Rezension: VerFLIXte Lügengeschichten

Flix, einer der bekanntesten deutschen Comic-Künstler, nimmt sich den Lügenbaron Münchhausen vor, überlässt das Zeichnen aber seinem Kollegen Bernd Kissel. Das Ergebnis begeistert mit kreativem Plot und klugem Witz.

von Frank

Erst Faust, dann Don Quijote: Nach zwei waschechten National-Epen aus der ersten Liga der Weltliteratur begibt sich der Berliner Zeichner Flix nun ins Metier der volkstümlichen Erzählungen. Und wie schon bei den beiden früheren Adaptionen präsentiert er uns den Helden als einen aus der Zeit Gefallenen: Der berühmte Baron Münchhausen taucht im London des Jahres 1939 auf. Oder zumindest ein Mann, der steif und fest behauptet, eben jener Adlige zu sein – und geradewegs vom Mond zu kommen. Ein Schwindler? Ein Verrückter?
Das zu ergründen rufen die Briten, die den seltsamen Besucher auf dem Dach des Buckingham Palace aufgegriffen und als vermeintlichen deutschen Spion inhaftiert haben, niemand geringeren als Doktor Sigmund Freud zu Hilfe. Während nun „der letzter derer von Münchhausen“ klar macht, dass er eigentlich nur schleunigst „zum Kaiser“ will (gemeint ist Wilhelm II.), muss er sich zunächst vom britischen Geheimdienst allerlei Fragen gefallen lassen: „Sie Sie ein Spion?“, „Arbeiten Sie für Adolf Hitler?“ – der alte Freud hingegen versucht es zunächst mit einem routinierten „Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?“
Flix gelingt es bei seiner Modernisierung literarischer Klassiker, auch Ernsthaftes einzuflechten – etwa das Thema Demenz in seinem Don Quijote. Hier nun widmet er sich, gemeinsam mit seinem Kollegen Bernd Kissel als Zeichner, auf fast 200 Seiten der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Das Ergebnis ist darum auch beileibe kein klassischer „Kinder-Comic“: Es gibt körperliche Gewalt, Sex, (Kriegs-)Tote; bisweilen bringen die eigentlich unterhaltsamen Berichte des Barons eine regelrecht düstere Stimmung mit sich.

Kissels schwarzweiße Zeichnungen erinnert dabei stark an frankobelgische Comics (etwa Spirou), was nicht verwundert, erhielt er doch seine Ausbildung zum Trickfilmzeichner am „Lycée technique des Arts et Métiers“ in Luxemburg. Sein Können zeigt sich nicht nur in der detailgetreuen Umsetzung von Witterung, Gebäuden oder Innenräumen; visuell genial löst er auch die Verbindungen zwischen Therapiesitzungen und Rückblicken des Barons. Diese Rückblenden führen uns mit Münchhausen unter anderem ins kaiserliche Berlin des Jahres 1913 („Soldat willste wer’n? Dit woll’n alle!“), ins sommerliche Sarajevo des Attentatstages 1914, zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in den denn auch der allseits bekannte Ritt auf der Kanonenkugel verlagert wird.
Durch diese neue Einbettung bekannter Lügengeschichten bleibt Münchhausen von Flix und Kissel spannend bis zum Schluss. Dazu trägt vor allem die Rahmenhandlung mit Freud und dem britischen Geheimdienst bei (Freud lebte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges tatsächlich – über 80 Jahre alt und schwer krebskrank – im Londoner Exil, nachdem er Wien nach der Machtübernahme der Nazis verlassen hatte). Das Ende der Geschichte kommt unerwartet, ist aber ebenfalls großartig erzählt.
Einziges Manko an diesem Mix aus Coming of Age-Story und Alternativgeschichte des 20. Jahrhunderts: Es bleibt unklar, was eigentlich das Thema ist. Sind die immer wieder eingeflochtenen Fragen (Was ist wahr? Was ist Lüge? Und wo ist der Unterschied?) wohlmöglich nur vordergründig von Bedeutung für diesen Comic? Aber vielleicht ist es ja gerade das Verdienst von Flix und Kissel, dass sie nicht zu sehr aufs Tiefgründige abheben.
Dafür werden uns schließlich andere brennende Fragen beantwortet! Nämlich: Wie kommt man zum Mond? Und was findet man auf dessen Rückseite? Die Antwort auf letztere Frage sei hier bereits verraten: Erdbeeren! Oh, und Steve Jobs! Wer jetzt glaubt, das sei gelogen, der liest am besten selbst…

Flix & Bernd Kissel:
Münchhausen – Die Wahrheit übers Lügen
Carlsen 2016
192 Seiten
17,99€


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