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Der Triumph Huxleys über Orwell: Medienpolitik in der Russischen Föderation

9 Juni 2009 One Comment

Interview mit dem Journalisten und Buchautor Boris Reitschuster, Leiter des Moskauer Büros des Focus.

Das Interview führte Jura

Unique: In dem letzten Gasstreit zwischen der Russland und der Ukaine warfen sich beide Opponenten gegenseitig u.a. einseitige Berichterstattung vor. Wie haben Sie die diesbezügliche Berichterstattung in den russischen Medien wahrgenommen?

Reitschuster: In den russischen Medien wurde ausgesprochen einseitig und propagandistisch über die Auseinandersetzung berichtet. Die Fernsehnachrichten anzusehen ging bis an die Schmerzgrenze – so plump wurde dort Stimmung gemacht und Propaganda betrieben.

Unique: Die Menschen in Russland haben doch die Möglichkeit sich im Internet oder anderen Medien z.B. der „Nowaja Gazeta“ abseits der staatlichen zu informieren. Inwieweit werden diese genutzt und finden Eingang in das alltägliche Leben?

Reitschuster: Nur ein ganz geringer Prozentsatz der Russen nutzt die kritischen Medien. Deshalb kann sich der Kreml ein paar Feigenblätter wie die Zeitung „Nowaja gaseta“ leisten, solange die überwiegende Mehrheit der Menschen sich nur aus den staatlich gesteuerten Medien informiert. Das Fernsehen etwa ist ein reines Propaganda-Instrument wie zu Sowjetzeiten. Wer nur russische Nachrichten sieht, wird zu dem Eindruck kommen, Putin sei der Retter Russlands und ohne ihn wären die Russen verloren.

Unique: Hat sich die Berichtserstattung der russischen Medien mit dem Regierungswechsel im Kreml verändert? Medwedjew galt doch im Vergleich zu Iwanow als eher liberal?

Reitschuster: Medwedew und Iwanow gehören dem gleichen Petersburger Zirkel um Putin an. Innerhalb dieses Clans, der nach Ansicht von Kritikern den russischen Staat für seine eigenen Zwecke privatisiert hat, ist in der Tat Medwedew einer mit den liberaleren Ansichten. Vor allem ist ihm anzumerken, dass er keine KGB-Vergangenheit hat. Er ist offener, weniger zynisch. Aber auch wenn Medwedew formal Präsident ist, ist er in der wirklichen Hackordnung des Petersburger Putins-Clans nicht ganz vorne, da stehen Hardliner wie Putins enger Vertrauer Igor Setschin, ebenfalls Ex-KGB-Mann und heute Vize-Premier, weiter vorne. Die große Frage ist, ob Medwedew aus dem Putin-Clan ausbrechen kann. Es wäre in jedem Fall sehr riskant für ihn, aber sehr wünschenswert für das Land.

Unique: Die Studenten galten schon immer als eher kritische Konsumenten von Medienkost. Unterscheidet sich das Verhältnis der russischen Studentenschaft zu den Medien von dem der anderen Bevölkerungsteile?

Reitschuster: Die Mehrzahl der Studenten ist unpolitisch. Meinungsumfragen ergaben, dass in Russland anders als im Westen oft die Älteren die kritischeren sind, während die Jüngeren eher zu Konformismus und Angepasstheit neigen.

Unique: Finden humoristische Auseinandersetzungen mit dem System Eingang in Sendungen der großen russischen Fernsehsender?

Reitschuster: Nein, in den großen Fernsehsendern ist nur harmloser Witz erlaubt. Es darf schon mal über einen Minister gelächelt werden, aber in keinem Fall über Putin. So gibt es etwa gar keine Livesendungen mehr – vor allem, weil man Angst hat, da könnte etwas Despektierliches auf die Bildschirme kommen. Dadurch dass man nicht live sendet, kann man dann alles, was nicht ins Bild passt, raus schneiden.

Unique: Sind die Menschen in Russland mit ihrer Regierung mehrheitlich zufrieden? Welche Teile der Bevölkerung sind es nicht und warum?

