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Goethes Briefe unter der Lupe: „Wir haben die Bewahrung und Aufbereitung als Ziel”

31 Oktober 2020 No Comment


Im Zentrum der Arbeit des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar stehen die Analyse und Aufbereitung von Handschriften ab dem späten 18. Jahrhundert. unique im Gespräch mit Frau Dr. Yvonne Pietsch über die Archivierung und Digitalisierung der Goethe-Briefe im Rahmen ihres aktuellen Forschungsprojekts.

unique: Das Goethe- und Schiller-Archiv ist ja ein Teil der Klassik Stiftung, die sich mit vielen Bereichen beschäftigt. Was genau wird alles im GSA gemacht?

Dr. Yvonne Pietsch: Wir sind das älteste Literaturarchiv in Deutschland. Das vorrangige Ziel ist das Bewahren, Erschließen, Erforschen und Zeigen von Handschriften vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert, besonders aus der Zeit, in der Goethe gelebt hat. Als Goethes letzter Enkel 1885 starb, ging Goethes handschriftlicher Nachlass an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar. Sie hat es als ihren kulturellen Auftrag verstanden, hier ein Haus zu errichten und die Handschriften darin zu bewahren, sie systematisch zu erschließen und gleichzeitig Editionen anfertigen zu lassen Das Archiv steht noch heute in dieser Tradition und widmet sich diesen Aufgabenbereichen in zwei Abteilungen: Zur Abteilung Medienbearbeitung und -nutzung gehören die Restaurierungswerkstatt und die Digitalisierungswerkstatt. Ich arbeite in der Abteilung Editionen.

Welches ist aktuell das wichtigste Texterschließungsprojekt im GSA?

Im Moment konzentrieren wir uns auf Editionen von Goethes biographischen Texten. Wir arbeiten an vier großen Projekten, die zusammengefasst im PROPYLÄEN-Projekt aufgegangen sind. Das ist ein Kooperationsprojekt, das seit 2015 besteht und neben der Klassik Stiftung Weimar von zwei weiteren Akademien der Wissenschaften gefördert wird – von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Dort werden vier biographische Komplexe erschlossen:  Goethes Tagebücher, Goethes Briefe, die Briefe an Goethe und „Begegnungen und Gespräche“, also Zeugnisse Dritter, die von einer Begegnung mit Goethe berichten. Alle Projekte haben schon eine Vorgeschichte und erscheinen in Buchform, das älteste seit 1965, das jüngste seit 2008. Jetzt werden sie auch online verfügbar werden, und zwar mit einem Launch, der Anfang 2021 geplant ist.

Sie selbst arbeiten an der Goethe-Brief-Edition. Gibt es eine konkrete Zahl, wie viele Briefe denn von Goethe überliefert sind?

Wir gehen davon aus, dass es etwa 15.000 Briefe gibt. Die Weimarer Ausgabe, die von der Großherzogin Sophie angeregt und finanziert wurde, enthielt etwa 13.600 Briefe. Die Großunternehmung wurde vor 100 Jahren abgeschlossen. Wir haben inzwischen fast 1.400 Briefe mehr aufgefunden. Das ist vor allem der Mitbegründerin der historisch-kritischen Ausgabe Elke Richter zu verdanken. Sie hat zu Beginn des Projekts an alle Archive einen Aufruf gestartet und dadurch viele neue Briefe aufgefunden. Den Hauptfundus von etwa 5.000 Briefen haben wir hier im Goethe- und Schiller-Archiv; der Rest ist an 200 Standorten weltweit verteilt. Das liegt daran, dass Goethe seine Briefe natürlich verschickt hat. Interessant ist auch, dass viele Konzepte der Briefe – etwa 20.000 – erhalten sind. In unserer historisch-kritischen Goethe-Brief-Ausgabe werden diese Vorstufen auch berücksichtigt, was uns natürlich vor einen immensen Textberg stellt, der bewältigt werden muss.

