Home » LebensArt, Leitartikel

Rezension: Homo Simpson

20 Dezember 2013 No Comment

Schräg, schrill… schwul: Erwin In het Panhuis wirft in seinem Buch einen sachlichen Blick auf die homo-erotische Seite der Simpsons.

von Robert

Der internationale Kultstatus der gelben Familie aus Springfield lässt sich nicht leugnen: In 70 Ländern ist die Serie zu sehen; kürzlich wurde die 500. Folge ausgestrahlt. Für den Historiker Erwin In het Panhuis, der sich auf die Geschichte der Homosexualität spezialisiert hat, ist das Anlass, sich intensiv mit schwulem Humor bei den Simpsons auseinanderzusetzen. In Hinter den schwulen Lachern kämpft sich der Autor durch eine ausführliche Charakter-, Sprach- und Inhaltsanalyse mit Bezügen zu Politik, Film, Musik, Gesellschaft und anderen Animationsserien.
Bis ins kleinste Detail wird jede Figur analysiert, jede Szene auf mögliche homosexuelle Anspielungen untersucht und gedeutet. So erfährt man unter anderem, dass Homer über fünfzig Mal andere Männer küsst (meist Ned Flanders), jedoch nie einen inneren Lernprozess vollzieht und deshalb weiterhin zu einem unreflektiert stumpfen, homophoben Humor neigt. Oder dass in Folge fünf der vierten Staffel zum ersten Mal auf die Homosexualität von Patty Bouvier, Homers Schwägerin, angespielt wird.
Das Buch erschöpft sich jedoch nicht im Auflisten von Details und Fakten. Die Szenen werden immer in Bezug zum Kommentar des Produktionsteams gesetzt und vom Autor selbst kritisch hinterfragt und bewertet. Unter anderem erfährt man dabei vom immerwährenden Kampf der Produzenten mit der amerikanischen TV-Zensur, die seit dem „Nipplegate-Skandal“ ihre Kriterien verschärfte und deswegen keine nackten Hintern mehr in der Serie zulässt.
In het Panhuis‘ Fazit fällt generell positiv aus: Im Gegensatz zu anderen TV-Cartoonserien wie Family Guy, die durch den inflationären und kontextlosen Gebrauch des Wortes „schwul“ auffällt, gehe es den Machern der Simpsons nicht lediglich um die Wiederholung überkommener Klischees. Die Homosexuellen von Springfield sind keine „Lack-und-Leder-Schwuchteln“, Muttersöhnchen oder Mannsweiber, sondern häufig intelligenter, aufgeschlossener und erfolgreicher als der Durchschnittsbürger der Stadt. Bei den Simpsons lacht man mit ihnen statt über sie. Doch der Historiker schlägt auch kritische Töne an. So bemängelt er unter anderem, dass weibliche Homosexualität im Vergleich zur männlichen unterrepräsentiert sei.
Beim Kauf des Buches sollte man sich allerdings eines Umstandes bewusst sein: Trotz des bunten Covers und der Vielzahl an Illustrationen handelt es sich bei Hinter den schwulen Lachern um ein Sachbuch. Wer Kalauer oder ähnliches erwartet, sollte lieber zur letzten DVD-Box greifen oder abends den Fernseher einschalten, denn viel zu lachen gibt es hier nicht. Die Erklärung der einzelnen Szenen und Sketche ist nüchtern. Wer kein gesteigertes Interesse am Thema hat oder Simpsons-Fanatiker ist, wird sich größtenteils langweilen.

Erwin In het Panhuis:
Hinter den schwulen Lachern. Homosexualität bei den Simpsons
Archiv der Jugendkulturen 2013
205 Seiten
28,00 €

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Rezension: Friedhof der Träume 2012 kam die somalische Olympionikin Samia Yusuf Omar beim Versuch der illegalen Einreise nach Europa ums Leben. Reinhardt Kleist hat ihr mit der im Carlsen-Verlag erschienenen Graphic Novel Der Traum von Olympia ein Denkmal gesetzt. von Robert Peking 2008,...
  2. Rezension: Familiengeschichten auf Irrwegen Inzwischen sind TV-Serien bei Erzählweise, Budgets und hochkarätigen Schauspielern auf dem Niveau von Kinofilmen angekommen. Doch wie „funktionieren“ die besten TV-Serien der letzten 25 Jahre und was haben sie gemeinsam? von LuGr Es ist der ganz normale Wahnsinn, der sich...
  3. Rezension: Arme Roma, böse Zigeuner Gut gemeint und gut gemacht sind oft weit voneinander entfernt. Eine Buchbesprechung. von Robert Roma, Zigeuner, fahrendes Volk: Sie haben viele Namen, und ebenso vielseitig sind die Klischees, die über diese Volksgruppe kursieren. Sie seien faul, kriminell, würden nur...
  4. Rezension: Ödipus unter der Dusche Das wohl bekannteste Werk Hitchcocks ist neben Die Vögel sicherlich Psycho. Über 20 Jahre nach dem Erscheinen in den USA wird das Buch Hitchcock und die Geschichte von ,Psycho‘ auf Deutsch veröffentlicht – zeitgleich mit der Verfilmung. von LuGr...
  5. Rezension: Zwischen Auflehnung und Resignation Ein Reportage-Comic beleuchtet das Privat- und Liebesleben iranischer Zwanzig- bis Dreißigjähriger. Ein Porträt der iranischen Jugend gelingt dabei aber nur bedingt. von Frank Zwar wird Irans Präsident Hassan Rohani häufig als Reformer betitelt, doch ist die Jugend Irans heute...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>