Gelebter Idealismus – Stadtprogramm gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
Ein ganz normaler Nachmittag in Jena. Ein paar Jugendliche steigen in die Straßenbahn ein und fangen an, einen dort sitzenden Asiaten anzupöbeln. Die anderen Mitfahrenden schauen angestrengt aus dem Fenster oder in eine andere Richtung. Niemand will etwas sehen oder hören. Wirklich niemand? Eine Frau steht auf und fragt freundlich, aber bestimmt: “Was soll denn das? War um macht ihr das?“
Die Jugendlichen hören auf.
Weil das Verhalten dieser Frau an scheinend nur in der Theorie einfach, in der Realität aber leider fast nie selbstverständlich ist, darum gibt es den Jenaer Preis für Zivilcourage, der in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal verliehen wird. Er will keine “Hel den“ auszeichnen, sondern ganz normale Menschen, die den Mut hatten, in kritischen Situationen den Mund aufzumachen und nicht passiv zu verharren und deshalb für viele Vorbild sein können. Sponsoren des Preises sind in Jena ansässige Unternehmen; allen voran die lT-Firma Godyo. No minierurigen konnten bis Ende Januar eingereicht werden. Nun tagt die Jury und wird ihr Ergebnis am 18. Februar um 17 Uhr in der Rathaus- diele bekannt geben. Dazu sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Der Jenaer Preis für Zivilcourage ist eines der Projekte des im Jahre 2000 initiierten Stadtprogramms gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Mittelpunkt des Programms ist der Runde Tisch für mehr Demokratie, der mittlerweile vierteljährlich tagt und eine in Jena wohl einzigartige Institution darstellt. Am Runden Tisch für mehr Demokratie treffen sich Kommunalpolitiker, Jenaer Unternehmer sowie Vertreter kirchlicher und kultureller Einrichtungen. Auch die Hochschulen nehmen teil. Gemeinsam wird versucht, Zeichen für ein toleranteres und welt- offeneres Jena zu setzen. Die Ausstellung “Hass vernichtet“ (siehe unique Ausgabe 9) war beispielsweise eine Initiative dieses Tisches und auch der oben erwähnte Preis für Zivilcourage wurde hier entwickelt. Darüber hinaus werden aktuelle Ereignisse, wie Überfälle auf Ausländer oder rechte Tendenzen in der städtischen Jugendszene diskutiert und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. Auf der letzten Sitzung am 15. Januar konnte auch auf weltweite Probleme eingegangen werden: Ein Aufruf zur Verhinderung des Irakkriegs wurde diskutiert und anschließend einstimmig beschlossen. Nun sollen Unterschriften gesammelt werden.
Auch wenn der Runde Tisch für mehr Demokratie keine wirkliche Mitsprache in politischen Institutionen hat, so verfügt er doch durch die teilnehmende “städtische Prominenz“ über eine
Signalwirkung, die bisher zwar noch von vielen unterschätzt, durch die Kontinuität der Arbeit aber wohl immer deutlicher zutage treten wird.
Damit die Arbeit des Tisches auch in Zukunft gelingen kann, gibt es als Kontakt und Koordinierungsstelle das Büro von KoKont im Löbdergraben. Hier werden nicht nur Sitzungen vor- und nachbereitet und die allgemeine Öffentlichkeitsarbeit koordiniert, sondern auch ständige Hilfeleistungen wie beispielsweise Deeskalationsmaßnahmen bei Zusammenstößen und Überfällen oder eine Opferberatung angeboten. Wenn der Runde Tisch für mehr Demokratie bisher nicht eine so erfolg reiche Arbeit aufweisen könnte, dann würden ihn viele wohl als hoffnungslos idealistisch bezeichnen: Wer glaubt heute schon noch daran, dass man als einzelner mit seiner Stimme deutliche Zeichen und Impulse in seinem direkten Umfeld setzen und gemeinsam mit anderen auch in der großen Politik mitreden kann? Der Runde Tisch liefert hierfür den Beweis.
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