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Grenzstau zwischen Bett und Hörsaal Studieren an Deutschlands östlichster Universität

5 November 2003 603 views No Comment

In Frankfurt (Oder) und dem polnischen Städtchen Slubice, von Frankfurt nur durch den Grenzübergang und den namensgebenden Fluß getrennt, gleicht sich das allmorgendliche Bild. Routiniert, meist noch verschlafen, streben die Passanten durch die Kontrollen zu ihrem Arbeitsplatz jenseits des Grenzzaunes. Dörthe (25), eine deutsche BWL-Studentin, verlässt ihr Wohnheim in Nähe des Kreisels, in das sie vor einigen Semestern eingezogen ist und quält sich durch die Kontrollen zu ihrer Vorlesung “auf der anderen Seite”. Nicht nur, dass “die Mieten günstiger” sind, auch ein “Großteil meiner Freunde leben hier”, nennt sie als Gründe für Ihren Umzug nach Polen. Dank einer engen Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Behörden und einer bevorzugten Behandlung von Studierenden ist der tägliche Grenzübertritt für sie heute kein zeitaufreibendes Prozedere mehr. Darum entscheiden sich immer mehr Studenten der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) für den Umzug ins Ausland – Polen wie Deutsche. Denn seit einer erst kürzlich mit dem Land Brandenburg getroffenen Vereinbarung können nun auch polnische Studenten Wohnrecht in Deutschland erhalten, ohne selbst EU-Bürger zu sein.
Die Straße des Abfertigungsterminals führt den Besucher unmittelbar auf eine breite Einkaufsstraße, dem einstigen Zentrum Frankfurts und heutigen Pflegefall der Stadt. Erst an dessen Ende zeigt sich das andere, das moderne und lebhafte Frankfurt. Vor dem riesigen Einkaufzentrum, dem eigentlichen Mittelpunkt der Stadt, zeigt sich ein weiter, farbenfroher Platz, der den typischen Ansichtskartenblick auf Kirche und Rathaus bietet. In unmittelbarer Nachbarschaft erhebt sich das historische Gebäude, der heutige Verwaltungssitz der Hochschule. Bereits 1503, bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1811, war die “alma mater viadrina” (lat. die an der Oder gelegene) bereits dort angesiedelt. Mit ihrer Neugründung wurde das Gebäude 1991 komplett saniert und im Innenhof eine moderne und erstaunlich umfangreiche Zentralbibliothek eingerichtet. In direktem Umfeld finden sich die Vorlesungssäle, die im ehemaligen Stadthotel bzw. im erst vor wenigen Wochen neu eröffneten Mensagebäude untergebracht worden sind.
Das Lehrangebot umfasst die Fachbereiche Wirtschafts-, Rechts- und Kulturwissenschaften. Insgesamt 7 grundständige Studiengänge, davon zwei mit internationaler Ausrichtung, zwei Bachelorstudiengänge, sowie der Ergänzungsstudiengang “polnisches Recht” werden angeboten. Warum dabei ein Schwerpunkt auf internationale Studiengänge und Abschlüsse gesetzt wurde, lässt sich bereits dem Gründungsauftrag der Universität entnehmen. Darin sind die Förderung der regionalen Entwicklung im Grenzraum dies- und jenseits der Oder und die verbriefte Zusammenarbeit mit der polnischen Uni Wroclaw festgeschrieben. Der Standort war somit immer treibende Kraft, und verleiht der Viadrina heute, auch im Hinblick auf eine zukünftige Osterweiterung der EU, eine besondere Verantwortung. In ihrer Stellungnahme vom Mai 2003 erklärte die Universitätspräsidentin Prof. Dr. Gesine Schwan diesbezüglich, bereits Geschaffenes durch eine “markante Internationalisierung des Lehrkörpers”, der Erhaltung und Förderung der “Sprachenvielfalt” und der Entwicklung von “interkultureller Kompetenz” auch künftig ausbauen zu wollen. Langfristiges Ziel, so die Universitätspräsidentin, ist dabei die Schaffung einer “transnationalen Europauniversität” mit dem “Dreiländernukleus Polen – Deutschland – Frankreich”.
Bei einem Ausländeranteil von 42,5% im WS 2002/03, der weit über dem deutschen Durchschnitt liegt, ergibt sich notwendigerweise auch ein größerer Bedarf einer über den Grundbedürfnissen hinaus wachsenden Betreuung der neuen Studierenden. Studenteninitiativen und natürlich auch die Hochschulleitung bemühen sich aus diesem Grund verstärkt, neue Betreuungsmodelle zu etablieren. Ähnlich wie in Jena existiert beispielsweise ein studentisches Projekt, in dem ausländischen Studierenden, wie auch deutschen Erstsemestlern, eine “Patenfamilie” vermittelt wird. Selbst bei der Suche nach Ausbaumöglichkeiten für das personell unterbesetzte Fremdspracheninstitut kamen Frankfurter Mitarbeiter jetzt auf eine mit dem Jenaer Modell durchaus vergleichbare Lösung. Aus dem Fremdspracheninstitut heraus wurde eine Gesellschaft zur Sprachenvermittlung – die Viadrina Sprachen GmbH – gegründet, mit deren Hilfe Studierenden gegen eine Gebühr von 40 Euro pro Semester zusätzliche Sprachkurse angeboten werden. (Zum Vergleich: In Jena bietet der Studentenrat für 2,-Euro pro SWS zusätzliche Sprachkurse an.). Erstaunlich sind besonders die Qualität und Professionalität dieser Maßnahmen.
Mit ihrer Spezialisierung ist es der Europa-Universität heute gelungen, ihre Nische innerhalb der europäischen Hochschullandschaft zu finden. Der einstige Nachteil, sich aufgrund der begrenzten Größe nicht mit anderen Universität messen zu können, hat sich mehr und mehr in einen Vorteil verwandelt. Nicht erst seit dem die Landesregierungen den Rotstift vermehrt auch im Bildungsbereich ansetzen, werden Hochschulen wie die Europa-Universität Viadrina, mit einer überschaubaren Struktur, thematischer Ausrichtung und mindergroßer Studierendenzahl (4549 Studierende im WS 2002/2003) zu einer echten Alternative, um der Anonymität und materiellen wie personellen Unterversorgung zu entgehen. “Auch wenn hier keineswegs ein ideales Betreuungsverhältnis besteht, hat man an der Europauniversität noch die Chance, seinen Prof. bei einem abendlichen Umtrunk kennen zu lernen.” – so wie Dörthe sieht es sicherlich ein Großteil der Studierenden, die sich für ein Studium an Frankfurts Europauniversität entschieden haben.

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