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Geschichten unter der Haut

22 Mai 2014 No Comment

Stigma und Erinnerung – für die Gesellschaft ein Symbol sozialen Versagens, ist für seinen Träger das Knast-Tattoo ein ins Fleisch gestochener Teil Identität.

von Robert

Seemann, Knacki, Hure oder auch einfach nur Proll – dies sind nur einige der Vorurteile gegenüber Tattooträgern. Dabei belegen Statistiken, dass mittlerweile 10 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland tätowiert sind. Selbst Florian Silbereisen ließ sich Helene Fischers Antlitz in den Oberarm stechen. Mögen Tattoos heutzutage im Mainstream angekommen sein, die Klischees haben ihre historische Richtigkeit. Auch heute ist in deutschen Gefängnissen ein Großteil der Insassen tätowiert – trotz weltweitem Tätowierverbot in Haftanstalten. Der Grund für das Verbot ist weniger die Abneigung gegen den Körperschmuck, als schlicht die Vorbeugung von Infektionen aufgrund der mangelnden Hygiene.
Wirft man einen Blick ins Ausland, erfährt man schnell, dass in amerikanischen, lateinamerikanischen, russischen oder asiatischen Gefängnissen Tattoos oft in Verbindung mit kriminellen Organisationen stehen. Die Aryan Brotherhood, Hells Angels oder Mara Salvatrucha nutzen Tätowierungen als Wiedererkennungs- und Statussymbol. Wer es wagt, die markanten Zeichen ohne Erlaubnis der Gruppen zu tragen, kann schon mal Bekanntschaft mit einer Käsereibe oder einem heißen Auspuff machen. Die russische Mafia oder die Yakuza bilden damit sogar eine Metasprache. Die eigene Geschichte ins Fleisch gebrannt; die Abbilder der Opfer am eigenen Leib zur Schau getragen – ein Phänomen, das durch die Russian Criminal Tattoo Encyclopedia oder Filme wie Eastern Promises weite Bekanntheit erlangte.

Ein veröffentlichtes Selbstgespräch
In deutschen Gefängnissen hingegen ist bei weitem nicht jedes Tattoo ein Gangtattoo. Viele werden auch nicht in der Anstalt gestochen; der offene Vollzug ermöglicht es den Insassen, sich in Studios außerhalb der JVA tätowieren zu lassen – insofern sie nicht bereits bei Haftantritt tätowiert sind, was in Thüringen auf 90 Prozent der Häftlinge zutrifft. Dennoch wird im geschlossenen Vollzug nach wie vor viel auf eigene Faust gestochen. Die Prozedur findet meist nach Einschlusszeit statt, wobei die Häftlinge die Maschinen selber anfertigen – mit umgebauten Rasierern, Gitarrensaiten, Kugelschreibern, oder einfach nur mit Nadel und Tinte.
Geringe Hygiene erhöht dabei die Infektionsgefahr. Darunter leidet nicht nur die Gesundheit der Insassen, sondern auch das Niveau der Tätowierung, denn bei Entzündungen spült der Eiter die Farbe wieder aus dem frischen Tattoo heraus. Bis in die 1970er Jahre war es üblich, Farbe aus Asche von abgebrannter Schuhsohle, vermischt mit Zahnpasta zu gewinnen, da man in Haft nicht an die professionellen Materialien heran kam. Als Desinfektionsmittel diente in der Regel Urin.
Entzündete sich ein Tattoo aufgrund dieser Prozedur, war der Häftling in einer schwierigen Situation, denn wenn er sich in medizinische Behandlung begab, drohte ihm Einzelhaft. Genau dieses Risiko macht jedes Motiv zur erneuten Mutprobe und das Tattoo zum prestigeträchtigen Symbol innerhalb der Gefängnisse. Das ging sogar so weit, dass Tattoos, gleich Zigaretten, als interne Währung gehandelt wurden.
Von der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre war das Knast-Tattoo vor allem eins: ein Aufbäumen gegen das System. Ein stummer Aufschrei gegen die totale Institution Gefängnis, die wegsperrte und kontrollierte. Der Bruch der Haftregeln gab den Insassen die Herrschaft über die eigene Haut zurück und ließ sie – wenigstens für einen Moment – die sie umschließenden Mauern überwinden; der verzierte Körper war nicht mehr nur fleischliche Hülle, sondern ein Bekenntnis zur kriminellen Gegenkultur.
Häufige Motive in diesem Zusammenhang waren die drei Punkte auf dem Handrücken, stellvertretend für die drei Affen – nichts hören, nichts sagen, nichts sehen – oder der Punkt unter dem Auge, der einst das Symbol der Zuhälter war. Die Bedeutung von Letzterem hat sich über die Jahre verschoben, da bei den amerikanischen Gangtattoos eine Träne unter dem Auge entweder für den Verlust eines nahen Angehörigen oder einen begangenen Mord steht.
Doch das Tattoo war nicht nur Protest: Es drückte zugleich individuelle Wünsche und Sehnsüchte aus – wurde zum veröffentlichten Selbstgespräch. Die Gewalt über die eigene Haut brach die Grenze zur Außenwelt: So finden sich oft Freiheitszeichen wie die Schwalbe oder Windrosen, aber auch häufig schlicht Abbilder von Frauen auf der Haut der Insassen.
Bis in die 80er Jahre, als Tätowierungen noch gesellschaftlich stark verpönt waren, erfuhr der in Haft erlangte Körperschmuck nach Entlassung eine vollkommene Bedeutungsumkehr. Ehemalige Häftlinge, die weiter eine kriminelle Karriere verfolgten, behielten ihn, zeigten ihn sogar offen. Doch diejenigen, die versuchten, sich wieder in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern, stießen oft auf Ablehnung. Man musste sich der Tätowierung um jeden Preis wieder entledigen. Wer sie nicht verstecken konnte, versuchte sie mit Salz auszureiben oder mit Mangan wegzuätzen.
Heute erfreuen sich zwar Tätowierungen einer höheren Beliebtheit und Akzeptanz, doch die Resozialisierung der Häftlinge scheint nach wie vor unter ihnen zu leiden. Deswegen bietet das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg in Nordrhein-Westfalen ehemaligen Häftlingen die Möglichkeit, ihre Tattoos bis zur „T-Shirt-Grenze“ entfernen zu lassen. „Was macht es für einen Sinn, Tausende von Euro in die Ausbildung und Sozialisation der Insassen zu investieren, und dann bekommen sie wegen eines Tattoos nach ihrer Haft keinen Job?“, so Joachim Turowski, Leiter des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg im Oktober 2013. Auch in Thüringen besteht die Möglichkeit, eine Entfernung auf Staatskosten zu beantragen – allerdings nur, wenn sich die Tattoos an Stellen befinden, die nicht durch Kleidung überdeckt werden können (etwa Hals oder Gesicht) oder eine berufliche Wiedereingliederung durch sie drastisch erschwert wird. Jedoch wird diese Möglichkeit äußerst selten ergriffen.

