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Wenn einer eine Reise tut

5 Mai 2016 No Comment

…dann hat er was zu zeichnen: Die Graphic Journey bildet eine Art Subgenre der Graphic Novel – trägt das Konzept des grafischen Reisetagebuchs? Eine Doppelbesprechung.

von David & Frank

Früher hießen sie noch Hausmeister, Bügeleisen, Comics – oder Reiseskizzenbuch. Heute müssen es schon Facility Manager, Dampfbügelstationen, Graphic Novels – oder eben Graphic Theatres bzw. gar Graphic Journeys sein.
Der Zeichner und Autor Sebastian Lörscher ist sicherlich nicht daran schuld, dass alter Wein in neuen Schläuchen mit zunehmend absonderlichen Bezeichnungen serviert wird. Denn sein Buch A bisserl weiter geht‘s immer! ist auf erfrischende Art und Weise altmodisch. Mit einem Skizzenblock und einigen Stiften ausgerüstet, reiste der Autor und Zeichner einige Monate durch Österreich und hielt fest, was ihm dort begegnete: kleine Mitternachtsgespräche an einer Wiener Würstchenbude, typischer Wiener Schmäh aus den stadttypischen Cafés, Philosophisches aus den steierischen Alpen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, ihre Alltagsprobleme, ihre individuellen Marotten, ihre Tragödien, die Lörscher als nicht immer einfach zu lesenden Text mit für die jeweilige Region typischen Dialekten und als mehr oder minder vollendete Blei- und Farbstiftzeichnungen wiedergibt. Zwischendurch gibt es in kleinen Fußnoten auch Erklärungen zu österreichischen Sprach- und Kulturbesonderheiten. Wie die Bilder und die Dialoge selbst ist auch der Verlauf dieses Reiseskizzenbuchs eher impressionistisch: kein roter Faden, sondern eher kleine Häppchen, die man nacheinander am Stück oder ebenso gut auch über mehrere Tage verteilt gut genießen kann. Denn – übrigens auch in haptischer Hinsicht – ein Genuss ist dieses Buch, das das wunderbare und wunderbar altmodische Genre des  Reiseskizzenbuchs wiederbelebt, auf jeden Fall.

Rina Jost hingegen nennt ihren Band nicht explizit Graphic Journey, doch der Untertitel („Meine Reise von Moskau nach Shanghai“) macht klar, dass den Leser auch hier ein gezeichneter Reisebericht erwartet. Die junge Schweizerin hat alle Warnungen von Familie und Freunden – als Frau könne sie doch nicht alleine solch eine Reise auf sich nehmen – in den Wind geschlagen und war fast zweieinhalb Monate lang von Moskau über Jekaterinburg, Krasnojarsk, Ulaanbaatar und Peking bis nach Shanghai unterwegs, das Skizzenbuch immer griffbereit. Das Ergebnis erzählt in einem etwas verspielten Comic-Stil von russischer Lebensart und mongolischer Gastfreundschaft, von Neugier und Offenheit der rothaarigen Fremden gegenüber. Wir lernen Josts Reisebekanntschaften kennen – und die Widrigkeiten, die etwa lokale Spezialitäten für den mitteleuropäischen Magen mit sich bringen. Streckenweise erinnert ihr Reisebericht an eine typische ARD-Reportage, ist allerdings ein wenig frecher im Ton und bisweilen auch in der Herangehensweise an die fremde Umgebung. Ein Grund für diesen Eindruck ist sicher der minimalistische, teils eher an Kinderbuch-Zeichnungen erinnernde Stil, der vielen der Bilder eine ironische Brechung gibt. Die Tatsache, dass die Beschriftung bzw. Verortung der Bilder meist in der Landessprache erfolgt, bringt für Leser, die kyrillische Buchstaben nicht entziffern können, mit vielen der Seiten wohl wenig Spaß. Durch die buchstäbliche Bildlichkeit „liest“ sich Der Hase auf dem Rücken eines Elefanten aber dennoch unterhaltsamer als der hundertste Aufguss von Jakobsweg- und Weltumrundungsprosa.

Rina Jost:
Der Hase auf dem Rücken eines Elefanten. Meine Reise von Moskau nach Shanghai
Edition Moderne 2016
128 Seiten
25,00 €

 

 

 

Sebastian Lörscher:
A bisserl weiter geht’s immer! Mit dem Skizzenbuch durch das wilde Österreich
Edition Büchergilde 2015
144 Seiten
24,95 €

 

 

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