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„Ich bin wie einer, der mal bei Renault arbeitet, dann wieder bei Audi…“

5 Juli 2012 No Comment
(Foto: © Manuel Krug)

(Foto: © Manuel Krug)

Dieter Moor über seine Erfahrungen und politischen Einstellungen als Bio-Bauer in Brandenburg und seine Einstellung zu titel thesen temperamente, der wöchentlichen Kultursendung im Ersten.

unique: Vor knapp einem Jahrzehnt sind Sie von der Schweiz in die brandenburgische Provinz gezogen und haben einen Bio-Bauernhof eröffnet. In Ihrem Buch, Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht: Geschichten aus der arschlochfreien Zone, berichten Sie über den Charme Ihrer neuen Wahlheimat. Wie sind Sie denn jetzt angekommen, in Ihrem Dorf?
Dieter Moor: Schwer zu sagen. Ich habe komischerweise von Anfang an schon das Gefühl gehabt: Das ist mein Dorf. Ich habe mich nie fremd gefühlt.

Und jetzt führen Sie sogar den Kampf für einen „Konsum“, wollen einen alten Einkaufsladen auferstehen
lassen?
Ja, wir, meine Frau und ich, haben bewusst versucht, das aus dem Dorf heraus anzuregen, dass sich eine Genossenschaft bildet. Aber es gab diese anderen, meines Erachtens nicht sehr klugen Leute, die meinten: Jetzt müssen wir dagegen sein, sonst kommen unzählige Reisebusse in unser Dorf. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Am Anfang war ich darüber auch erschrocken. Und dann hat sich herausgestellt, dass das genau neun Leute sind. Acht davon sind – Zufall oder nicht –, zugezogene „Wessis“. Das gibt es anscheinend oft: Dass Leute aus Westdeutschland in den Osten ziehen, in kleine Dörfer, und dann denken, das wird jetzt wie 365 Tage im Jahr „Club Robinson“. Aber das ist eben ein Dorf. Da wird getrunken, gefeiert. Da ist es mal laut.

Sie touren seit längerer Zeit durch Deutschland und berichten von Ihren Erfahrungen in Brandenburg. Wie nehmen die Zuhörer Ihre Geschichten auf?
Oft sehr positiv und teilweise erstaunt. Ich habe in Köln eine Lesung gehabt, dann kam eine ältere Dame und sagte, sie stammt ganz ursprünglich aus Brandenburg und jetzt muss sie da noch mal hin. Das finde ich dann richtig schön.

Das klingt fast nach einer Mission, die Sie verfolgen?
Am Anfang war das schon so. Diese Vorurteile fand ich extrem ungerecht. Ich erlebe zwar nicht den Osten, sondern ein einzelnes Dorf. Aber auch wenn ich mir dieses anschaue: Da ist niemand reich. Alle haben Probleme, wie viele Dörfer im Osten. Und trotzdem: Jeder versucht in einer ganz pragmatischen Weise die Frage zu beantworten: Was machen wir daraus? Tun wir mal was! Jeder ist am Bauen, am Basteln, am Tun, am Machen. Letztendlich wollen sie es alle einfach gut haben! Dieses Klischee des passiven „Jammerossis“, das ist einfach ungerecht. Das hat mich genervt. „Mission“ ist trotzdem übertrieben. Es war mir eine Freude, eine andere Sicht einzunehmen, sie auch zu veröffentlichen. Um mal zu meiner eigentlichen Mission zu kommen: Brandenburg hat früher Berlin ernährt, das ist heute nicht mehr so. Die Berliner konsumieren unglaublich viele Bio-Lebensmittel, aber nur 30 Prozent davon sind aus Deutschland. 70 Prozent sind also schon wieder nicht so richtig Bio, weil sie von weit her kommen. Und in Brandenburg wäre alles da. Es ist der Boden da, es ist das Land da. Man könnte wieder dahin kommen mit kleinteiliger Landwirtschaft. Leider ist die Brandenburger SPD nicht in der Lage, da auch was zu tun. Wir haben möglicherweise allgemein eine gute Regierung, aber in der Hinsicht stecken sie in den 1970er-Jahren. Mähdrescher, Monokultur, Bio-Dieselfelder. Man könnte Arbeitsplätze schaffen, die Brandenburg dringend benötigt. Unsere Landschaft ist weitestgehend unverdorben. Das könnte die Toskana Deutschlands sein. Brandenburg hat mehr Sonnenstunden als fast alle anderen Bundesländer.

