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Französischer Small-Talk in einem Atemzug

21 Juni 2008 No Comment

von Stephanie Hesse

Sechs Monate in der französischen Hauptstadt sind ein echtes Abenteuer. Doch eines sei vorweg gesagt:
Paris ist nicht Klein-Frankreich. Wer glaubt, mit den Parisern Land und Leute zu kennen, der liegt gänzlich falsch. Es handelt sich quasi um ein Völkchen für sich und so möge mir der ein oder andere Kenner verzeihen, der die folgenden Beschreibungen vielleicht etwas anders kennt. Natürlich merkt man schnell, was Paris an Eigenheiten zu bieten hat: von überfüllten Metros, die klaustrophobische Ängste in einem wecken, bis hin zu den berühmten Streiks, die alle U-Bahn-Stationen in menschenleere Orte verwandeln.

Von der fanatischen Begeisterung während der Rugby-WM bis zu den Gaumenfreuden der französischen
Haute Cuisine. Es stimmt, die Franzosen machen Das beste Baguette der Welt und wer einmal in einer
Boulangerie gewesen ist, der kennt das schier unüberschaubare Angebot an süßen Leckereien. Die Theke
quillt über mit kleinen Törtchen, Eclairs, Rosinen- oder Schokoladenbrot. Zuckerguss wohin man sieht und es schmeckt mindestens so lecker, wie es aussieht. Auch die französische Kaffeekultur ist in Europa führend. Besonders wenn man seinen Café crème mit einer zuckersüßen Crème brulée genießt. Neben diesen Köstlichkeiten und den gelben Nummernschildern am Heck der kleinen Straßenflitzer glänzt unser Nachbarland mit noch so einigen anderen Verschiedenheiten.

Der Straßenverkehr fällt einem Fremdling jedoch zu allererst ins Auge. Der französische fahrbare Untersatz ist im Allgemeinen wesentlich kleiner und man braucht nicht lange, um den Grund dafür heraus zu finden: seine Größe wird schlicht weg den Parkmöglichkeiten angepasst. Und da diese kaum gegeben sind, bleibt einem nichts Anderes übrig, als sich in jedes noch so kleine Loch zu pressen und die eine oder andere Beule zu riskieren. So erklärt sich das vielseitige Erscheinungsbild auf den Straßen: Jedes Fahrzeug ist ein Unikat, liebevoll verziert mit kleinen Lackakzenten und akribisch eingeprägten Dellen. In Frankreich geht man wesentlich entspannter mit solch kleinen Schäden um. Immerhin wird man regelmäßig mit amüsanten Einpark-Spektakeln entschädigt, die nie ohne Kontakt zum Vordermann ausgehen. Auch das Hupkonzert zur alltäglichen Rush-Hour sollte man sich nicht entgehen lassen.

Franzosen haben es immer eilig und zögern nicht, es den anderen lauthals mitzuteilen. Da wären wir beim nächsten Punkt: In Paris dreht sich die Welt ein bisschen schneller. Den ganzen Tag tummeln sich die Menschen wie Ameisen auf den öffentlichen Plätzen. Und weil man anscheinend nie Zeit hat, ist die Multitasking-Fähigkeit bei den Pariserinnen stark ausgeprägt. Kaffee schlürfend bummeln die besten Freundinnen in ihrer Mittagspause durch die überfüllten Geschäfte, unterhalten sich angeregt und führen nebenbei noch ein Telefonat mit dem Chef. Das erklärt auch das obligatorische Zu-Spät-Kommen: “Ich hatte noch ein Rendezvous mit meinem Vorgesetzten bevor ich auf dem Weg zum Friseur noch ein paar Erledigungen machen musste, weshalb ich die Bahn verpasste und jetzt eine halbe Stunde später auftauche als verabredet.“

