Gleichberechtigung im 21. oder Ziel verfehlt?
Das bisher unveröffentlichte, zweite Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Jena’, ‘Sicherlich, es lassen sich endlos viele amüsante Anekdoten über „das schwache Geschlecht“ und „wahre Manneskraft“ erzählen. Leider sieht es in der Realität, glaubt man den zahlreichen negativen Meldungen in den Medien, ganz anders aus. Da werden Frauen misshandelt und unterdrückt, Mädchen wie Dienstpersonal herum kommandiert, Jungen zu (lebens-) gefährlichen Mutproben getrieben, und erwachsene Männer zerbrechen an den ihnen vorgesetzten manifestierten, überzogenen Idealen. Doch sind diese Meldungen tatsächlich glaubhaft? Ist der Kampf der Geschlechter wirklich so hart? Welche Probleme behaften Menschen, die sich geschlechtlich bedroht fühlen?
Wir haben versucht herauszufinden, wie sich hier in Jena die Problematik der Gleichstellung von Mann und Frau gestaltet und befragten dazu die Gleichstellungsbeauftragte der FSU, Frau Horn, und die Gleichstellungsbeauftragte und Frauenbeauftragte der Stadt Jena, Frau Hecker.
Was tun wenn´s brennt…?
U.: Hallo Frau Hecker. Sie arbeiten als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jena und Frauenbeauftragte der Stadtverwaltung Jena. Seit wann?
H.: Ich bin seit 2 Jahren im Amt.
U.: Für wessen Gleichstellung sorgen sie?
H.: Ich sorge mich um die geschlechtliche Gleichstellung der Jenaer Bürger. Dabei kümmere ich mich um Männer genau da wie um Frauen.
U.: Weshalb sind Sie beides, Frauenbeauftragte und Gleichstellungsbeauftragte?
H.: Im Thüringer Gleichstellungsgesetz, das beide Stellen erläutert und die Aufgabenbereiche umschreibt, wird unter anderem auch vorgeschlagen, beide Stellen von einer Beschäftigten ausführen zu lassen. Da viele Aufgaben sich überschneiden, finde ich das durchaus sinnvoll. Allerdings muß ich auch mit mehr Arbeit umgehen und Schwerpunkte setzen, um keinen Bereich vernachlässigen zu müssen. Die Arbeit der Gleichstellungsstelle hat dabei geringfügig mehr Priorität als die der Frauenbeauftragten.
U.: Wer sucht Ihre Hilfe auf und was sind die häufigsten Probleme?
H.: Die Besucherfrequenz ist mäßig. In der Hauptsache kommen Frauen, die sich in größten Nöten sehen, zu mir. Dabei liegen die Ursachen meistens an Arbeitslosigkeit oder familiären und privaten Problemen. Wegen Gewalt, die ihnen von Männern angedroht oder angetan wird, kommen kaum welche. Diese Frauen wenden sich eher direkt an die ansässigen Hilfevereine. Davon gibt es eine ganze Reihe hier in Jena.
Ich konnte auch schon Männern helfen. Aber das sind Ausnahmen. Dabei arbeite ich auch mit dem seit zwei Jahren bestehenden Männerverein „Männersache e.V.“ zusammen und könnte sie weiter vermitteln.
U.: Ein Männerverein? Was wird da geboten?
H.: Er funktioniert nicht anders als ein Frauenhilfeverein. Es werden Kurse, Beratung, gemeinsame Nachmittage usw. angeboten – organisatorisch sehr ähnlich.
U.: Könnten Sie sich vorstellen, dass Männer darum so selten zu Ihnen kommen, weil sie sich nicht trauen als starkes Geschlecht Hilfe, dazu noch bei einer Frau, zu suchen?
H.: Männer lassen sich wohl generell seltener beraten lassen. Sie haben auch Probleme, aber über die sprechen sie nicht, oder nur mit anderen Männern oder vertrauten Personen. Das hat sicher etwas mit Ihrer Vermutung zu tun, starkes Geschlecht und so. In der Regel stellen sich die Männer unter Gleichstellungsstelle auch etwas anderes vor. Etwas zur Gleichberechtigung von Frauen oder im Zusammenhang mit anderen Gleichstellungsangelegenheiten, z.B. für Behinderte oder auch die Gleichstellung von Bildungsabschlüssen. Solchen Themen nehme ich mich auch an und versuche zu helfen.