Reitschuster: Den Menschen wird im Fernsehen und den großen Medien von früh bis spät regelrecht eingetrichtert, wie erfolgreich Putin ist, wie alles vorangeht, wie er die Probleme des Landes meistert und so weiter. Natürlich glauben da die meisten Menschen dran. Natürlich sehen sie im Alltag, wie vieles im Argen ist. Aber die Propaganda trichtert ihnen geschickt ein, dass sei überall in der Welt so, nirgends gebe es Demokratie oder Rechtsstaat, oder auch nur halbwegs soziale Gerechtigkeit. Dass es etwa in Deutschland ein trotz aller Probleme halbwegs funktionierendes Gesundheitswesen gibt, dass unsere Gerichte unabhängig sind, die Universitäten kostenlos – das weiß in Russland kaum jemand. Den Menschen wird wie im Sozialismus ständig weiß gemacht, dem Rest der Welt gehe es noch schlechter. Mir glauben etwa neue Praktikanten  regelmäßig nicht, dass ich noch nie einen Polizisten bestochen habe in Deutschland, dass bei uns bei Wahlen das Ergebnis nicht vorher feststeht und dass ich kein Bakschisch [Schmiergeld – Anm. d. Red.] zahlen muss, um einen Pass zu bekommen. Unzufrieden mit der Regierung sind diejenigen, die besser informiert sind und die Propaganda durchschauen.

Unique: Mit welchen Konsequenzen müssen Regimekritiker rechnen und wie wird darüber in den russischen Medien berichtet?

Reitschuster: Im Privaten können Sie kritisieren so viel sie wollen, anders als zu Sowjetzeiten. Wenn Sie die Kritik öffentlich äußern oder auf die Straße gehen, müssen sie mit Repressalien rechnen. Wenn ein Student demonstriert, bekommt er Rektor seiner Uni schon mal einen Brief von den Behörden mit der Aufforderung, ihn zu exmatrikulieren. Er kürzlich wurde so ein Fall öffentlich. Nur in den wenigen kritischen Medien wird über so etwas berichtet.

Unique: Mussten Sie persönlich schon Zusammenstöße mit der Staatsmacht erdulden?

Reitschuster: Mir wurde gesagt, ich hätte mit meinen Büchern mein Todesurteil unterschrieben, Moskaus Botschafter in Berlin beschwert sich regelmäßig, ich wurde festgenommen, von der Polizei verprügelt und mit dem Auto absichtlich angefahren. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen, das Signal ist klar – Journalisten sind vogelfrei. Auf staatlichen Internet-Seiten werde ich in den Bloggs als Saujude, Goebbels und Münchhausen beschimpft, der staatliche Vermieter verdoppelt mal die Wohnungsmiete, mal heißt es, es komme gleich ein Räumkommando. In der größten Boulevardzeitung des Landes wurde ich in die Nähe der Spionage gerückt.

Unique: Wie beurteilen Sie ganz allgemein die Berichterstattung russischer Medien?

Reitschuster: Ich würde sagen, nicht die Prognosen von Orwell haben sich bewahrheitet, dass man Bücher verbieten wird, sondern die von Huxley, dass man die Leute so weit bringen wird, dass sie nicht mehr lesen. Es wird heute viel geschickter manipuliert als zu Sowjetzeiten, man braucht keine eigentliche Zensur im klassischen Sinne mehr: Es reicht, die wichtigsten Medien zu steuern, ein bisschen Einschüchterung, ein bisschen Korruption, und Fernsehen und Massenblätter sind stramme Erfüllungsgehilfen des Kreml.

Unique: Gibt es eine Tendenz in der Medienentwicklung Russlands? Wenn ja, in welche Richtung?

Reitschuster: Die Tendenz ist eindeutig, dass Medien als Instrument der Herrschenden gesehen und genutzt werden. Dies entspricht ganz dem, was der Clan aus ehemaligen KGB-Leuten um Putin an ihren KGB-Hochschulen gelernt hat, und so setzen sie das heute auch um. Diese Leute glauben durchaus aufrichtig, freie Presse gebe es nicht, im Westen sei alles genauso manipuliert. Putin und seine Vertrauten gehen davon aus, Demokratie gebe es nicht, Menschenrechte seien nur eine Erfindung des Westens um Russland zu schwächen, Rechtsstaat sei eine Illusion, usw. Das Putin und seine Leute das wirklich glauben, und dass sie das den Menschen täglich einreden, ist das größte Problem, die eigentliche Tragödie Russlands. Das Land könnte nie von heute auf morgen demokratisch oder rechtsstaatlich werden – aber man muss den Leuten nicht ständig einreden, dass die bestehenden Missstände naturgegeben oder gar Errungenschaften sind.

Unique: Wir danken für das Gespräch.

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Bisher Eine Meinung zum Thema: Der Triumph Huxleys über Orwell: Medienpolitik in der Russischen Föderation

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  • Philipp meint:

    Wenn man einseitige Propaganda mag, sei einem Herr Reitschuster dringend empfohlen! Ein Meister der Propaganda, aber eigentlich nur eine Focus-Witzfigur!!

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