Nur einige Minuten am Tag steht die Zeit in Paris still. Zum Beispiel, wenn man mittags mit den Kollegen diniert. So kann sich eine Pause schon mal auf ein, zwei Stündchen ausdehnen. In solchen Momenten bekommt man ein Stück französische Gemütlichkeit zu spüren, die ja eigentlich schon am Morgen beginnt. Entgegen uns deutschen Frühaufstehern fängt ein französischer Arbeitstag nicht vor neun Uhr an. Damit soll aber nicht gesagt sein, es handle sich um ein arbeitsscheues Volk. Im Gegenteil: Franzosen opfern ihren ganzen Tag für den Beruf und man wird nur selten Menschen sehen, die vor sechs oder sieben Uhr ihre Dienststelle verlassen. Auch mit dem Urlaub ist es so eine Sache, den kennen Berufseinsteiger nämlich so gut wie gar nicht. Nur im Sommer fliehen die Pariser aus der Stadt in ihre Résidence am Meer und verwandeln die Metropole in einen nahezu menschenleeren Ort, in den sich nur die üblichen Touristen verirren. Der Smog-Hitze haben wir es auch zu verdanken, dass die Pariserinnen ganzjährig unbestrumpft durch die Stadt tänzeln und auch sonst nicht allzu üppig, aber stets stilvoll gekleidet sind.

Eigentlich ist es dann gar nicht mehr nötig, sich für den Abend nochmals aufzumotzen. Von der Uni direkt ins Café, danach zum Essen ins Restaurant und dann ab auf die Piste. Nur nicht zu Hause rumhängen. Das Leben von Paris findet man auf der Straße. Ob ein Besuch im Kino, die nächst gelegene Bar oder ein Konzert: diese Stadt hat einfach alles zu bieten. Besonders Freunde von Kunst und Kultur kommen hier nicht zu kurz. Mit über 160 Museen, 200 Kunstgalerien und 100 Theatern bietet Paris ein unvergleichbares Repertoire an kulturellen Weiterbildungsmöglichkeiten. Es ist ein Muss für alle Kunstbegeisterten unter 26, denn die haben fast überall vergünstigten Eintritt in Galerien und Ausstellungen. Und wer das Wort Louvre nicht mehr hören kann, dem sei gesagt: es gibt genügend Alternativen und meist sind es gerade die kleinen Museen wie das Musée Picasso oder das Petit Palais, die durch ihren Charme begeistern. Ähnlich verhält es sich mit den Kinos. Neben den bekannten Mega-Ketten findet man in Paris hunderte von kleinen unabhängigen Vorführsälen, die abseits von Mainstream-Geschmäckern alternative Filme und sogar die alten Hollywood-Klassiker in ihrem Programm haben.

Auch die architektonische Vielfalt der Stadt darf nicht unberücksichtigt bleiben. Von den historischen Wurzeln des Mittelalters bis in die heutige Moderne ist in Paris jede Epoche architektonisch vertreten. Dabei prägt das Phänomen der Urbanisierung das Stadtbild entscheidend mit. Das sogenannte Terrassenbausystem ist eine ausgeklügelte Methode, um viele Menschen auf wenig Raum unterzubringen und so findet man in fast jeder Straße abgestufte Häuserfronten, die man aus Deutschland eher selten kennt. Hier wie dort besteht die Lieblings-Abendbeschäftigung in einer Party – besser gesagt einer Soiree – unter Freunden. Den ganzen Abend wird sich angeregt unterhalten und wenn man – wie ich – kein Profi der französischen Sprache ist, wird man beim ersten Mal von einem riesigen Redeschwall überrollt. Small-Talk ist die Lieblingsbeschäftigung in Frankreich.

Auf dem Campus wird nie ein bekanntes Gesicht an dir vorüber gehen, ohne nicht wenigsten zu fragen „Salut, ςa va?“ Danke, mir geht´s gut. Nur dass ich mich manchmal etwas schäme, auf eine Frage nur mit ja oder nein zu antworten. Denn es ist üblich, mindestens drei Sätze am Stück zu sprechen. Ohne Luft zu holen. Die Beweglichkeit und Ausdauer französischer Sprechorgane ist wirklich bewundernswert. Kommunikation
wird hochgeschätzt und nimmt die anfänglichen Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Interaktion. Ein enormes Hilfsmittel dafür sind auch die Küsschen, die zum guten Ton von Begrüßung und Abschied gehören. Jeder kriegt zwei auf die Wange, egal ob es die besten Freunde oder völlig Unbekannte sind. Bei meinem letzten Abend in Paris habe ich eine Abschieds-Runde gemacht und bei 30 Bussis aufgehört zu zählen. So umständlich das auch erscheinen mag, es sind die wohl besten sozialen Hemmungs-Killer der Welt.

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