Wo genau liegt das Problem mit der SPD?
Sie denkt einfach immer industriell. Gegen die Partei ist allgemein nichts zu sagen, aber sie folgt implizit einer klaren Tradition: Da gibt es Großbetriebe, da gibt es Arbeiter, da gibt es Gewerkschaften – und die Gewerkschaften müssen wir unterstützen. Sie haben es nicht geschafft, zu begreifen, dass wir in einer Dienstleistungsgesellschaft leben. In der Landwirtschaft ist es immer noch extrem industriell. Man müsste wieder zurückfinden in die Kleinteiligkeit, dass Know-How und Arbeitskraft wieder einen Wert haben. Wir haben oft Studenten von der Hochschule Eberswalde bei uns, die ein Praktikum machen. Junge Leute stehen dann da und haben keine Perspektive. Entweder du beerbst einen Hof oder du bist Angestellter. Aber zu sagen: „Ich habe jetzt eine Ausbildung, ein Praktikum, zunächst arbeite ich drei bis vier Jahre auf einem Hof und dann gründe ich meinen eigenen.“ Das geht gar nicht. Wir hätten unseren Hof niemals gründen können, wenn ich nicht Geld verdienen würde. Das ist schade. Die Polen machen es viel besser. Die haben ihre Bio-Agrarwirtschaft gefördert ohne Ende und machen nun einen Reibach mit Berlin. Den Bauern zwischen Warschau und Berlin geht es richtig gut.

Wie wäre es mit der Piratenpartei? Die geht neue Wege und akzeptiert die Dienstleitungs- und Wissensgesellschaft…
Nein, die Piraten kann ich auch nicht wählen. „Geistiges Eigentum ist scheiße!“ – das heißt einfach, dass es bald keine Künstler mehr gibt. Wenn ich davon nicht leben kann, dass ich geistiges Eigentum „herstelle“, dann höre ich auf damit. Dann gibt es keine Kunst mehr. In einem solchen Land möchte ich nicht leben. Wenn jemand ein Buch oder Lied schreibt, dann soll es ihm auch gehören. Dieselben Leute, die für eine „App“ 99 Cent bezahlen, die wollen nicht für einen normalen „Text“ zahlen? Aber das ist ja klar, es ist immerhin eine „App“. Ich kann es nicht wirklich ernst nehmen, warum ein „Programmschriftsteller“ seine Kohle bekommt, aber ein „Wortschriftsteller“ nicht.

Geht es nicht vielmehr darum, das Problem der immer abrufbaren Daten des Internets, zu lösen?
Das ist ein großes Problem, aber es wird nicht dadurch gelöst, dass man sagt: Jetzt ist es frei für alle. Um ein radikales Beispiel zu nennen: Man kann so auch nicht die Kriminalität abschaffen. Jeder darf jeden erschießen und wir haben deswegen keine Mörder mehr? Die Verurteilungsrate wegen Mordes wäre zwar gleich null. Man könnte sagen, es gibt keine Morde mehr, weil wir es nicht mehr bestrafen. Aber das ist nicht Sinn der Sache. Ich glaube, die Piraten sind nur eine andere Form der FDP.

Haben Sie selbst politische Ambitionen?
Ja, aber dafür fehlt mir die Zeit. Ich weiß auch nicht, ob ich als Schweizer der Geeignete bin. Wir veröffentlichen die diversen Probleme, vor allem die der Bauern. Es gibt ganz viele Initiativen, die in diesem Bereich aktiv sind. In anderen Orten Brandenburgs sind Bürger gegen die Steinkohle. Der Tagebau wird wieder hochgezogen. Land wird wieder kaputt gemacht, die Energiewende gebremst. In einigen Schriften wird dann auch gefordert, dass die Kohle weg muss – zugunsten von Bio-Energie. Dann wird es spannend. Ich, als Bauer, kann dann nur nein sagen.

Warum sind Sie gegen Bio-Masse?
Weil Bio-Masse daran Schuld ist, dass Bauern sterben. Diese Biodiesel-Felder sind katastrophal für Brandenburg. Die Landschaft geht flöten, es gibt eine Menge Bio-Bauern, die ganz klein versuchen, etwas zu tun. Aber du musst circa zehn Jahre Bio-Wirtschaft betreiben, bis ein Millimeter Humus wieder vorhanden ist. Wir haben in weiten Teilen Deutschlands eine Humusschicht von 20 bis 30 Zentimetern. Die Arbeit unserer Vorfahren ist eine unglaubliche Kulturleistung. Das wird einfach übergangen. Deswegen denke ich, Bio-Diesel ist eine Katastrophe und der falsche Weg. Die Grünen haben das langsam kapiert, das war früher auch noch nicht so.

Von dem Gestank des Rapses einmal abgesehen!
Ja, neben einer Fabrik kannst du nicht leben! Und dann hauen die Leute ab, weil es nicht mehr schön ist. Dann jammern andere wieder, wegen der Entvölkerung, die Bahn-Stecke lohnt sich nicht mehr, usw. Ich habe dazu eine Verschwörungstheorie: Das ist Taktik. Denn wenn da keiner mehr ist, können die Firmen erst richtig loslegen.

