Gleichberechtigung im 21. Jahrhundert – Ein Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten der FSU Jena
Sicherlich, es lassen sich endlos viele amüsante Anekdoten über “das schwache Geschlecht” und “wahre Manneskraft” erzählen. Leider sieht es in der Realität oft ganz anders aus. Da werden Frauen misshandelt und unterdrückt, Mädchen wie Dienstpersonal herum kommandiert, Jungen zu (lebens-) gefährlichen Mutproben getrieben, und erwachsene Männer zerbrechen an den ihnen vorgesetzten, überzogenen Idealen. Wir haben versucht herauszufinden, wie sich hier in Jena die Problematik der Gleichstellung von Mann und Frau gestaltet und befragten dazu die Gleichstellungsbeauftragte der FSU, Frau Horn.
U: “Hallo Frau Horn. Seit wann sind Sie in Ihrem Amt?”
H: “Ich bin seit 1995 im Amt.”
U: “Gab es eine besondere Motivation für die Übernahme des Amtes?”
H: “Nun, ich gehörte zu den Wissenschaftlerinnen in der DDR, die sich neben den Studierenden auch um ein eigenes Kind sorgen wollten. So gab es für mich ständig als allein stehende Mutter den Spagat zwischen Familie und Arbeit zu bewältigen. Und durch diese gewonnen Erfahrungen möchte ich Anderen helfen und sie unterstützen. Wenn heute ca. 45% der weiblichen Akademiker kein Kind haben, so ist dies ist eine eher traurige Situation”
U: “Gab es schon einmal einen Mann in Ihrer Position?”
H: “Ich glaube, deutschlandweit gab es noch keinen Mann, der das Amt des Gleichstellungsbeauftragten innehatte. “
U: “Für wessen Gleichstellung sorgen sie?”
H: “Zu mir kommen Studentinnen wie auch Professorinnen aus den verschiedensten Bereichen. Männer kommen kaum, vielleicht denken sie, dass sie keine Hilfe brauchen. “
U: “Kommen auch ausländische Studenten zu Ihnen?”
H: “Ja, aber sie sind nicht der Hauptanteil. Hervorstechend ist, dass es hauptsächlich Vertreterinnen aus westeuropäischen Ländern sind, die aber mit den gleichen Anliegen wie die Deutschen kommen.”
U: “Was sind die häufigsten Probleme, mit denen die Frauen zu Ihnen kommen?”
H: “Oft geht es um Fragen zum Arbeitsrecht von Wissenschaftlerinnen mit oder ohne Kind, wobei ich dann häufig an das Rechtsamt verweisen kann. [...] Gelegentlich geht es um Ausgrenzungsprobleme, selten um sexuelle Belästigungen. Seit 1995 hatte ich hier nur zwei Fälle, jedoch wird es eine erheblich größere Dunkelziffer geben.”
U: “Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?”
H: “Meine Hauptaufgaben liegen in der Beratung der Frauen und der Vermittlung an andere, weiterführende Stellen, wie zum Beispiel dem Rechtsamt oder den Personalrat. Ich kläre über mögliche Förderprogramme auf, die den Frauen helfen, in Zeiten der Familienpause Anschluss an die Wissenschaft zu halten oder insgesamt karrierefördernd wirken. Oft höre ich den Frauen, die sich häufig in schwierigen familiären und beruflichen Verhältnissen befinden, nur zu und versuche mit ihnen selbstbewusste, eigene Handlungsmöglichkeiten zu entdecken, also letztlich Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.
U: “Wird Ihrer Meinung nach genug für die Gleichstellung getan? Haben Sie Verbesserungsvorschläge?”
H: ”[...] Die Gleichstellung, vor allem im wissenschaftlichen Bereich, geht nur im Schneckentempo vorwärts. Noch immer gibt es ein starkes Missverhältnis innerhalb der Hierarchien an den Universitäten. Nur 11% der Professoren an unserer Universität sind Frauen, und damit liegt Jena noch immer im Vorderfeld in Deutschland! [...] Dadurch fehlen auch für die Studentinnen Vorbilder. Es muss eine Bewusstseinsschärfung erfolgen. Selbst in der Türkei, in Portugal und in Frankreich gibt es mehr weibliches Personal in höheren Positionen als in Deutschland.”
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