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Enemy Alien – Eine Kindheit im Internierungslager

1 Oktober 2020 No Comment

© Cross Cult

Als Kind im Internierungslager: Star-Trek-Star George Takei schildert in seiner Graphic Novel seine Erfahrungen als Japano-Amerikaner in den 1940er Jahren. Wir haben das Buch für euch rezensiert.

von Ladyna

“Geschichte ist ein Roman, der stattgefunden hat, der Roman ist Geschichte, wie sie hätte sein können”, schrieb Edmond und Jules de Goncourt schon 1866. Und in diesem Sinne ist es besonders naheliegend und auch nichts neues, Geschichten über Geschichte zu schreiben. Spannend wird diese Herangehensweise erst, wenn das Kapitel der Weltgeschichte, das erzählt ist, verhältnismäßig unbekannt oder wenn wichtige Botschaften für die Gegenwart transportiert werden. Beides ist in George Takeis Graphic Novel „They calles us enemy – Eine Kindheit im Internierungslager“ der Fall. Der spätere Star Trek Darsteller, der als Lieutenant Hikaru Sulu weltbekant wurde, erzählt darin seine eigene Geschichte als Sohn japanisch stämmiger US-Amerikaner während und nach des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor und dem Eintritt der Staaten in den Krieg wurden wohl in Amerika lebende Japaner als auch japanisch stämmige Staatsbürger als Enemy Alien und damit als Sicherheitsrisiko eingestuft. Konkret bedeutete dies, dass 1942 Bewohner der Westküstenstaaten mit japanischen Vorfahren in Internierungslager umgesiedelt wurden. Davon waren schätzungsweise 110.000 Menschen betroffen, weitere 10.000 mussten in andere US-Bundesstaaten umsiedeln.

Dass dieser Teil der Geschichte sehr wenig mit einer Gruppe Menschen zu tun hat, die ein Sicherheitsrisiko dargestellt hätten, und sehr viel mit Rassismus, macht das Buch überdeutlich klar. Gerade deswegen ist es auch so brandaktuell. „Es gibt keine Berichte übersubversive Aktivitäten wie Spionage oder Sabotage durch Japano-Amerikaner und das ist verdächtig, denn die Japaner sind undurchschaubar“, so der Generalbundesanwalt von Kalifornien im Buch. Das zeigt die himmelschreiende Ungerechtigkeit der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: es geht nicht darum, was Menschen wirklich getan haben. Und genau deswegen bleibt den Betroffenen kein Handlungsspielraum, sie werden entindividualisiert, ihnen wird gar die Selbstbestimmung abgesprochen. „Sicherlich mögen viele von ihnen vorhaben, loyal zu sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wer will dann mit Sicherheit sagen, dass ihr Blut nicht anders entscheidet?“, drückt der Bürgermeister von Los Angeles diese Einstellung aus.

So landet der kleine George mit seiner Familie in den Ställen der Pferderennbahn von Santa Anita, der die ganze Tragweite dieser Entwürdigung noch gar nicht begreift. Später wird die Familie nach Arkansas gebracht, in einem Zug voller verzweifelter Menschen. Und trotzdem schaffen es die Eltern, für ihre Kinder ein gewisses Maß heile Welt aufrechtzuerhalten, die Schrecken zu verbergen. „Ich sah Menschen weinen und verstand den Grund nicht. Daddy sagte, wir fahren in den Urlaub. Ich dachte, jeder fährt mit einem Zug voller bewaffneter Wachen in den Urlaub.“ Die Familie landet im östlichsten der so genannten „Umsiedlungszentren“. Die Lager wurden vom US-Militär bewacht und erst 1945 wieder aufgelöst. Ganz zu schweigen von den materiellen Verlusten der Betroffenen, die nur begrenztes Gepäck mitnehmen durften und der allgemeinen Verschärfung des Rassismus gegenüber japanischen Amerikanern war auch die medizinische und die allgemeine Lebensqualität in den Internierungslagern prekär.

Held in der alltäglichen Unterdrückung

Spätestens an diesem Punkt wird klar, wer die eigentlich interessanteste Figur der Graphic Novel ist: der Vater. Er, der stolze und überzeugte Amerikaner, der von der Regierung auf seine japanischen Wurzeln reduziert wurde, der unter der Erniedrigung und den schlechten Lebensbedingungen für seine Familie leidet und sich gleichzeitig als Blockvertreter besonders angreifbar macht. Eine steht für eine Form von Patriotismus, die auch sein eigener jugendlicher Sohn später kaum nachvollziehen kann. „Trotz allem, was wir erlebt haben, ist unsere Demokratie immer noch die beste der Welt“, sagt er am Abendbrottisch. Ist das naiv oder weitsichtig, angesichts all der real erlebten Ungerechtigkeit? Denn die öffentliche und juristische Aufarbeitung ließ auch nach Kriegsende noch lange auf sich warten: erst mit der Bürgerrechtsbewegung in den 60ern wurde Kritik gegen die Internierung öffentlicher, die formale Aufhebung der gesetzlichen Grundlage, der Executive Order 9066, erfolgte erst 1976.

Die Graphic Novel geht weit über einen Bericht der eigenen Erfahrungen hinaus, sie setzt klare Statements, will manchmal belehren und lebt von eindrucksvollen Szenen. Wie jener, als die Lager geschlossen werden sollen und die Internierten nicht wissen, wohin sie gehen sollen, nicht wissen, wie sie mit den Menschen da draußen, die sie zu hassen gelernt haben, zusammenleben sollen. Dabei ist der Zeichenstil nicht besonders innovativ, schlicht und schwarzweiß, sehr geradlinig. Visuell macht dieses Buch keine Experimente, liefert keine Innovationen. Die klare Sprache Takeis steht im Vordergrund, dem es gelingt, Weltgeschichte an seiner eigenen Biografie begreiflich zu machen. Dabei arbeitet er mit viele Erzählbögen und Zeitsprüngen, so dass die erzählerische Ebene deutlich verspielter wirken, als dass bezüglich der Zeichnungen der Fall ist. Vielleicht ist Graphic Novel auch einfach nicht das ideale Medium, um George Takeis Geschichte zu erzählen. Denn die psychischen Verletzungen, die die Menschen davon getragen haben, die innerfamiliäre Dynamik, die Meinungskonflikte zwischen patriotischem Vater und pubertierendem Sohn, hätten an vielen Stellen mehr Raum gebraucht, mehr Innensicht. Doch vor allem hat George Takei ein wichtiges Buch geschrieben, dass eine Facette von Rassismus aufzeigt, die weniger bekannt ist: und damit auch aufzeigt, wie tief verankert das Problem in der Gesellschaft ist. Und er zeigt seinen unerschütterlichen Glauben daran, dass die schlechten Seiten der Gesellschaft von den guten überwunden werden können: eben, weil es Menschen wie Takeis Vater gibt, dessen Glaube an das Gute der Demokratie unerschütterlich scheint.

 

George Takei, Justin Eisinger, Steve
Scott & Harmony Becker:
They Called Us Enemy. Eine Kindheit im
Internierungslager
Cross Cult Verlag 2020
208 Seiten
24,00 €


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