, auf H-Entzug kehrt rasch die Libido zurück, aber ich beschränke mich vernünftigerweise auf exzessive Onanie und Selbstgespräche.

Mein Tagesablauf sieht in etwa so aus:

Fünf Uhr morgens: Aufstehen, wichsen, antreten zum Frühsport. Den anderen Beknackten Bälle zuwerfen und – von allgemeiner Missbilligung begleitet – angestrengte Runden im eiskalten Hof drehen, drehen, drehen …

Acht Uhr: Frühstück, bestehend aus Brot und Marmelade-, Butter- und Streichwurstschächtelchen. Dazu grüne Pillen, Tee und/oder gelbe Pillen. Manchmal gibt es einen Apfel.

Um zehn bin ich dann wahrscheinlich zur Ergotherapie. Flechte ein nettes Körbchen aus feuchten Holzstreifchen. Oder male Bilder zu einer vorgelesenen Geschichte mit Melodien voller Einhörner, sagenumwobenen Helden und einschlagenden Sommergewittern. Mein Bild fällt ziemlich düster aus: abgehackte Gliedmaßen in Schwarz-Weiß.

An guten Tagen gestattet man mir einen kleinen Auslauf an der Leine eines sportlichen Pflegers durch den Krankenhauspark. Dabei schaffe ich zwar nur sehr wenige Schritte, ohne ausgiebig verschnaufen zu müssen, habe aber dennoch einen morbiden Spaß!

Meine Großeltern kommen vorbei und bringen mir Weintrauben mit. Der kleine hyperaktive Justin wirft mir einen Holzbaustein an den Kopf. Ich kann keine Nacht schlafen und wandle heulend wie ein Gespenst über den Flur zu den Schwestern in die Küche, in den Aufenthaltsraum, auf die Toilette, in das Fenster auf dem Kamin, wie der Sandmann mit der Hand an der Wand in mein Zimmer zurück – und der brave, mongoloide Rainer schenkt mir sein Lächeln und seinen roten Heißluftballon! Er sagt: Ich liebe dich, liebst du dich nicht?

Susi drückt mich ganz fest und fragt mich nach einen Brief im Briefkasten, den sie zerrissen hat und der im Schornstein über dem Rauchfang im Heroinfeuer brennt oder um sein angesengtes Leben rennt.

Wir spielen heiraten.

Wir spielen Bridge.

Wir spielen Leben oder Tod.

Unsere rückfälligen Seelen werden aus unserem Körper entlassen und fragen uns nun hemmungslos auf dem Hof über der Tanne und dem Kamin, dem Basketballkorb auf den Toiletten über den Zaun: Wollen wir eine kleine Nachtwanderung machen?

Manchmal fühle ich mich hier wie im Ferienlager.

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