Glosse: Frauen sind doof! Wider die Vorverurteilung von Vorurteilen.
Ich liebe Vorurteile! Dass ich das tue, kann ich so offen sagen, weil ich annehme, dass der geneigte Leser es nicht tut und mich deswegen nicht vorverurteilt, also jedenfalls nicht, bevor er/sie dies hier zu Ende gelesen hat. Die Tatsache, dass ich Vorurteile liebe oder, etwas weniger vorwitzig formuliert, sehr gern habe, hat viel damit zu tun, dass es sonst kaum jemand tut, schon gar nicht die treuen Anhänger unseres kleinen Magazins, das sich ja augenscheinlich eben der Bekämpfung von Vorurteilen verschrieben hat. Und wie das so ist, mit den Unterdrückten und Bekämpften dieser Welt sympathisiert es sich relativ leicht, also mache ich das jetzt mal und zwar öffentlich.
An sich geht es dem Vorurteil wie dem Tapir. Auf den ersten Blick etwas dämlich aussehend (Menschen mit Vorurteilen würden an dieser Stelle sicher noch wesentlich weiter gehen) und keinesfalls für den Streichelzoo geeignet, fristen sie ein Dasein am Rande unserer Gesellschaft, wobei es in Deutschland sicherlich weit mehr Vorurteile als frei lebende Tapire gibt. Während letztere an und für sich zu den bedrohten Arten gehören, haben erstere gelernt, mit der Verfolgung durch Intellektuelle und andere geistige Kammerjäger zu leben und zwar gar nicht mal so schlecht. Nischen aller Art sind ihr Zuhause und damit verhalten sich unsere Vorurteile ganz im Sinne des beschleunigten und globalisierten Kapitalismus (sehr schöner Begriff und sicherlich nicht ganz frei von Vorurteilen, oder?), nämlich marktorientiert und vor allem flexibel. Man kann also ohne jede Übertreibung sagen, das Vorurteil ist ein Gewinnertyp, weil es durch beständige Anpassung an gesellschaftliche und wohl auch klimatische Veränderungen geschafft hat, zum ständigen Begleiter menschlicher Kommunikation zu werden, dem Madenhacker auf dem Rücken eines Elefanten oder Nashorns nicht unähnlich. Auch ein sehr schönes Bild, über das es mal nachzudenken gilt.
Zurück zum Thema. Betrachten wir uns doch einmal ein Vorurteil aus der Nähe. Wählen wir hierfür ein Beispiel, das jedem geläufig ist und mit dem sich, trotz gesellschaftlicher Ächtung, möglichst viele Menschen identifizieren können: “Frauen sind doof!”. Es ist zugegebenermaßen kein besonders großes Vorurteil, aber ein sehr beliebtes und auf die Länge kommt es ja eh nicht an. Was sehen wir also, wenn wir genau hinschauen? Nichts! Also nicht, wenn der Betrachter eine Frau ist, denn die sind ja bekanntlich alle doof. Männer hingegen können bei längerem Hinsehen so vieles entdecken. Einen Spruch für ein Lieblings-T-Shirt vielleicht. Oder einen Trostspender für einsame Stunden, einer Schulter zum Ausweinen gleich. Vielleicht steckt für den einen oder anderen auch eine Rechtfertigung für sein Tun darin, eine Erklärung dafür, warum Frauen so scheiße Auto fahren oder womöglich eine Ausrede für das eigene Leben, ein Ausweg gar. Ja, wenn Frauen doch doof sind, dann kann man auch endlich den ewigen Diskussionen aus dem Weg gehen. Benutzten wir Vorurteile wie dieses des Öfteren als Argumente, so ließen sich langweilige und überflüssige Konversationen ganz problemlos in hitzige Auseinandersetzungen verwandeln oder im Keim ersticken, was jawohl niemand ernsthaft schlecht finden kann. In einem Vorurteil steckt so viel mehr, als uns die Medien, die Vorbilder, die Benimmkurse und das ewige Toleranzgetue glaubhaft machen wollen. Immer, aber auch wirklich immer, lohnt es sich, Vorurteile auch mal scheinbar zweckentfremdet einzusetzen – sie bringen so viel Freude in unser Leben und einfacher wird es dadurch auch noch. Was könnte man mehr erwarten? Leistet etwa eine Ausbildung, ein Töpferkurs, Teufel Alkohol oder käuflicher Sex vergleichbares? Ich glaube kaum.
So rufe ich denn dem Leser zu: „Schützt unsere Vorurteile – sie haben es bitter nötig!”. Und weil es so viel Spaß gemacht hat, solches zuzurufen, gebe ich der Leserschaft auch noch gleich meine drei Lieblingsvorurteile zum Ausprobieren und Auswendiglernen mit auf den Weg: Beim Ballett sind doch nun wirklich ALLE schwul. Vegetarier sind nur zu faul zum Kauen. Wer auf Techno (für Techno bitte eine beliebige Musikrichtung einsetzen) steht, nimmt Drogen und zwar viele und alle durcheinander, den ganzen Tag und kann nicht kochen, also jedenfalls nichts genießbares.
Viel Spaß mit ihnen, um mal die früher nicht völlig unbeliebte TV-Modera-torin Nadel Apfel Fahrrad zu zitieren, die sich nun wirklich mit Vorurteilen auskennt, weil sie die meisten gar nicht erst versteht und dabei doch der lebende Beweis für die Richtigkeit so mancher eigentlich unhaltbarer Behauptung ist. Ein Prosit auf alle wandelnden Klischees!
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