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Eine Legende aus Äthiopien

28 April 2009 No Comment

von Zweta

„Ein Taxifahrer erzählte mir in Addis eine seltsame Legende über die Herkunft der braunen Hautfarbe der Äthiopier, die durch einen Fehler der Schamanen eines Volksstammes aus Albinomenschen entstanden sei. Ich erfuhr auch so manches über die äthiopische ‚Blume‘ Addis Abeba – und natürlich über ihre Leute.“

Das große, silberne Tablett auf dem kleinen Holztisch spiegelte ein seltsam festliches Licht auf den Gesichtern der kleinen Gesellschaft von Äthiopiern, in der auch ich anwesend war. Im kleinen Restaurant, zu einer üppigen, traditionellen Mahlzeit und anschließend grünem Kaffee mit frischem Popcorn, sollte mein Abschied gefeiert werden.

Ein kleiner Junge kam am Tisch vorbei und bat mich, ich möge mit ihm kommen. Er führte mich durch die ganze Innenstadt von Addis Abeba. Dafür kaufte ich ihm einige Süßigkeiten, und er holte danach das Taxi von seinem Vater, um mich zurück in die Gastwohnung zu bringen. Es war ein kleines, blau-weißes Auto, worauf die Aufschrift „Taxi“ fehlte. Der Taxifahrer aber war sehr nett, und irgendwie fühlte ich mich dabei wie im märchenhaften Bagdad und nicht wie in Afrika. Der Vater sprach gut Englisch und erzählte mir viel über sein Heimatdorf. In Äthiopien, sagte er, herrsche Vielsprachigkeit, fast jeder Volksstamm habe auch seine eigene Sprache. Dass es sich um Dialekte handele, könne man nicht sagen.

Wir fuhren an einer orthodoxen Kirche vorbei. Mein netter Taxifahrer mit seiner fast aneuropäisierten Art setzte eine lachende Miene auf – seine Gesichtszüge aber waren fast europäisch, nur seine Hautfarbe braun. „Wissen Sie“, sagte er, „es gibt eine Sage von unserer Hautfarbe und der Vielsprachigkeit – wie die Christen mit ihrem sagenumwobenen babylonischen Turm.“ Die Mehrsprachigkeit sei Gottes Strafe für die unersättliche Menschheit, die Gott in der Himmelshöhe ihres Baus erreichen wollte. „Ich kenne eine Legende aus unserer Stammesgeschichte, aus einer Zeit, als unsere Götter noch fliegen konnten. Damals lebten sie noch mit uns auf Erden zusammen. Sie besagt, dass sie sehr verärgert waren, als die Menschen eines kleinen Dorfes auf dem Gebiet des heutigen Äthiopiens auch fliegen wollten.“

Fliegen sei ein uraltes Verlangen der ganzen Menschheit gewesen, erklärte mir mein Fahrer, und lachend betonte er, dass er Nachfahre sei von einem ururalten geistigen Führer, einem Schamane eben dieses Stammes. Im kleinen Taxi brach Gelächter aus, auch sein Sohn lachte herzlich. Er war ein großer Junge mit für sein Alter schönen Gesichtszügen und sportlichem Körper. „Aus Äthiopien kommen die besten Wettläufer der Welt!“, sagte der Junge. Warum nicht auch die besten Fußballspieler? Ja, er wolle Fußball spielen, da könne man berühmt werden, erwiderte er auf meine ablehnende Reaktion hin.

Aber zurück zu den Schamanen oder Medizinmännern aus dem Ururstamm seines Vaters. Sie wünschten sich also von ihren Göttern, die Begabung zum Fliegen zu bekommen, und schmückten sich mit Vogelfedern – was für die heutigen Äthiopier äußerst selten ist. Mein Fahrer lachte, aber wollte mir den Rest der Familienlegende nicht vorenthalten. „Damals waren in dieser kleinen Gemeinde alle Leute recht hellhäutig, so wie die Europäer. Wir waren Albinomenschen, und sogar Rothaarige gab es. Wir waren“, sagte er, „nicht wie die übrigen Afrikaner. Da unsere Vorfahren nun aber fliegen wollten, wurden die Götter zornig und bestraften meine Vorfahren mit der braunen Hautfarbe. Seitdem tragen die Schamanen keine Federn mehr. Nur gelegentlich schmücken wir unsere feinen Baumwolltücher mit urtypisch-äthiopischen Mustern und tragen sie zu festlichen Anlässen. Daher kommen diese Muster.“ Er fuhr fort: „Die Äthiopier unterscheiden sich von anderen Afrikanern, sie haben eine eigene Kulturgeschichte. Viele kleine Völker leben zusammen in diesem recht großen, aber armen Land.“

Aus Sicht der heutigen historischen Entwicklung muss kurz erwähnt werden, dass die Hauptstadt von Äthiopien Sitz der Afrikanischen Union ist und über sehr gute politische Beziehungen zu Europa verfügt – besonders zu Bulgarien, was übrigens mein Herkunftsland ist. Während des Kalten Krieges kamen viele äthiopische Kinder nach Bulgarien zur „Assambleja na mira“, dem „Forum des Friedens“. Sie brachten Baumwolltücher mit wunderschönen Mustern mit nach Bulgarien.“

So endete meine Abschiedsfeier im Taxi vor meinem Gasthaus und mit einem herzlichen Gruß aus Addis: Der Junge schenkte mir ein bemustertes Baumwolltuch als Erinnerung an die seltsam schöne Blume Addis Abeba.

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