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Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache

29 Januar 2011 No Comment

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Denis Lukashevskiy wurde vom Goethe-Institut für den drittbesten Beitrag beim Wettbewerb „Mein Lieblingsbuch“ ausgezeichnet. Für die unique schreibt er, wie er zur deutschen Sprache kam.

von Denis Lukashevskiy

Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache hat ihre Wurzeln in den Schuljahren. In der fünften Klasse lernte ich ein Mädchen kennen, das mit ihren Eltern in unser Haus eingezogen war und neu in meine Klasse kam – meine erste ernsthafte Liebe! Zur selben Zeit sollten alle Schüler der fünften Klasse eine Fremdsprache auswählen (Englisch oder Deutsch), die wir bis zur elften Klasse lernen würden. Für mich gab es da nichts zu überlegen und als mich die Lehrerin fragte, sagte ich sicher: „Natürlich Englisch!“. Eine Minute später wurde Irina, das Mädchen aus der Nachbarwohnung, gefragt, die im Klassenbuch fast am Ende stand. Sie wählte Deutsch, weil ihre Familie eigentlich aus Deutschland stammte. Für mich war es ein Schock! Der Fremdsprachenunterricht sollte uns für zwei Stunden in der Woche voneinander trennen! Doch glücklicherweise hatten sich zu wenige für Deutsch entschieden und die Lehrerin fragte, ob vielleicht doch noch jemand wechseln wolle … So habe ich mit dem Deutschlernen angefangen, obwohl ich diese Sprache nicht mochte.

Lückentexte und Vokabellisten
Ein Jahr nach meiner Entscheidung für das Deutsche und Irina, zog Irina mit ihrer Familie nach Deutschland und mit ihr meine Motivation. Ich lernte zwar alles, was ich sollte, aber ohne den Willen zu verstehen, was ich da lernte. Dazu kam der unstrukturierte Unterricht unserer Lehrerin: So konnte ich nach sieben Jahren zwar einige Wörter übersetzen, aber Sätze zu bilden oder deutsche Texte zu verstehen, schien mir unmöglich. Zur Überraschung meiner Lehrer und mir selbst entschied ich mich dann aber kurz vor den Abschlussprüfungen (die in Kasachstan gleichzeitig die Aufnahmeprüfungen für das Studium sind) dazu, Deutsch zu studieren. Warum, wusste ich nicht so recht, aber irgendwie schien es mir plötzlich die richtige Entscheidung zu sein.
Da ich 2005 sogleich ein Stipendium für das Studium der Deutschen Philologie bekam, begann meine Zeit an der Universität vielversprechend. Doch der Deutschunterricht dort war oft nicht interessanter als in der Schule: Die Lehrbücher aus den 70ern berichteten von „neuesten Ereignissen“ wie der Mondlandung und erzählten von einer Zukunft im Jahr 2000, in der die Menschheit nur noch Gras zu essen haben würde. Es gab grammatische Übungen als Lückentexte und dazu listenweise Vokabeln, von denen ich die meisten bis heute kein einziges Mal gebraucht habe.

Schöne neue Welt
So begann ich einen intensiven Briefwechsel mit Deutschen im Internet, die etwas über meine „asiatische Welt“ erfahren und über ihre „europäische Welt” berichten wollten. Ihnen habe ich sehr viel zu verdanken: Ich wollte jedes ihrer Wörter verstehen und ich wollte, dass sie nicht nur meine Wörter richtig verstehen, sondern auch den Gedanken folgen konnten, die ich auf dem Papier nicht hinterlassen hatte. Dazu kam die Literatur: Nachdem wir im Fach „Hauslektüre“ „Das doppelte Lottchen“ gelesen hatten, bekam ich Lust, weitere Bücher auf Deutsch zu lesen. Ich verschlang eines nach dem anderen und fühlte mich unglaublich glücklich dabei, weil ich in einer Fremdsprache las und wirklich verstand, worum es ging. Außerdem entdeckte ich in den Büchern eine neue Welt, die Deutschland hieß.
Mit eigenen Augen sah ich diese Welt dann im Sommer 2008, als Stipendiat  eines DAAD-Sommersprachkurses. Alles um mich herum war wunderbar neu. Das begann schon mit den Zugfahrten, bei denen ich immer wieder umsteigen musste, während in Kasachstan die Züge lange Strecken fahren und eine Station von der nächsten mehrere Stunden entfernt sein kann. Von den Deutschen selbst hört man sehr oft, sie seien kalt und gleichgültig. Doch in einem kleinen Stehcafé in Konstanz geriet dieses Bild ins Wanken: Die Verkäuferinnen dort lächelten immerzu und sagten hundertmal „Vielen Dank!“, „Bitteschön!“ und „Alles Gute!“. Das klang so ungewöhnlich und so angenehm, dass ich auch ständig lächeln musste, weil ich mich so wohl fühlte!

