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Die Gemeinschaft der nachtaktiven Halbaffen

8 Januar 2009 No Comment

Eine gestohlene Nacht in Jena

von gonzo

Meine Hände sind fleckig und fahl wie bei einem Vampir, hier und da durchstochen von rostigen Mückenstichen. Wenn ich zum Fenster gehe um einen verstohlenen Blick zwischen die schweren Vorhänge zu schieben, muss ich ständig aufpassen nicht über die Reihen von Wein- und Äther-Flaschen zu stolpern und an einer spitzigen Glasscherbe zu verbluten.

Es ist jetzt halb 5 Uhr am Morgen. Im eisigen, schwarz-belichteten Wohnzimmer ist nur das hypnotische Gesäusel meiner Whiskey-Cola zu hören. Die zwölfte an diesem Abend.

Kein Mensch scheint zu dieser Zeit noch wach zu sein. Kein Mensch? Schon zeichnet sich eine groteske Siluette vor der Gardine ab! Es ist: Ich! Betrunken, ja, abgedreht, vielleicht, aber durchaus ein ernstzunehmendes Mitglied einer höchst ehrenwerten Gesellschaft: Die Gemeinschaft der nachtaktiven Halbaffen. Dem Kollektiv konsequent denkunrichtiger Trunkenbolde, deren einzige Ziele darin bestehen, möglichst lange wach zu bleiben, Kette zu rauchen, die Musik auf zu drehen und Schattenspielen imaginärer Fluginsekten nachzujagen.

Früher saßen wir noch im Cafe. Mächtige Höhenwinde trieben Wolkenberge über den Horizont und über dich und mich hinweg. Sie spiegelten sich in unserer Tasse, denn man konnte noch draußen sitzen und eine schöne Zeit haben. Eine Zeit des Übergangs. Doch diese stimmungsvollen Wachsmalereien berührten uns nicht – die subtile Romantik bemerkte uns nicht. Unsere Augen waren violett, die Fingernägel schwarz und der Kaffee schmeckte nach abgefuckten Autoreifen. Bald wird es wohl schneien. Auch Nazis schmücken ihren Weihnachtsbaum und du und ich ja sowieso. Zu Weihnachten, wie letztes Jahr, ab 25. Dezember. Einige Leute gehen vorüber um irgendwo anders zu sein. Rettungswagen rasen mit Blaulicht vorbei um Nadeln und Tropfe und Schläuche, Katheter, Nähte und Drähte in klaffenden Mückenstichen zu vertauen.

In den Alleen? Kupferbraunes Laub und Tautropfen tropfen auf den Asphalt. Sie bilden eine spiegelnde Oberfläche. Darunter? Wohl nichts. Wer kann das schon wissen? Irgendjemand fragt mich nach einem Ozean, der hier mal war, damals, zur Urzeit. Aber was hat das schon zu bedeuten. Vielleicht gab es das Meer überhaupt gar nicht. Vielleicht schäumte nur eine entfernte Brandung? Ich weiß es weiß Gott nicht mehr. Und du und ich saßen ja auch lange im Cafe und haben nicht viel darüber nachgedacht. Und doch gedacht: Was denkst du? Über dich und mich mal nur so aus Interesse, das wir an allem verloren haben.

Irgendwo in den Straßen fallen Blätter von den Bäumen um halb 5 Uhr am Morgen in Jena. Sie bilden mein geräuschloses Publikum, deren Pointe ich morgen vergessen haben werde. Ich werfe nach ihnen mit Bierflaschen vom Fensterbrett, doch sie sind im Segelflug nur sehr schwer auszumachen und zu erhaschen. Ich muss mich darauf konzentrieren um wenigstens ein paar von den klammen Motherfuckern zu erwischen.

In der gemütsschweren Nacht liegt ein Dunst von muffiger Minze und überreifer Kirschen in der Luft. Überall kann man brunftige Halbaffen erspähen. Sie erklimmen Mülltonnen und Ampelmasten, Strompfeiler und schnippische Hausdächer. Weit aufgerissene Affenaugen. Wilde, schemenhafte Silhouetten, die durch die Dunkelheit rasen. Immerzu versuchen sie sich zu paaren, zu zerfleischen oder vor herannahenden Straßenbahnen zu fliehen. Verzweifeltes Aufheulen in den Gassen – eine Turmuhr die schlägt – verschwitzte Gorillas im Nebel. Unfähig ihr eigenes Dasein zu erkennen, zu erschließen – fassbar zu machen. Auf ewig gebannt in eine infantile Gebärde der Einfalt, ausuferndes Delirium. Ein eingebranntes Negativ an einer Hauswand in Hiroshima. Wir schauen uns die Radieschen von unten an.

Auf meinem Hausdach wünschen sich Fuchs und Hase Gute Nacht, während ich die Wohnung abschreite und lebhafte Konversation mit allen möglichen Gegenständen halte. Stearin tropft in Zeitlupe vom Kerzenständer auf die Tischplatte hinab. Im Aschenbecher bricht ein verheerendes Feuer aus. Riesige Tetris-Blöcke fallen vom Himmel herab und warten darauf im richtigen Winkel auf die Realität zu treffen. Ich falte ein Boot aus Papier und setze es in die Dachrinne zum Meer, ins Regenwasser, das verrinnt, bin Konquistador, bin Kind, bis mein Faltboot im Dämmer des Morgens versinkt.

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