Ein Hoch auf mangelnde Erziehung!
‘von Santy Masciar (Gitarrist, Gitarrenlehrer, Italienischlehrer), Weimar 2003′, ‘Ich wohne in Deutschland seit etwas mehr als drei Jahren. Vielen von Euch dürfte die Situation bekannt sein, wenn man in ein fremdes Land kommt, um dort länger zu bleiben – am Anfang hat man ein Gefühl, vergleichbar dem das ein Fisch spüren würde, wenn er sich plötzlich in einem unbekannten Meer befinden würde.
Natürlich kann er noch schwimmen und fressen, aber alles was ihn umgibt, sieht anders aus – seine Mitschwimmer, die Umgebung und sogar Geschmack und Gerüche. Wegen, oder – ich wage zu sagen – dank dieses ungewöhnlichen Zustands oder Gefühls, entwickelt sich, natürlich nur, wenn vorher das Gehirn gut ernährt wurde, ein Prozess der den Fisch so wie den Mensch dazu bringen wird, sich nicht nur einzuleben, sondern auch sich durchzusetzen.
Mann macht natürlich auch interessante Beobachtungen, wenn man seine neue Umgebung genauer betrachtet. Es gibt da ein Thema, dass mich schon immer fasziniert hat, aber seitdem ich in Deutschland lebe, ist es zu einer Besessenheit geworden: Erziehung oder vielmehr Nicht-Erziehung.
Vielleicht übertreibe ich gerade, aber wieso sollte ich nicht übertreiben? Ich schicke voraus, dass ich kein Schriftsteller oder Journalist bin – deswegen bitte ich euch, mir zu verzeihen, falls ich ab und zu Umwege nehmen sollte. Ich kann – oder besser – will beim Sprechen oder beim Schreiben keinen geraden Weg gehen. Ich denke, dass spontane Äußerungen viel ehrlicher sind als die Künstlichkeit unserer Gedanken. Deswegen schenke ich gerade den spontanen Gefühlen Gehör. Wenn ich einige Worte höre – z.B. Erziehung, Bildung, Moral, Selbstverständnis – überfällt mich immer ein unerträglicher Juckreiz. Wenn Leute in Unterhaltungen mit mir solche metaphysischen Begriffe benutzen, wird mein Juckreiz so stark, dass ich mich gleich duschen muss. Ich rate euch, Euren Körpern mehr Gehör zu schenken wenn die Leute oder die Lehrer euch erziehen wollen, weil der Körper der beste Indikator ist, den wir haben.
Die Menschen haben angefangen weniger mit dem Körper zu spüren seitdem sie Kleider angezogen haben. Jedes Tier kommuniziert mehr mit dem Körper. Natürlich kann man Menschen und Tiere nicht eins zu eins vergleichen. Aber…denkt ihr nicht auch, dass Erziehung, die alte Schwester der Moral, einfach die Kleidung darstellt, die wir jeden Tag anziehen bevor aus dem Haus gehen? Diese Kleider haben im Laufe der Zeit die Menschen verstummen lassen – wir sind immer unempfindlicher gegenüber Intuitionen und Körperäußerungen geworden. Die Frage ist deshalb: Wie können wir es schaffen, diese Kleider zu zerreißen?
Wir sollten damit beginnen andere Begriffe zu benutzen, Begriffe, bei denen wir keinen Juckreiz bekommen: “sich widersprechen”, ” sich verarschen”. Benutzt Ironie, auch für die heiligste Sache und vor allem versucht zu “entgleisen” – damit kein Erzieher uns auf das Abstellgleis Erziehung zwingt.
Was das mit meinem Aufenthalt in Deutschland zu tun hat? In Deutschland habe ich Leute kennen gelernt, bei denen ich mich sehr wohl gefühlt habe – auch weil die Menschen hier, so sehe ich das, im Allgemeinen sehr aufgeschlossen sind. Trotzdem habe ich auch in Deutschland den schon bekannten Juckreiz spüren müssen. Wieso?
Das leise Sprechen, der ständige Versuch, andere Leute nicht zu stören, diese idealtypische Erziehung, das Nicht-Jammern beim Schlange-Stehen etc. Warum ist das so? Das Nicht-Hupen im Straßenverkehr hat mir schon körperliche Unbequemlichkeiten verursacht. Dieses Streben nach Schweigen, bringt die Menschen dazu zu denken, dass die menschliche Stimme – eines der schönsten göttlichen Geschenke, um Schmerz, Freude und Dummheiten auszudrücken – etwas ist, was es zu verstecken gilt. Ich glaube auch, dass die Deutschen im Urlaub im Ausland genau das Gegenteil suchen: das laute Unterhalten. Das fasziniert sie total und so wie Kinder freuen sie sich auf den verrückten Verkehr. Und wenn sie wieder nach Hause zurückkehren, legt die Erziehung ihre Hand wieder auf ihre Köpfe. Genau das finde ich schade: dass ein so anspruchsvolles und offenes Volk von der Erziehung so stark eingeschränkt wird.
Die wirkungsvollste Verteidigung gegen übermäßige Erziehung, denke ich, sind Flexibilität und die Selbstironie in jedem Moment des Tages und in jedem Gedanken. Ich meine eine gesunde Flexibilität und Ironie, die uns für vieles empfänglicher macht und intellektuelle Verspannungen vermeiden würde. \r
Wie kann eigentlich das Leben von diesen beiden letztgenannten Aspekten, Flexibilität und Ironie, getrennt werden? Es wäre gerade so, als ob wir Feuer von dem Wasser trennen würden, in dem wir ein Süppchen kochen wollen… ohne Feuer können wir uns leckere Gerichte aus dem Kopf schlagen!!! Eigentlich wollte ich nur ein Lob auf das Nicht-Erzogen-Sein schreiben – ist es aber nicht auch ein Lob auf die Flexibilität – Flexibilität, die Freiheit ausmacht?
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