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„Kulturelle Spielregeln beachten“

17 Dezember 2013 No Comment

Weltweite Rechtslage für Homosexuelle (Klicken zum Vergrößern)

Homosexuelle Paare führen in Äthiopien ein Leben in Illegalität. Im Kongo wird die Liebe zwischen Männern zwar toleriert, aber tabuisiert.

von Finja

Daniel lebt und arbeitet seit etwa vier Jahren in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo. Fast genauso lange lebt er mit seinem kongolesischen Partner zusammen. Wenn er von seiner Lebenssituation in dem zentralafrikanischen Land berichtet, drängen sich ihm Vergleiche zwischen in Deutschland und dem Kongo lebenden Schwulen und dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema auf. „Befreundete Männer laufen in Kinshasa gerne auch mal Hand in Hand“ erzählt er. Während dieses Verhalten in Deutschland schnell mit Homosexualität in Verbindung gebracht wird, ist körperliche Nähe zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen im Kongo, wie auch in vielen anderen Kulturkreisen, verbreiteter. Homosexuelle Annäherungen sind dadurch in der Öffentlichkeit weniger auffällig. Daniel berichtet, dass in Kinshasa außerdem das Tragen von bunter Kleidung und rosa Sonnenbrillen sowie gezupfte Augenbrauen bei männlichen Jugendlichen keine Seltenheit sind. „Anders als bei uns wird das dort in keiner Weise als unmännlich gesehen“, erklärt er. Aus Interesse hat er mit einigen Kongolesen gesprochen, die auch für dortige Normen extrem effeminiert, sehr androgyn oder transsexuell auftreten und sie gefragt, ob sie gelegentlich auf der Straße angepöbelt oder sogar tätlich angegriffen werden. „Das wurde immer kräftig verneint und gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass man sich über die Frage sogar wunderte“, sagt Daniel. Vor kurzem war er mit kongolesischen Arbeitskollegen in einer Disko in einem Arbeiterviertel und dort tanzte ein Mann in aufreizender Frauenkleidung zu kongolesischer Popmusik. „Bei den übrigen kongolesischen Gästen rief das überhaupt keine Reaktion hervor.“

Unbekannt bis „unafrikanisch“
Die Verknüpfung zwischen diesem Auftreten und dem Begriff ‚Homosexualität‘ ist in der Bevölkerung keineswegs so selbstverständlich wie bei uns. Ein Blick in die Geschichte erklärt den Grund dafür: Mit der Kolonialzeit verbreitete sich die christliche Religion – vornehmlich der Katholizismus – im Kongo. Damit einhergehend wurde Homosexualität im öffentlich-sozialen Leben lange Zeit tabuisiert, schildert Daniel: „Ältere Kongolesen sagen, dass sie bis vor einigen Jahren noch nicht einmal den Begriff kannten, da er einfach ausgeklammert wurde.“ Auch heute sei dies in vielen afrikanischen Ländern, wie beispielsweise in den Nachbarländern Uganda und Ruanda, noch der Fall, wo meist nordamerikanische, evangelikale Kirchen einen großen Einfluss haben. Die von den westlichen Kirchenvertretern propagierte Homophobie wird an die afrikanische Bevölkerung weitergegeben: Die jüngste radikal-homophobe Gesetzgebung in Uganda ist Daniel zufolge fast ausschließlich auf den Einfluss dieser Kirchengruppen zurückzuführen. Unter der dortigen Bevölkerung verbreite sich sogar die Annahme, Homosexualität sei „unafrikanisch“. Auch im Kongo wurde Homosexualität in der Öffentlichkeit in der Vergangenheit meist als westliches Konzept abgetan; die neu aufflammende Homophobie ist jedoch noch nicht auf den Kongo übergeschwappt.
Das Beispiel Kongo verdeutlicht, dass Homosexualität keinen Namen tragen muss, um gelebt zu werden. Nach Daniels Auffassung sind in Kinshasa zwar die über den Kolonialismus aufoktroyierten Gender-Normen oberflächlich vorhanden, werden aber immer wieder aufgebrochen durch Pragmatismus und Menschlichkeit. Das zeigt sich auch im alltäglichen Leben: „Trotz homosexueller Neigungen ist ein Leben ohne Kinder für Kongolesen nicht vorstellbar“, betont er. „Die meisten von ihnen haben Frau und Kinder und möchten diese Bindung nicht missen. Sie pflegen dennoch weiterhin Kontakt zu ihren alten Jugendfreunden. Obwohl sie zugeben, dass sie sich deutlich stärker zu Männern hingezogen fühlen, würden sie sich meistens nicht als homosexuell definieren.“ Es handele sich, so Daniel, nicht notwendigerweise um Alibi-Lebensgemeinschaften, sondern „um das Vereinbaren von Konzepten, die sich im europäischen Verständnis ausschließen: Heterogemeinschaft und schwule Kontakte.“ Kritische Stimmen kämen oft von Seiten der Frauen. „Ich denke, dass sie als starke und fordernde kongolesische Frauen unter den engen Männerfreundschaften leiden.“ Insgesamt erlangt das Thema Homosexualität in Kinshasa langsam größere Aufmerksamkeit. „Es wird nun sogar gelegentlich in den kongolesischen Medien darüber diskutiert.“
Daniel ist nicht in die sozialen Strukturen Kinshasas eingebunden und hat als Ausländer zusätzlich eine gewisse ‚Narrenfreiheit‘. „Hier in Kinshasa lebe ich meine Homosexualität recht offen, propagiere sie aber nicht und habe damit gar keine Probleme“, sagt er. In Deutschland dagegen gelingt es Daniel seit drei Jahren nicht, ein Touristenvisum für seinen kongolesischen Freund zu erhalten. „Würde ich ihn als meinen Hausangestellten deklarieren, bekäme er noch eher ein Visum, aber das halte ich für stark diskriminierend. In der deutschen Praxis muss man weit überholten Gesellschaftskategorien entsprechen – Butler oder eingetragene heterosexuelle Lebensgemeinschaft – um ein Visum zu erhalten“. Er fügt hinzu: „Die Deutschen müssen in der eigenen Gesellschaft und in verwaltungstechnischen Abläufen noch einiges anpassen, bevor wir überheblich mit dem Finger auf andere zeigen.“