Sie bezeichneten ihr Forschungsprojekt als ‚PROPYLÄEN’-Projekt. Doch was bedeutet „Propyläen“, und womit beschäftigen Sie sich da genau? Welche Ziele verfolgt dieses Projekt?

Propyläen – das ist der Name einer Zeitschrift, die Goethe mit Johann Heinrich Meyer zusammen herausgegeben hat. 1798 erschienen die ersten beiden Hefte. „Propyläen“ als Zeitschrifttitel meint „Vorhof, Stufe, Vorhalle“. Der Begriff kommt aus dem Griechischen, die Propyläen gehören zur Akropolis, wo sie einen Vortempel bilden, in dem man sich aufhalten kann. Genau darum ging es Goethe – um den Austausch mit Freunden an einem Ort, den er geschaffen hat. Dieser Austausch wird jetzt auf die Online-Ausgabe, die digitale Plattform übertragen. Das Ineinandergreifen der verschiedenen Egodokumente wird gerade beim späten Goethe besonders deutlich. Man kann zum Beispiel vom Goethe-Tagebuch ausgehen und nachvollziehen, was er gemacht hat und dies mit den Briefen, die er in der Zeit geschrieben und erhalten hat vergleichen. So entsteht ein Geflecht, welches in der Zusammenschau online dann natürlich sehr reizvoll ist. In der bisherigen Buchform ist das so nicht möglich gewesen – die Interaktionsmöglichkeiten sind dort sehr beschränkt. Das Ziel ist, dass Nutzerinnen und Nutzer sich Korrespondenzen und chronologische Stränge zusammenstellen können, die dann für einen bestimmten Forschungsinhalt interessant und durch den digitalen Zugang gut und schnell durchsuchbar sind.

Das Projekt hat eine Laufzeit von 25 Jahren. Viele Fachfremde sind der Ansicht, das könne doch ganz schnell digitalisiert und ediert werden. Warum geht das nicht so einfach? Welche Komplikationen und Probleme haben sich Ihnen bisher in den Weg gestellt?

Allein die Textmasse ist enorm. Ich habe ja schon gesagt – 20.000 Konzepte, die muss man auch erst einmal erfassen. Von der Weimarer Ausgabe sind sie noch gar nicht in dem Ausmaß ergründet worden, wie wir das planen. Es beginnt bereits mit der Textauswahl: Das Repertorium bildet immer die Grundlage. Wenn wir einen Band zusammenstellen, möchten wir das in eine chronologische Ordnung bringen, und leider hat Goethe nicht immer alles datiert. Es gibt auch Briefe, von denen wir nicht wissen, an wen sie gerichtet sind – hier wird es natürlich dann auch umso interessanter. Wir bemühen uns, anders als die Weimarer Ausgabe, Datierungen oder die Eruierung eines Adressaten immer zu begründen. Für die ersten Bände können wir sagen, dass 30 Prozent aller Briefe, besonders an Charlotte von Stein, neu datiert und eingeordnet werden mussten. Das kostet viel Zeit. Es ist auch so, dass wir historisch-kritisch transkribieren, das heißt: wir bilden auch Fehler, Streichungen und Verbesserungen ab. Die von der Großherzogin Sophie in Auftrag gegebene Weimarer Ausgabe hat viel normiert und geglättet, um Goethes Ansehen nicht zu schaden. Unser aufwändigster Aufgabenbereich ist dann der Kommentar. Wir gehen die Briefe dabei systematisch durch und schauen, was erläuterungsbedürftig ist. Am besten ist es, sich naiv an den Brief heranzugehen und erstmal gar nichts zu wissen – einfach die Fragen kommen lassen, alles Unbekannte markieren und sich die Fragen dann systematisch erarbeiten. Wir bemühen uns darum, alle Fragen zu klären, die wir und die Leser an den Text haben, wenn wir ihn zum ersten Mal lesen. Wir richten außerdem den Fokus auf die Briefempfänger. Das heißt, die Weimarer Ausgabe hat den Text oftmals auch nur als biographische Quelle gesehen oder als Entstehungsdokument für die Werke Goethes. Wir gehen davon aus, dass der Brief selbst auch ein Werk ist – ein Artefakt, das so und nicht anders an den Empfänger gesandt werden sollte und ein Unikat darstellt. Wir nehmen also immer den Adressaten in den Fokus. Das heißt, wir machen nicht nur einen Kommentar zum Text, sondern wir schauen auch immer, wer den Brief bekommen hat, denn jeder Adressat bekommt vom Stil und der Art der Aufmachung einen anderen Brief. Manchmal gibt Goethe sich mehr Mühe, manchmal ist er viel devoter, manchmal scherzhaft – und so etwas äußert sich natürlich in der Schrift und auch im Inhalt. Wir beleuchten im ersten Brief immer die ganze Korrespondenz und das Verhältnis zwischen Goethe und ihm oder ihr.