Dann kann wenigstens alles mit Solaranlagen und Windrädern aufgefüllt werden…
Naja, konsequent umgesetzt wird das Projekt Energiewende nicht. Wir lassen aktuell alle Solaranlagenhersteller Pleite gehen. Es ist schon entscheidend, wer welche Lobby hinter sich vereinen kann. Die Biodiesel-Lobby ist dieselbe wie die Erdöllobby, das ist dieselbe Rücksichtslosigkeit. Das hat mit Bio wirklich nichts zu tun. Dass es überhaupt „Bio“ heißt! Da krieg ich ja schon so einen Hals.

Das ist heute eine Marke geworden…
Deswegen sage ich auch, dass wir uns nicht mehr Bio-Bauern nennen dürfen. „Traditionelle Bauern“, das wäre besser.

Eine völlig andere Frage zum Schluss: Es geht um ttt, titel thesen temperamente, die Sendung, die Sie im Ersten am Sonntagabend moderieren. Sind Sie langsam zufrieden mit der Sendung? 2007, als Sie die Moderation übernommen haben, wurde noch darüber berichtet, dass Sie fremdeln. Sind Sie im deutschen Mediensystem angekommen?
Nein, da bin ich nicht angekommen.

Inwiefern?
Das Erste Deutsche Fernsehen existiert ja gar nicht als Sender. Es existiert eine Sendergruppe. Und bei ttt ist es so, dass nach Größe der Senderanstalten produziert wird. RBB maximal drei-, viermal im Jahr. Die großen Sender MDR, WDR zwölfmal im Jahr. Es gibt auch keine ttt-Redaktion. Das machen die verschiedenen Redaktionen der dritten Programme, die ihre eigenen Kulturmagazine produzieren.

Haben Sie persönlich mit den Einzelbeiträgen nichts zu tun?
Wenig. Ich kann etwas einbringen, aber letztendlich bin ich ein Handlungsreisender. Ich bin wie einer, der mal bei Renault arbeitet, dann bei Mercedes, dann wieder eine Woche bei Audi.

Sie reisen jede Woche durch die Bundesländer?
Ja, jede Woche wird die Sendung an einem anderen Ort aufgenommen. Ich fände es schön, wenn wir einen eindeutigen, auch inhaltlichen Stil hätten, der nach fünf Sekunden Zuschauen zeigt: Das kann nur ein ttt-Beitrag sein. Von der Art wie er aussieht, wie die Bildsprache funktioniert, wie der Text ist, was auch immer.

Sie versuchen dies ja mit dem Schlussbeitrag zu erreichen, den Sie selbst betreuen – dem „Schluss mit Moor“.
Da kann man ein bisschen etwas schaffen, das stimmt. Das kanalisiert es ein wenig. Aber das war auch ein hartes Stück Arbeit.

Wird Ihr Beitrag also nicht weiter redigiert?
Doch, sie sagen schon ihre Meinung dazu. Aber es ist nicht so, dass ich wie ein Bittsteller, wie ein Journalist gegenüber dem Chefredakteur, auftreten muss. Wir sind mittlerweile auf Augenhöhe. Das war ein hartes Stück Arbeit. Sie haben den Schluss zunächst wie einen Beitrag behandelt.

Wie sind Sie allgemein mit den anderen inhaltlichen Beiträgen zufrieden?
Also die beiden letzten Sendungen, die waren wirklich gut. Aber ich habe am Anfang von ttt etwas Angst gehabt und bin noch immer skeptisch eingestellt bezüglich der Serie „Verfolgte Künstler“, die wir in jeder Sendung einbauen. Das finde ich etwas wohlfeil, das kann schnell in Richtung Betroffenheitsjournalismus abdriften. Als kulturell interessierter Bildungsbürger denkt man: „Das ist aber schon schlimm sowas!“ Und das war’s. Was fehlt, ist echter politischer Wille. Seit der Frankfurter Buchmesse, bei der China das Gastland war, bin ich sehr skeptisch. Wir können immer sagen: „Diese armen, unterdrückten Künstler!“ Aber letztendlich geht es doch ums Geschäft, das ist verlogen.

Herr Moor, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Stefan Laser.

 

Dieter Moor wurde 1958 in Zürich geboren. Dort studierte er auch an der Schauspiel-Akademie. Bekannt wurde er als Schauspieler und Moderator. In Deutschland ist er sonntags im Ersten bei titel thesen temperamente zu sehen. 2003 zog Dieter Moor zusammen mit seiner Frau aus der Schweiz in die brandenburgische Provinz, um einen eigenen Bio-Bauernhof aufzubauen, den das Ehepaar seitdem betreibt.

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