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Immer an der Wand entlang

1 August 2010 No Comment

PsychatrieDer rote Klinkerbau der Erfurter Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein Ort der Kontraste, in dem die seeligen Kinderzeichnungen an den ansonsten schmucklosen Klinikwänden nicht über gezeichnete Kinderseelen hinwegtäuschen können. Eines dieser Kinder war ich.

von gonzo

Man fährt mich mit Blaulicht in eine Zelle in irgendeiner blau belichteten Klinik und dort ziehe ich nun an einer Zigarette, die es gar nicht gibt. Mir fällt das immer wieder auf. Wenn ich versuche, einen Lungenzug zu nehmen, nuckele ich nur Luft durch meine hohlen Hände. Doch diese kurze Einsicht hält mich nicht davon ab, ständig eine neue Kippe zum Mund zu führen. Und dazu den jedes Mal erneut überraschten Blick, der wie der befremdliche Blick meiner Mutter sein jeweiliges bizarres Ziel findet.
Tatsächlich hat sie einen größeren Schatten als ich – unter den Augen. Ein kleiner Raum und vier Schatten, die kein Licht hervorgeworfen hat. Und obwohl ich scheinbar nur ein harmloser Luftzug-Kettenraucher bin, kann man keinesfalls sagen, ich lebe gesund. Zu viele Indizien sprechen dagegen.
Da wäre zum Beispiel die Kruste aus Kotze und getrocknetem Blut auf meinem  Schlafanzug. Ich habe mir wohl schon wieder die sorgsam ins graue Fleisch gesteckten Kanülen herausgerissen. Nein! Ich bin das nicht gewesen! Es war mir eigentlich gar nicht aufgefallen! Genau genommen bin ich so penetrant euphorisch wie ein Musikantenstadl voll besoffener Rentner!

Das Ungeziefer klaut mir den Stoff

Die Fragen von Dr. Zomper kann ich deshalb geradezu spielend beantworten. Sie drehen sich hauptsächlich um Batman und ein chiraptophobes Kind mit einem Hackebeil im Hosenbund – und ums Kartenspielen. Der Doc hört aufmerksam zu, nickt und sieht dabei äußerst wichtig aus. Schwester Rita hingegen gibt, zieht eine Karte und zeigt sie mir auf. Darauf scheint ein Tier abgebildet, das schleimig ist und ganz langsam kriecht. Es hat sein spiralförmiges Haus auf dem Rücken – immer dabei! Leider komme ich beim besten Willen nicht darauf, wie dieses Tier heißt.
Schwester Rita steht mir auch bei anderem Kleinvieh bei, dem allnächtlichen Kampf gegen Horden von Spinnen und violetten Ratten. Das Ungeziefer kommt dazu extra aus der Wand! Ich werde wieder einmal keine Ruhe finden, bevor nicht alle Insekten und Nager systematisch kategorisiert und erlegt sind. Wir schauen in allen Ecken und Schränken nach. Schubladen öffnen sich und werden wieder geschlossen. In manchen finde ich große Tütchen voller Heroin, auch mein Bett ist damit übersät. Ich versuche ihren flüchtigen Inhalt mit einem verschweißten Stück Bettpfosten zu sniefen, scheitere aber kläglich, da die Päckchen immer wieder kreischend davonhüpfen, wenn ich (ziemlich schnell) danach schnappe.

Keine gute Zeit, in der wir leben

Gestern hat mir eines der Psycho-Mädchen aus dem Nachbarzimmer erzählt, sie würde über die Holzverkleidung ihrer Wand mit Jesus ficken. Ich hingegen scheine von Gott verlassen zu sein – wahrscheinlich seitdem ich mich selbst zu einem erhoben habe. Dabei herrschte und pfuschte ich nur in einem eher kleinen Reich herum: dem Globus zwischen meinen Ohren. Nur ein bisschen schöneres Wetter – keine große Sache eigentlich. Aber na ja, ich bin ein Blasphemiker. Teil einer Subkultur, die sich am wohligen Feuer ihres verbrennenden Lebens wärmt, dabei Gitarre spielt, Lieder singt und mit dampfendem Heldenblut aus Espressotassen anstößt.
Aus dem Aufenthaltsraum dringt das empörte Geräusch von zerspringendem Porzellan zu mir herüber. Martha schreit und bewirft die Pfleger mit schwerem Geschütz aus dem Suppentellerarsenal. Ich hätte ihr wohl kein Kokain abgeben sollen. Die Uhr zeigt fünf vor zwölf – keine gute Zeit, in der wir hier leben.
Ich habe eine Verehrerin. Ihr Name ist möglicherweise Susi und Miriau und Jennifer, und sie ist schizophren. Eigentlich ganz ansehnlich – aber leider erst 13. Dr. Zomper hat mir ein „Jugendgericht“ angedroht, sollte ich mit ihr rummachen. Na ja, auf H-Entzug kehrt rasch die Libido zurück, aber ich beschränke mich vernünftigerweise auf exzessive Onanie und Selbstgespräche.

Mein Tagesablauf sieht etwa so aus:

Fünf Uhr morgens: Aufstehen, wichsen, antreten zum Frühsport. Den anderen Beknackten Bälle zuwerfen und – von allgemeiner Missbilligung begleitet – angestrengte Runden im eiskalten Hof drehen. Acht Uhr: Frühstück, bestehend aus Brot und Marmelade-, Butter- und Streichwurstschächtelchen. Dazu grüne Pillen, Tee und/oder gelbe Pillen. Manchmal gibt es einen Apfel. Um zehn bin ich dann wahrscheinlich zur Ergotherapie. Flechte ein nettes Körbchen aus feuchten Holzstreifen. Oder male Bilder zu einer vorgelesenen Geschichte mit Melodien voller Einhörner, sagenumwobenen Helden und einschlagenden Sommergewittern. Mein Bild fällt ziemlich düster aus: abgehackte Gliedmaßen in Aspik.
Susi drückt mich ganz fest und fragt mich nach einem Liebesbrief im Briefkasten, den sie zerrissen hat und der im Schornstein über dem Rauchfang im Heroinfeuer brennt oder um sein angesengtes Leben rennt. Wollen wir eine kleine Nachtwanderung machen?

Wir spielen heiraten.
Wir spielen Bridge.
Wir spielen Leben oder Tod.

(Foto:  Josh Wedin)

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