Wie kann man sich eine Edition vom nicht-transkribierten Brief bis zum fertigen Band vorstellen? Was ist der Prozess, der dabei durchlaufen wird?

Wir arbeiten immer zu zweit an einem Band – für das Jahr 1798 sind das Alexander Rosenbaum und ich. Wir gehen erstmal an das Repertorium – das ist die Vorarbeit, die am Anfang geleistet wurde, um alle Briefe Goethes zu erfassen und die alles auflistet, was zur Überlieferung des Briefes wichtig ist. Zum Beispiel, wann er zum ersten Mal gedruckt wurde, wo sich die Handschrift befindet, ob er eigenhändig oder vom Schreiber geschrieben wurde, wie viele Seiten er umfasst und so weiter. Es gibt auch Informationen zu Beilagen, die von Goethe mitgeschickt wurden. Für unseren Band waren das etwa 400. Dann gehen wir an den Textbestand der Weimarer Ausgabe und holen uns dort die vorhandene Briefe heraus. Anschließend geht das große Transkribieren los. Viele Sachen sind hier im Goethe- und Schiller-Archiv, wir müssen aber auch einige Dienstreisen machen, zum Beispiel ins Freie deutsche Hochstift nach Frankfurt oder nach Berlin, Braunschweig, Krakau, Düsseldorf, nach Bonn. Die Handschriften müssen vermessen, genau beschrieben werden. Wir bestellen auch, sofern das noch nicht gemacht wurde, ein Digitalisat – das ist für die spätere Online-Ausgabe wichtig. Dann geht es an das Zusammenstellen der Briefe und den Kommentar. Die Arbeit am Kommentar dauert dann etwa über zwei Jahre. Schließlich folgt die Textredaktion und ist diese geschafft, muss noch ein Register erstellt werden – dort werden die Personen, Werke Anderer und Goethes sowie Zeitschriften und Periodika erfasst. Schlussendlich schreiben wir noch einige Abkürzungsverzeichnisse und einleitende Überblickskommentare, und dann ist es fertig. Insgesamt dürfen wir für so einen Prozess in etwa 3 Jahre brauchen.

Sie haben bereits erwähnt, dass es bis 2040 dauern wird, bis das PROPYLÄEN-Projekt abgeschlossen ist. Können Sie einen Ausblick geben, wie die Zukunft dieses Projektes aussieht? Was ist danach geplant?

Die PROPYLÄEN bieten natürlich gute Ansatzmöglichkeiten, um später verschiedene Disziplinen weiter zu vernetzen. Beispielsweise die Goethe-Bibliothek: Sie ist hier in der Klassik-Stiftung nun online abrufbar, und auch bestimmte Bücher sollen dann digital gezeigt werden. Das ist fantastisch, wenn wir die Goethe-Bibliothek mit auf die PROPYLÄEN-Plattform verlinken können. Ähnlich ist es mit Bildmaterial – die Zeichnungen Goethes, erhaltene oder mitgeschickte Beilagen, vieles liegt im Goethe-Nationalmuseum. Es wäre toll, diese voneinander getrennten Zusammenhänge auf der Plattform wieder zusammen präsentieren zu können. Was dann noch kommen könnte, wäre zum Beispiel eine Verlinkung zum Goethe-Wörterbuch, in dem alle von Goethe verwendeten Wörter lexikographisch aufgenommen und aufbereitet werden.