U.: Welche Altersgruppe überwiegt bei Ihren Interessenten? Wie sieht es mit Studenten aus?
H.: Da gibt es keine Schicht, die heraussticht. Nun, Studenten kommen kaum zu mir. Dafür gibt es ja auch eine separate Stelle an der Uni. Einmal konnte ich bei einem Fall behilflich sein, wo ein Kindergartenplatz gesucht wurde.
U.: Sicher arbeiten Sie auch mit anderen Institutionen und Ämtern zusammen. Welche sind das?
H.: Tatsächlich arbeite ich mit vielen verschiedenen Stellen zusammen. Dabei handelt es sich nur um Frauenhilfevereine, das Jenaer Frauenhaus oder das Frauentaxi, die ich auch finanziell unterstütze. Gemeinsam mit dem Arbeitsamt gehen wir gegen die Probleme der Arbeitslosigkeit vor, die Polizei wird über Gewaltprobleme/-potentiale aufgeklärt, und natürlich stehe ich mit der Ausländerbeauftragten, dem Ausländerbeirat, dem Weißem Ring oder dem Kinder- und Jugendschutzdienst in Verbindung.
U.: Was tun Sie als Frauenbeauftragte?
H.: Ich bereite für die Frauen in der Stadtverwaltung Aus- oder Fortbildungen vor und begehe bestimmte Feier-/Gedenktage. Auf Landesebene gibt es Gremien, in denen die Gleichstellungsbeauftragten und Frauenbeauftragten der thüringischen Kommunen zusammengefaßt sind. Innerhalb der Gremien werden Tagungen veranstaltet und Arbeitsgruppen, um Probleme zu debattieren und so die Lage zu verbessern. Weiterhin nehme ich so oft und aktiv wie möglich an Tagungen teil. Ende November erst war ich zum16. Bundesfrauenkongress eingeladen worden und fuhr daraufhin nach Dresden.
Weiterhin begleite ich „meine Damen“ zum Beispiel bei Dienstgesprächen, gebe Auskunft über ihre Rechte und Pflichten und unterstütze sie, diese durchzusetzen.
U.: Glauben Sie, dass in Jena genug für die Gleichstellung von Mann und Frau getan wird? Was sollte noch verbessert werden?
H.: Mit der Umsetzung und Einhaltung von gesetzlichen Regelungen sieht es in Jena ganz gut aus. Das Verständnis bzw. die Einstellung zu dieser Problematik ist überwiegend positiv.
Trotzdem sehen nicht alle BürgerInnen die noch bestehenden Mängel bei der Gleichstellung beider Geschlechter. In Zeiten knapper Kassen gestaltet sich auch die Arbeit auf diesem Gebiet mit allen seinen Aufgaben schwieriger. Es gibt Einschnitte bei der Förderung von Vereinen und Projekten sowie deren MitarbeiterInnen, und weniger Unterstützungen, Veranstaltungen und Fortbildungsmaßnahmen.
Die Veränderung, die unsere Gesellschaft gegenwärtig durchläuft, führt zu sozialer Spaltung, Ungerechtigkeit, Verlusten an Demokratie und wird von den Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern überlagert. Wir müssen einen Weg finden, neue Lösungen für Frauen wie Männer zu schaffen und die wichtigsten Probleme von heute zu integrieren. Dafür müssen wir uns alle einsetzen.
U.: Das scheint mir ein sehr gutes Schlußwort. Vielen Dank!
Das Interview führte Lotte.
Wer Interesse am Thema hat oder sich selbst vertrauensvoll an eine der Gleichstellungsbeauftragten bzw. Organisationen wenden möchte – hier gibt’s die passenden Kontaktinformationen:
Jenaer Frauenhaus e.V.
Wagnergasse 25 07743 Jena
JenaerFrauenhaus@jetzweb.de
Tel.: Jena/449872
Männersache e.V.
Ballhausgasse 1 07743 Jena
maenner_sache@web.de
Tel.: Jena/354690
Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jena
Frau Elviera Hecker
Anger 15, Etage 1, Zi. 4
HECKERE@JENA.DE
Tel.: Jena/492003
Gleichstellungsbeauftragte der FSU Jena
Frau Horn
Fürstengraben 1, R358
Gisela.Horn@zuv.uni-jena.de
Tel.: Jena/930980
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