Wie viele Kilos sind ein Zentner?
Viel Zeit verbrachte ich auch mit meinen Brieffreunden, bei denen ich mich abermals überzeugen konnte, dass nicht alle Deutschen „kalt und gleichgültig“ sind. Dabei gab es viel zu lernen, aber nicht nur für mich. Zum Beispiel war ich bei Andreas in Ulm und wir schauten „Wer wird Millionär?“. Eine der Fragen lautete: „Wie viele Kilos sind ein Zentner?“. „100!“ sagte ich, worauf mein Brieffreund auflachte. Wir begannen eifrig zu streiten und als der Moderator „50 Kilo“ sagte, war ich empört! Ich suchte sofort nach der Antwort auf kasachischen und deutschen Internetseiten und fand – beides. Erst da wurde uns klar, dass unsere Welten sich nicht nur durch Kulturen, Sprachen und Geschichte, sondern auch durch so alltägliche Sachen wie die Bedeutungen  von Maßeinheiten unterscheiden können.  Als ich von Deutschland nach Hause fuhr, fühlte ich mich ganz zerbrochen und konnte wochenlang das Leben in meiner Stadt nicht mehr akzeptieren. Stattdessen verkroch ich mich in deutsche Bücher, mit denen ich in Gedanken die Orte bereisen konnte, welche ich in Deutschland kennen gelernt hatte. Langsam wurde die Sehnsucht stiller, ich schloss mein Studium ab und fand eine Arbeitsstelle in der Abteilung für Außenbeziehungen an der Universität, an der ich studiert hatte.Aber als im Juni 2010 das Goethe-Institut den Wettbewerb „Mein Lieblingsbuch“ veranstaltete, beschloss ich gleich, einen Beitrag zu Bernhard Schlinks „Vorleser“ zu schreiben. Angesichts der 4000 Einsendungen schwand meine Hoffnung, die Jury zu überzeugen, doch ich errang den dritten Platz und wurde zur Preisverleihung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse eingeladen. Eine neue Möglichkeit nach Deutschland zu kommen und damit das beste Geschenk für mich!

Wo das Leben quillt
Bei meinem ersten Aufenthalt im Süden war mir Deutschland als Land erschienen, in dem es keine Probleme gibt, in dem alles geregelt und schön ist, in dem das Leben quillt. Doch diesmal hatte ich die Möglichkeit, fast eine Woche im Elternhaus eines Brieffreundes in Sachsen-Anhalt zu verbringen. Dort gab es viel typisch Deutsches: schöne Häuser mit gepflegten Gärten, prächtige Schlösser, märchenhafte Landschaften. Zu meiner Überraschung fand ich in der Nachbarschaft aber auch leere Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben,  Schilder „Zu vermieten“ an den Türen und verwuchertes Gelände am Stadtrand. Ich hatte früher gelesen, dass die Bevölkerung aus der ehemaligen DDR in den Westen strömt, aber bisher hatte ich mir die erschreckenden Folgen nicht so richtig vorstellen können. Dennoch: Ich war und bin von Deutschland begeistert, fühlte mich dort einfach überglücklich und warte schon ungeduldig auf eine neue Chance, es weiter zu erkunden.

Denis Lukashevskiy wurde 1987 in Kostanai, Kasachstan geboren. Er studierte Deutsche und Englische Philologie. Heute arbeitet er in der Abteilung für wissenschaftliche Arbeit an der staatlichen Universität Kostanai.

(Foto: Jeremy Hall)

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