Digitalisierung wird allerdings von einigen als Problem angesehen – beispielsweise gingen entscheidende Daten verloren, wenn nicht mit dem Original gearbeitet würde. Was ist Ihre Stellung dazu?

Wir gehen mal von einem Brief aus, den wir nur transkribieren: Durch den Druck geht sehr viel vom ganzen Eindruck verloren, der eigentlich durch das Ensemble des Briefes entsteht – das Papier, das Ich, der Stift und das Gegenüber. Das Materielle, das Nonverbale – das geht durch unsere Transkription total verloren. Schön ist, dass es jetzt durch die Online-Ausgabe im Digitalisat in gewisser Weise vorhanden ist. Als Beispiel nehmen wir mal den Brief, den Goethe am 16.07.1777 an Charlotte von Stein geschrieben hat. In den 5 Zeilen berichtet er vom Tod seiner Schwester Cornelia, die kurz nach der Entbindung ihres zweiten Kindes gestorben ist. Da kommt es zu einem Abbruch des Schreibprozesses – Goethe schreibt „um 9 kriegt ich Briefe, dass meine Schwester tot sey. Ich kann nun weiter nichts sagen“ – und dann folgt nur noch seine Unterschrift. Wenn wir das so in unserer Buch-Ausgabe abbilden, dann sieht man diese Dimension, was da eigentlich noch transportiert wird, überhaupt nicht. Legt man das Digitalisat daneben, wird es offenkundig – eine ganze Seite ist leer geblieben, weil er nicht mehr fähig war, weiterzuschreiben. Diese Leere auf der Seite drückt noch viel mehr aus, als das, was Sprache hier jemals leisten könnte. Genau so hat er es abgeschickt, und genau so wollte er der Empfängerin seinen Schmerz zeigen. Wir haben die Erfassung, Bewahrung und wissenschaftliche Aufbereitung als Ziel – das ist unser Bestreben. Besonders schön finde ich, dass wir solche Aspekte in der Online-Ausgabe nun ohne Probleme zeigen können.

Gibt es einen Briefwechsel oder einen Brief, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, ich arbeite ja gerade an der Buchausgabe für 1798, und da ist einer meiner Lieblingsbriefe enthalten – ein Brief an Johann Christian Kestner vom 16.07.1798.

Kestner und seine Frau Charlotte waren eng befreundet mit Goethe seit den Wetzlaer Jahren. 1772 hatten sie sich das letzte Mal gesehen, da war Goethe 23. Nach einer langen Schreibpause berichtet Goethe dem Freund, der zwei Jahre später unerwartet sterben wird, dass er sich in den vergangenen Jahren nicht persönlich geändert habe, „Aber ich schicke euch eine Schnur mit, um meinen Leibesumfang zu dokumentieren, weil alle sagen, ich sei dick geworden“. Das ist etwas, was weder ein Digitalisat, noch unsere Kommentierung jemals abbilden kann. Das ist wegen der brieflich vermittelten Körperlichkeit hochinteressant. Leider ist die Schnur nicht überliefert, wir wissen aber durch Gemälde und Zeichnungen von Goethe aus der Zeit, dass er nach der italienischen Reise zugenommen hat. Ein schöner Brief, weil er einem Goethe sehr nah bringt und einmal mehr die Materialität eines Briefes vor Augen führt.

Wir danken für das Gespräch!

Das Interview führte Hanna.

 

Dr. phil. Yvonne Pietsch arbeitet seit 2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der historisch-kritischen Goethe-Brief-Ausgabe im GSA Weimar mit. Seit 2015 ist sie im PROPYLÄEN-Projekt beteiligt Sie studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften in Erlangen und München und promovierte 2006 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer historisch-kritischen Edition von Ludwig Achim von Arnims „Schaubühne“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur der Romantik und der Goethezeit, Briefkultur und Editionswissenschaft.

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