Fürs Leben gezeichnet
„Die große Zeit der Knasttätowierung ist mittlerweile vorbei“, so Klaus Pichler. Der Wiener Fotograf traf sich acht Jahre lang mit ehemaligen Häftlingen, um diese abzulichten. Die entstandenen Bilder sind im Band Fürs Leben gezeichnet – Gefängnistätowierungen und ihre Träger versammelt. Eine Rückentwicklung der Tattookultur im Knast wird auch von Vertretern des Thüringer Justizministeriums bestätigt. Motive aus den Studios haben seit Langem Einzug in die Haftanstalten genommen, und außerhalb der Mauern werden die traditionellen Gefängnistattoos mittlerweile als old school-Tattoos für teures Geld verkauft – das Gefängnistattoo war eine gewisse Zeit lang zwar keine eigene Kunstrichtung, aber definitiv ein eigener Stil.
Was bleibt, ist die Farbe unter der Haut einer Generation, die mittlerweile auf das Rentenalter zugeht – Zeugen einer aussterbenden, zugleich auf Lebzeiten stigmatisierenden Tradition. Auch Klaus Pichler hatte während seiner Arbeit das Gefühl, dass viele ehemalige Häftlinge unglaublich stark unter ihren Tätowierungen litten. Zwar gibt es auch Erfolgsgeschichten von Insassen, die in Haft das Tätowieren erlernten und nach ihrer Entlassung eigene Studios gründeten, doch „die meisten dieser Menschen haben außerhalb der Haft noch nie positive Erfahrungen mit ihren Tätowierungen gemacht.“ So wird jedes Motiv zum stillen Zeugen einer viel zu oft schrecklichen Lebensgeschichte. Doch ist ihr Träger deswegen immer eine gebrochene Persönlichkeit, ein Verlierer? Abschaum am Rande der Gesellschaft, freiwillig gebrandmarkt für alle Zeit?
Gerade heutzutage, wo Tribals und nautical stars an jeder Straßenecke aufblitzen, ist es an der Zeit, auch den tätowierten Ex-Häftlingen ihre Würde wieder zuzusprechen. Stehen sie doch dafür, dass es beim Tattoo um mehr gehen kann als nur Tinte unter der Haut.

Die abgebildete Illustration sowie viele weitere Aufnahmen finden sich in:

Klaus Pichler: Fürs Leben gezeichnet – Gefängnistätowierungen und ihre Träger
Fotohof Edition Verlag 2011
184 Seiten
29,00 €

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