Zerwühlte Bettdecken
Anders als im Kongo ist Homosexualität in Äthiopien illegal: Die Haftstrafe für homosexuelle Handlungen beträgt zwischen sechs Monaten und 25 Jahren. Doch auch Marilyn entschied sich dafür, trotzdem keinen Bogen um dieses Land zu machen. Zusammen mit ihrer Frau lebte und arbeitete sie dort, doch das Leben ging mit einem gewissen Maß an Vorsicht einher: „Das Thema Homosexualität haben wir bewusst gemieden“, erzählt sie. Sogar ihre Hausangestellte sollte von ihrer Beziehung nichts mitbekommen. „Nicht unbedingt, weil wir glaubten, sie würde uns verraten, sondern eher, um sie erst gar nicht in einen inneren Konflikt zu bringen.“ Ihre Vorsicht ging sogar so weit, dass sie jeden Morgen die Bettdecken im zweiten Schlafzimmer durchwühlt hat, damit niemand merkte, dass dort keiner schlief. „Ein Vorteil war sicherlich, dass wir Frauen sind und ein Zusammenleben von Frauen gesellschaftlich häufiger vorkommt. Außerdem sind dort arbeitende Ausländer bereits dafür bekannt, sich Häuser zu teilen bzw. sich bewusst für das Wohnen in WGs zu entscheiden. So waren wir, glaube ich, nicht besonders auffallend“, sagt Marilyn. Auf die Frage, wie die Bevölkerung allgemein mit dem Thema Homosexualität umgeht, antwortet sie: „Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Das Thema Homosexualität existiert grundsätzlich erst einmal gar nicht und taucht auch nicht so häufig auf, wie in Deutschland.“
Einmal habe sie sich doch zwei schwulen Äthiopiern gegenüber geoutet. „Beide hingen an meinen Lippen und wollten wissen, ob es stimmt, was ein entfernter Cousin in Deutschland erzählt hatte: dass es Homo-Paraden gäbe und Schwulenclubs und Männer, die sich auf der Straße küssen. Meiner Aufforderung zu tanzen wollten beide nicht folgen und verrieten mir danach, sie haben Angst, man könne an ihren Bewegungen erkennen, dass sie schwul seien. Da ist mir deutlich geworden, wie privilegiert ich wirklich bin: Ich habe Äthiopien frei gewählt und hätte aber jeden Tag wieder nach Hause zurückkehren können. Sie sind dort zuhause, aber eben nicht frei.“
„Homosexualität wird in allen Gesellschaften gelebt“, fasst auch Daniel zusammen. Dabei spiele es keine Rolle, ob diese in dem jeweiligen Kulturkreis verboten, toleriert oder als völlig gleichwertig angesehen wird. „Allerdings manifestiert sie sich in jeweils kulturell angepassten Formen, die nicht unbedingt dem westlichen Schwulenkonzept entsprechen“, sagt er. Es als Homosexueller zu vermeiden, in Länder zu reisen, in denen Homosexualität illegal ist, sollte man seiner Meinung nach nicht. Man muss sich nur an die jeweiligen „kulturellen Spielregeln“ halten.

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