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Gesellschaftskritik ohne Lichtblick

3 Januar 2012 No Comment
(Foto: © Theaterhaus Jena)

(Foto: © Theaterhaus Jena)

Mit Betaville führen das Theaterhaus und der Blindenverein Jena fröstelnde Zuschauer in den Keller des Jenaer Kulturbahnhofs und eine dystopische Welt. Dunkeltheater nach Philip K. Dicks Do androids dream of electric sheep?

von Hedwig Lambert

 „Drinnen ist es warm, lasst die Jacken ruhig draußen.“ – Fünfergruppen führt Jonas Zipf aus dem Neonlicht der alten Schalterhalle in den Bauch des Gebäudes. Anfangs dringt noch diffuses Licht in den Gang. Beide Hände liegen auf den Schultern des Dramaturgen, der die Textfassung für Betaville schrieb und Regie führte. Auf den eigenen Schultern die Hände des nächsten Zuschauers. Theater, das verbindet und Berührungsängsten keine Chance gibt. Falls Panik aufkomme, so die bedeutungsschwangere Ankündigung, keine Sorge, sei immer jemand in der Nähe, der helfen kann. Das O-Team, das hinter der Produktion steht, setzt sich aus interdisziplinär arbeitenden Künstlern und Wissenschaftlern zusammen. Ergänzt wird es bei der Umsetzung von Betaville durch Mitglieder des Blindenvereins Jena, die im nun völligen Dunkel die Menschenketten von Zipf übernehmen und weiterführen, in den Keller des alten Bahnhofs. Nach Ertasten der Umgebung, Hin- und Herrutschen auf den Stühlen am Platz angekommen, dringen Kichern und Plaudern herüber. Das Publikum ist studentisch und laut spricht man über Seminarinhalte, Klausuren, Professoren, hält am Alltag fest. Bis das Spiel weitergeht und das O-Team beginnt, gesprochenen Text, verzerrte Gitarrensounds und Hörspielelemente ins Schwarze zu weben.

Auch inhaltlich bleibt es düster: Nach Kriegen und atomaren Zwischenfällen in Fernost ist die Erde verseucht. Fast alle Tiere sind ausgestorben, auch auf echte Menschen trifft man seltener, sie ziehen in Kolonien auf anderen Planeten. Allerdings nur diejenigen, die den Ansprüchen genügen, die intelligent, leistungsstark und gesund sind. Die anderen bleiben einsam zurück auf der Erde und versinken mit ihr im Müll. Als Diener in den Kolonien wurden Androiden geschaffen, künstliche Menschen. Diese werden gejagt, z.B. von Rick Deckard, einer der beiden Hauptfiguren. Philip K. Dicks Romanvorlage dient dabei mehr als Schablone. In beidem geht es um Menschen. In Betaville vor allem um solche, die sich über andere erheben. Es geht um Macht, um Sehnsucht, um Abgrenzung.

Die Schauspieler sind dabei in Bewegung. Stimmen, Musik und Klangelemente kommen immer aus verschiedenen Ecken des Raums, in dem die Luft langsam dicker wird. Wer in dem Stück wer ist, wann spricht und was will – schwer zu sagen. Durchschaubarer erscheint das bei Jonas Zipf. Er ist nicht nur Mitglied der künstlerischen Leitung, die im Oktober das Jenaer Theaterhaus übernommen hat, sondern auch Vorsitzender des Vereins stohlinka. Dessen Ziel ist es, die künstlerische Zusammenarbeit mit Menschen zu fördern, die als körperlich oder geistig behindert gelten. Sein früheres Studium der Psychologie merkt man nicht nur Betaville überdeutlich an, die Themenkomplexe ziehen sich durch die gesamte Spielzeit. Zugleich zeigt sich das neue Team des Theaterhauses sehr jung, engagiert und trinkfest. Es lädt die Jenaer Bürger ein – mit Freikarten zu den Produktionen, zur Volksküche, zu Diskussionen über Rassismus und immer wieder zum gemeinsamen Feiern. In Betaville ist Leichtigkeit dagegen kein Thema. Auf allen Sinneskanälen kommt ein Signal an: Verunsicherung. Im Keller des Kulturbahnhofs ist es bitterkalt, händereibend wird geblinzelt, sich umgeschaut, als nach einer Stunde abrupt das Licht angeht und man dasitzt, in Kunstnebel gehüllt. Einige haben aufgegeben und auf Standby gestellt, räkeln sich gähnend. Wer durchgehalten hat, schnappt nach Luft. Irgendwer beginnt zaghaft zu klatschen.

Alle Sinne auf „an“, läuft der Kopf auf Hochtouren und versucht, die Puzzlestücke zu sortieren, die im Nachhall der Klanglandschaft verstreut liegen. Jetzt käme einer der sonst allgegenwärtigen Schnäpse gut, nur – vom Ensemble keine Spur? Durch die gelblichen Schwaden führt der Weg, ungeleitet, nach draußen und über kurz oder lang kehren alle zurück in die kleine heile Jenaer Welt, deren Cafés das fröhliche Lachen der heranwachsenden Bildungselite erfüllt.

Betaville selbst erleben könnt ihr noch am 6. und 7. Januar sowie am 1. und 2. Februar 2012.

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